„Hey, FC Union!“ Kaum einen der 17.084 Zuschauer hielt es am Dienstagabend noch auf seinem Platz. „Wir singen: Hey, FC Union!“ Laut feierten die Anhänger des Berliner Fußball-Zweitligisten ihre Mannschaft. Schon Minuten vor dem Abpfiff der Partie gegen den Karlsruher SC waren sich praktisch alle sicher: Der 1. FC Union gewinnt zum Rückrundenstart mit 2:0 (1:0) gegen den Tabellenzweiten. „Damit haben wir den Fans ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk gemacht“, sagte Sebastian Polter.

Lange hatte man an der Alten Försterei darauf warten müssen, endlich mal wieder derart feiern zu können. „Jetzt sind wir sogar Spitzenreiter“, hörte man vereinzelte Rufe. Ja, die Rückrundentabelle gibt nach den vier Dienstagspielen ein klares Bild ab. Doch allem Überschwang zum Trotz: Rechtzeitig zum Jahresausklang scheint Union die Kurve bekommen zu haben, die Fans, Verein, Mannschaft und Trainer nach dem katastrophalen Fehlstart zusammenschweißt.

Es war mehr als ein symbolisches Bild, das Coach Norbert Düwel, Union-Präsident Dirk Zingler und der kaufmännisch-organisatorische Leiter Nico Schäfer wenige Minuten nach Abpfiff abgaben. Einträchtig stand das Trio vor dem Eingang in die Stadionkatakomben zusammen, redete und lachte. Und es kommt nicht von ungefähr, wenn ein Trainer nach 90 Minuten wissen lässt: „Wir haben unseren Plan zu hundert Prozent umgesetzt.“ Ein größeres Lob hatte Düwel seinem Team bislang nicht gezollt.

Gegen die Karlsruher hatte er allen Grund dazu. Kein Vergleich mehr zu jenen elf Spielern, die noch im Herbst das Union-Trikot getragen hatten, voller Selbstzweifel, mit ängstlichen Aktionen, die zwangsläufig zu spielentscheidenden Fehlern führten. Am Dienstagabend stand ein echtes Team auf dem Platz. Die Angst, Fehler zu machen, war kaum vorhanden aufgrund des Wissens, dass im Zweifelsfall immer ein Mitspieler zur Stelle ist, um ihn auszubügeln. Oder auch zwei.

„Ballbesitzfußball ist nicht meine Philosophie“

Zudem sollte sich im letzten Heimspiel des Jahres bewahrheiten, was Düwel noch wenige Tage zuvor als Grundelement seiner Spielweise ausgeschlossen hatte: „Ballbesitzfußball ist nicht meine Philosophie. Das ist schließlich keine Garantie dafür, dass man Spiele gewinnt.“ Gegen die Karlsruher hatte Union nur 38 Prozent der Spielzeit den Ball. Die Punkte blieben dennoch in Berlin.

„Es macht uns glücklich, dass auch wir mal vom Glück profitieren konnten“, sagte Düwel. Keine zwei Minuten waren gespielt, als KSC-Verteidiger Jan Mauersberger nach einem Rückpass 40 Meter vor dem eigenen Tor stolperte. Polter hatte den Braten gerochen und zog mit dem Ball auf und davon. Rechts neben ihm war Christopher Quiring mitgelaufen. Der Rest war klug und gekonnt zu Ende gespielt: Querpass von Polter auf Quiring, der sein drittes Saisontor wie folgt beschrieb: „Wichtig war der erste Kontakt, und dann ziehe ich den Ball ins lange Eck.“ 20 Minuten brauchte der KSC, um wieder ins Spiel zu finden. Und hatte Glück, dass Steven Skrzybski nur den Pfosten traf und nicht schon nach acht Minuten auf 2:0 erhöhte. Erst nach knapp einer halben Stunde wurden die Gäste gefälliger, die beste Chance wurde jedoch von Rouwen Hennings vergeben. Unions Innenverteidiger Toni Leistner, der mit einem Stellungsfehler die Chance erst ermöglicht hatte, bügelte seinen Fehler prompt wieder aus (26.).

Entscheidung durch Polter

Auch nach dem Seitenwechsel war Karlsruhe spielerisch überzeugender. Doch Union – mit Toni Leistner für Michael Parensen in der Viererkette, dem offensiveren Sören Brandy statt des defensiveren Benjamin Köhler im Mittelfeld und Christopher Quiring für Maximilian Thiel (Oberschenkelverletzung) – verhielt sich taktisch klug und setzte immer wieder schnelle Konter. Einer davon brachte die Entscheidung. Christopher Trimmel tankte sich rechts bis zur Grundlinie durch, flankte in den Strafraum, wo Polter zum Kopfball unnachahmlich hochstieg. Aus fünf Metern knallte der Ball ins Netz (72.). Und die Fans begannen zu singen.