Das Auslaufen am Tag nach dem Debakel gegen 1860 München (1:4) mutierte beim 1. FC Union zur Trainingseinheit für alle. Dort, wo nach einem Spiel sonst nur die Reservisten ihren Dienst tun, mussten am Sonntagvormittag alle Profis ran. Mittendrin: Trainer Norbert Düwel, der während der gut hundertminütigen Einheit einen nach dem anderen zum Einzelgespräch zitierte. Es gab Redebedarf, keine Frage, „weil in den ersten 50 Minuten gegen München Dinge passiert sind, von denen wir selbst überrascht waren“, sagte Düwel.
Überrascht waren am Sonnabend viele im Stadion an der Alten Försterei auch über die Reaktion, die Düwel nach dem Abpfiff gezeigt hatte. Jenen „Stinkefinger“, der nicht wirklich dazu beigetragen hat, das Ansehen des Coaches zu verbessern. „Ich war auf dem Weg zur gegnerischen Trainerbank, um meinem Trainerkollegen zu gratulieren. Eine Person auf der Tribüne hat mich und meine Familie sehr beschimpft. Es waren Ausdrücke, die weit unter der Gürtellinie lagen“, erklärte Düwel am Sonntag noch einmal. Und zeigte sich reumütig: „Das war von mir einfach eine spontane Reaktion. Ich bin nicht glücklich drüber, ich würde es gern ungeschehen machen.“
Wirklich entschuldigen wollte sich Düwel für seine Reaktion allerdings nicht. „Keiner erkauft sich mit einer Eintrittskarte das Recht, automatisch jemand so beleidigen zu können. Nur weil ich Union-Trainer bin, gebe ich nicht meine Persönlichkeitsrechte ab und muss mich irgendwie beleidigen lassen“, begründete der 46-Jährige: „Die Reaktion war nicht angebracht. Aber was derjenige gesagt hat, war bei weitem schlimmer als das, was ich gemacht habe“, rechtfertigte sich der Bayer.
Fans sehen eine Schädigung des Vereins
Die Affäre „Stinkefinger“ ist von zwei Seiten zu betrachten. Da ist zum einen die persönliche, die solch eine Antwort, wie Düwel sie auf die unflätige Beleidigung gegeben hat, nachvollziehbar macht. Wer lässt sich und die Seinen schon gern in den Schmutz ziehen, selbst wenn es nur verbaler Natur ist. Es dürfte nicht wenige geben, die auf ähnliche Weise reagiert hätten.
Auf der anderen Seite stand Düwel nicht als Privatperson im Stadion, sondern als Repräsentant des 1. FC Union. Und dadurch wird die Sache kompliziert. Denn Düwel hat nicht nur seinem Image als Trainer, sondern auch dem des Vereins Schaden zugefügt. Im Fanforum der Köpenicker Kicker gehen die Meinungen deshalb auch weit auseinander.
Puristen, die möglicherweise selbst Spieler des Gegners und den Schiedsrichter während der Partie aufs Übelste beschimpfen, sehen in Düwels Verhalten eine Schädigung des Vereins. Andere wiederum halten das Geschehene für nur allzu menschlich.
Selbst Ottmar Hitzfeld wurde bestraft
Fakt ist: Schon öfter wurde ein gezeigter Mittelfinger im Profifußball zur Stolperfalle. Erst im April diesen Jahres wurde der Leverkusener Profi Emir Spahic vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu einer Geldstrafe in Höhe von 15.000 Euro verdonnert, weil er im Spiel gegen Braunschweig zwei Eintracht-Spielern den Mittelfinger gezeigt hatte.
Im September 2009 wurde der Schweizer Schiedsrichter Massimo Busacca wegen der gleichen Geste gegenüber Fans von Young Boys Bern im Pokalspiel gegen den FC Baden für drei Spielrunden gesperrt. Selbst Ottmar Hitzfeld, der Gentleman in der Trainergilde, musste 2012 als Schweizer Nationaltrainer eine Zwei-Spiele-Sperre vom Weltverband Fifa hinnehmen, Trainerkollege Uwe Rapolder wurde im März 2011 sogar beim Karlsruher SC entlassen.
Derartiges befürchtet Düwel bei Union nicht. Die Unruhe um seine Person, ausgelöst durch die Ergebniskrise, dürfte sich dennoch verstärken. Als Person des öffentlichen Lebens – und dazu zählt auch ein Union-Trainer – hat er eine gewisse Vorbildfunktion, der er aus Unbedachtheit nicht nachgekommen ist. Zumal in seinem Gehalt ohne Zweifel ein gewisses Schmerzensgeld eingepreist ist. Der „Stinkefinger“ wird zum Fingerzeig dafür, ob Düwel als Novize in hauptverantwortlicher Position dem Druck des Profigeschäfts gewachsen ist.
Eine Abmahnung sollte kein Tabu sein
Union-Chef Dirk Zingler wäre demnach gut beraten, den Vorfall nicht als Kavaliersdelikt abzutun. Allein um den Verein vor weiterem Schaden zu schützen, sollte eine interne Abmahnung kein Tabu sein – trotz der Andersartigkeit, die Union gern für sich in Anspruch nimmt.
Denn sollte sportlicher Erfolg ausbleiben und sich Union in höchster sportlicher Not – oder wegen eines ähnlichen Vorfalls wie am Sonnabend – doch von Düwel trennen wollen, gilt es, jede Möglichkeit zu nutzen, um eine mögliche Abfindung so gering wie möglich zu halten.





