Welch ein Spiel, genau nach dem Geschmack der Zuschauer in der Alten Försterei. Union drängte, kombinierte sich förmlich in einen Rausch und erspielte sich Chancen im Minutentakt. Lediglich Torwart Stefan Ortega hatten es die Gäste von 1860 München zu verdanken, dass nur Sebastian Polter für die Hausherren getroffen hatte. Sogar einen Elfmeter von Christopher Quiring hatte der Löwen-Keeper pariert. Welch ein Spiel vor 19.026 Zuschauern.
Einziges Manko: die 50 Minuten vor der Drangphase des 1. FC Union. 50 Minuten, in denen die Mannschaft von Trainer Norbert Düwel vier Gegentreffer kassierte. Somit war die letzte, schwungvolle halbe Stunde nicht mehr als Ergebniskosmetik. Union verliert 1:4 (0:2) und rutschte um einen Platz ab auf Rang 14 in der Tabelle.
Da standen die Spieler also nun am Mittelkreis, fast schon apathisch. Selbst für die obligatorische Ehrenrunde schienen sich die Zweitliga-Profis nicht aufraffen zu wollen. Erst Ritter Keule, Unions Maskottchen, brachte die Akteure auf den Kurs, vorbei an den Tribünen.
„Dies sollte eigentlich nicht passieren“
Wie tief die Enttäuschung bei den Köpenickern sitzt, wie sehr die Nerven inzwischen blank liegen, offenbarte Düwel selbst. Zornig drehte sich der Coach in Richtung Haupttribüne um und zeigte den „Stinkefinger“. Düwel sprach hinterher von einer „persönlichen Beleidigung unterhalb der Gürtellinie“, die ihn zu dieser wenig souveränen Reaktion hinreißen ließ. „Das ist aus der Emotion heraus geschehen und sollte eigentlich nicht passieren“, entschuldigte sich der 46-Jährige. Von wem die Beleidigung kam, hatte Düwel jedoch nicht ermitteln können.
Unabhängig von der Tatsache, dass sich niemand beleidigen zu lassen braucht, sollte dem Trainer dennoch klar sein, dass diese Geste im Profifußball längst kein Kavaliersdelikt mehr ist. Gut 20 Jahre ist es her, als ein gewisser Stefan Effenberg bei der Weltmeisterschaft 1994 in den USA seinen Mittelfinger in Richtung deutsche Fans zeigte und daraufhin vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts nach Hause geschickt wurde.
Soweit ist es mit Düwel bei Union längst noch nicht, auch wenn die Klubführung sich am Abend nicht mehr zu dem Vorfall äußern wollte. Zeigt seine Mannschaft jedoch auch in den kommenden Partien gegen Erzgebirge Aue (28. November) und gegen den FSV Frankfurt (7. Dezember) eine solche Leistung wie in den ersten 50 Minuten gegen München, dürfte die Luft für ihn um einiges dünner werden. „Wir können uns als Mannschaft nur entschuldigen bei den Fans, die wieder so zahlreich in die Alte Försterei gekommen sind und viel Geld bezahlt haben“, sagte Torschütze Polter.
Polter schießt sein sechstes Saisontor
Dem aus Mainz ausgeliehenen Angreifer war es zu verdanken gewesen, dass die Köpenicker Kicker sich noch einmal aufbäumten. Polter erzielte sein sechstes Saisontor aus zehn Metern nach schönem Pass von Benjamin Köhler von der linken Seite (51.). Was Union bis dahin abgeliefert hatte, nannte Linksverteidiger Michael Parensen einen „Witz“: „Nichts hat gepasst, weder von der Raumaufteilung noch vom Zweikampfverhalten.“
Dabei hatten die Berliner nicht so schlecht begonnen. In den ersten Minuten hatte man gleich das Gefühl, als würde die erneute Woche im Kurz-Trainingslager in Kienbaum wieder Früchte tragen. Mit Daniel Haas statt Mohamed Amsif im Tor, Fabian Schönheim statt Roberto Puncec in der Innenverteidigung, Eroll Zejnullahu für Martin Kobylanski in der Offensive und jeder Menge Selbstvertrauen ging Union zu Werke. Um nach neun Minuten komplett einzubrechen, nachdem Daniel Adlung die Münchner mit einem Schuss aus gut 20 Metern in Führung gebracht hatte. Union reklamierte vergeblich auf Handspiel – Adlung hatte den Ball zunächst verstolpert und ihn beim Aufrappeln mit der Hand gespielt. Schiedsrichter Martin Petersen (Stuttgart) sah darin aber keine Absicht.
Von diesem Moment an übernahmen die Gäste das Kommando. Immer wieder schalteten sie nach Ballverlusten der Unioner im Mittelfeld schnell um – und trafen. Auch weil die Berliner, allen voran Schönheim, der einen rabenschwarzen Tag erwischt hatte, 1860 gewähren ließen. Valdet Rama spazierte ungehindert an den Strafraum, legte quer auf Rubin Okotie, der Torwart Haas aus 16 Metern eiskalt verlud – 0:2 (39.). „In der ersten Halbzeit waren wir eindeutig die schlechtere Mannschaft“, sagte Düwel.
„Düwel raus“-Rufe mehren sich
Dies sollte sich nach der Pause ändern. Doch die Aufholjagd war nur 38 Sekunden nach Wiederbeginn gescheitert. Okotie schüttelte Schönheim mühelos ab und hob den Ball auch noch über den aus seinem Tor herausgeeilten Haas zum 0:3 (46.) ins Tor. Als Rama kurz danach auf 0:4 erhöhte (49.) mischten sich erste „Düwel raus“-Rufe unter die „Eisern Union“-Anfeuerungen.
Erst mit Polters Anschlusstreffer zeigte Union jene Leidenschaft, die man von Beginn an erwartet hatte. Doch nachdem Polter im Strafraum von Martin Angha umgerissen worden war, versagten Quiring vom Elfmeterpunkt und Maximilian Thiel im Nachschuss die Nerven (61.). Es war der Höhepunkt der Ortega-Show gegen Quiring (55.), Thiel (58., 68.), Polter (70.) und Kobylanski, der aus einem Meter scheiterte (83.).
Es folgte die Ratlosigkeit im Mittelkreis. Und das unrühmliche Nachspiel von Trainer Düwel.





