Zweite Liga

Unions Gegner Ingolstadt steht ganz im Zeichen der vier Ringe

Union empfängt in der Zweiten Liga den FC Ingolstadt, der den Aufstieg in die Bundesliga vor Augen hat. Dabei führten die Bayern bislang eher ein Schattendasein, trotz des zahlungskräftigen Sponsors.

Foto: Eibner-Pressefoto / pa/Eibner-Presse

Man stelle sich nur einmal vor, Ralph Hasenhüttl hätte nicht beim FC Ingolstadt angeheuert, sondern bei 1860 München. Gespräche hatte der Trainer in jenem Herbst 2013 jedenfalls mit dem einstigen Deutschen Meister geführt. Doch der Grazer entschied sich gegen die Tradition und für den Tabellenletzten der Zweiten Liga. Ein Glücksgriff, steht doch der Gegner des 1. FC Union am Sonntag (13.30 Uhr, Alte Försterei) praktisch vor dem Aufstieg in die Bundesliga.

Es ist die Krönung einer Erfolgsgeschichte, die erst 2004 mit der Fusion der beiden Ingolstädter Vereine MTV und ESV begann. Der Höhepunkt für einen Klub, der in all seinen Zweitliga-Jahren seit 2008 – nur unterbrochen durch das Drittliga-Intermezzo 2009/10 – stets als Geheimfavorit gehandelt wurde und doch am Saisonende noch nie in der oberen Ligahälfte landete. Jetzt ist dem FCI die Zweitliga-Meisterschaft kaum noch zu nehmen.

Es musste ja so kommen. Wie bei einem Werksklub üblich, der seit Jahren alimentiert wird vom ortsansässigen Autobauer Audi, ähnlich wie es bei RB Leipzig oder dem VfL Wolfsburg der Fall ist. Erkaufter Erfolg eben. Richtig. Und doch falsch. Trotz des Großsponsors, der mit acht Millionen Euro 40 Prozent im 20-Millionen-Euro-Etat ausmacht, ist das Konzept nicht ausnahmslos auf Erfolg und Gewinnmaximierung getrimmt, sondern auf Nachhaltigkeit. Das Nachwuchsleistungszentrum wurde im Januar von DFB und DFL mit der höchstmöglichen Wertung von drei Sternen versehen. Der teuerste Einkauf, Mathew Leckie, kam 2014 für 750.000 Euro vom FSV Frankfurt. Aufsteiger Leipzig hat für diese Spielzeit ein Transferminus von mehr als 22 Millionen Euro erzielt.

Spiegelbild einer Region im Aufschwung

Doch Ingolstadt ist auch weit entfernt vom Image eines Arbeiterklubs, selbst wenn das Stadion mitten in einem Gewerbegebiet liegt, auf brachliegendem Land einer früheren Ölraffinerie. Viel mehr sind die Schanzer – so genannt, weil Ingolstadt Jahrhunderte lang bayerische Landesfestung (Schanz) gewesen ist – ein Spiegelbild jener positiven Entwicklung, die die Region seit Jahren nimmt. „Die Mentalität ist anders als in Berlin“, erklärte Andre Mijatovic, von 2010 bis 2012 Kapitän von Hertha BSC und in Ingolstadt auf der Zielgeraden seiner Karriere: „Hier ist alles sehr bodenständig. Der Verein entwickelt sich Schritt für Schritt.“

Das klingt nach einem gehobenen Stück Fußballprovinz, mitten in Bayern. Die Anbindung an den größten Arbeitgeber ist da sicher nicht von Nachteil. Der Klub genießt inzwischen großen Rückhalt bei den Ingolstädtern. Allein das darf schon als Erfolg verbucht werden angesichts der Konkurrenz im Freistaat mit dem 1. FC Nürnberg im Norden, dem FC Bayern und 1860 im Süden und „Emporkömmling“ FC Augsburg im Südwesten. Viele Fußball-Fans haben ihre Herzen längst an einen dieser Klubs verloren.

Noch nie musste man befürchten, bei einem Heimspiel des FCI an der Tageskasse keine Karte mehr zu bekommen. Der Zuschauerschnitt in der 15.000-Mann-Arena beträgt 9210. Auch auf Auswärtsfahrten wird der Gästeblock nie voll. In der Alten Försterei werden am Sonntag einige hundert Anhänger erwartet.

Die Fan-Kultur wächst und wächst

Doch die Identifikation der Fans mit dem FC steigt beinahe täglich, nicht zuletzt auch durch die Berufung eines Vorstands für Fanangelegenheiten. „In Ingolstadt entwickelt sich das mit der Fan-Kultur“, sagte Alfredo Morales, wie Mijatovic einst Hertha-Profi und nun in Ingolstadt aktiv: „Wir werden toll unterstützt. Die Heimspiele gegen Leipzig und Nürnberg sind jetzt schon fast ausverkauft. So etwas hat es bisher hier nicht gegeben.“

Zu Saisonbeginn wurden 2000 Dauerkarten verkauft, in der Winterpause kamen noch einmal 3500 „Restrundenkarten“ hinzu. Man will dabei sein, wenn Ingolstadt als 54. Team in der höchsten Spielklasse ankommt. Und sich natürlich auch ein Vorkaufsrecht auf die großen Spiele gegen Bayern oder Borussia Dortmund sichern.

„Die Fußball- und Sport-Kultur ist noch jung. Aber es hat sich extrem viel entwickelt mit dem ERC Ingolstadt und uns“, fügte Mijatovic hinzu. Der ERC stand als Titelverteidiger gerade erst wieder im Finale um die Eishockey-Meisterschaft.

Hasenhüttl freut sich auf die Außenseiterrolle

So weit sind die Kicker sicher nicht. Doch der sportliche Aufschwung ist unübersehbar, dank Ralph Hasenhüttl. Er verordnete der Mannschaft schnelles Spiel mit frühem Pressing. Das Ergebnis steht im Vordergrund. Und wenn es „auch noch gut ausschaut, ist es nicht von Nachteil“, so Hasenhüttl.

Die Abgänge von Leistungsträgern wie Philipp Hofmann (Schalke) oder Caiuby (Augsburg) setzten Kräfte frei. Es gab neue Hierarchien, neues Selbstbewusstsein. Und jetzt der Aufstieg. „34 Mal Außenseiter in der Bundesliga, es gibt nichts Herrlicheres“, frohlockte Hasenhüttl bereits. Man stelle sich nur vor, er wäre seinerzeit nach München gegangen.