Eineinhalb Jahre sind im Profifußball eine lange Zeit. Karrieren können in dieser Spanne beginnen, an Fahrt gewinnen oder einen empfindlichen Knick erleiden. Doch egal welche Richtung die Entwicklung anzeigt, nur ein Spiel kann alles verändern. So wie für Baris Özbek. Nach dem 1:1 gegen Düsseldorf, in dem er seine wohl beste Leistung im Union-Trikot zeigte, sagte Manager Nico Schäfer: „Das ist der Baris Özbek, den ich kenne.“ Die Zuschauer werden sich die Augen gerieben haben, hatten sie den Mittelfeldspieler doch bisher auf dem Feld nicht so dominant in Erinnerung. Die Verpflichtung des 27-Jährigen, der seit Januar 2013 bei den Köpenickern ist, galt als Missverständnis. Damit soll nun Schluss sein. Im Pokalspiel am Montag beim 1. FC Heidenheim (18.30 Uhr, Sky) wird er wieder von Beginn an spielen.


Der Neuanfang nach anderthalb Jahren bei Union begann Baris Özbek mit vielen Worten. Der neue Trainer Norbert Düwel bat vor Beginn der Vorbereitung im Juni zu einer langen Unterredung. Grund war die Aussortierung des Mittelfeldspielers im April trotz bis 2016 laufenden Vertrags noch unter dem langjährigen Coach Uwe Neuhaus. Zu lange, so war im Frühjahr die Vereinssicht, dauerte das Missverständnis der Zusammenarbeit. Für Düwel eine Herausforderung: „Ich wusste, dass Baris Özbek ein hervorragender Fußballer ist. Er hat Tempo, Technik, ein enormes läuferisches Vermögen und strategische Fähigkeiten. Davon hatte er bei Union allerdings viel zu wenig gezeigt. So etwas kann unterschiedlichste Ursachen haben, deshalb wollte ich ihn kennenlernen und seine Situation mit ihm besprechen.“ Danach war er überzeugt und holte ihn zurück ins Team.

Als Özbek verpflichtet wurde, sagte Ex-Trainer Neuhaus über ihn: „Kennengelernt habe ich ihn als unheimlich ehrgeizigen jungen Spieler.“ Die an sich gute Voraussetzung für eine erneute Zusammenarbeit wurde Teil des Problems in der Beziehung zwischen den beiden. Neuhaus bekam nicht den Jugendspieler zurück, den er selbst 2005 als Trainer bei Rot-Weiß Essen in die erste Mannschaft und damit zu den Profis geholt hatte. Die fünfeinhalb Jahre bei Galatasaray und Trabzonspor in der türkischen SüperLig haben Özbek erwachsen werden lassen. Bei Union fühlte er sich nun unter Neuhaus teilweise behandelt wie ein A-Jugendlicher. Der Trainer hingegen empfand den Spieler als frech. Dabei hatte Özbek vor allem gelernt, eine Meinung zu entwickeln. Ein Missverständnis, das beide nie aufzulösen imstande waren.

Imageproblem bei den Fans

Vielleicht passte einfach auch Özbeks Selbstverständnis anfangs nicht nach Köpenick. Vor seinem Kreuzbandriss spielte er Europapokal. Türkische Vereine kümmern sich ganz anders um ihre Fußballer. Einfachste Aufgaben werden ihnen abgenommen. Doch nun spielte Özbek Zweite Liga. Was auch immer er tat oder sagte, wurde falsch verstanden. Als Arroganz wurde ihm ausgelegt, als er nach einem Union-Spiel auf seine vielen Ballkontakte angesprochen, sagte: „Xavi und Iniesta haben auch so viele.“ Als Eigentor stellte sich heraus, dass er öffentlich darüber sprach, alle zwei Wochen zum Friseur zu gehen: „Ich lege unheimlich viel Wert auf mein Aussehen.“ Das ist nicht ungewöhnlich für Profifußballer doch Özbek hängt das Image des „Prinzesschens“ teilweise bis heute nach. Mit Journalisten von Zeitungen redet er deswegen schon lange nicht mehr.

Zum Gewöhnungsprozess für Özbek gehörte, dass er sich bei Zweitligaspielen hinter dem Tor von Daniel Haas mit jungen Spielern aus dem Nachwuchs warm machen musste. Da kommt es auf Dauer nicht gut an, wenn man ständig von den eigenen Erfahrungen aus dem Europapokal spricht, während es vielleicht gerade gegen den VfR Aalen geht. Doch die Eingewöhnungsschwierigkeiten scheinen überwunden. Die Trennung von Neuhaus scheint für Özbek den Weg freigemacht zu haben. Wer heute in die Kabine kommt, findet den Mittelfeldspieler im Aufwärmraum beim Fußballtennis vor. Ganz selbstverständlich mit den Jungprofis Steven Skrzybski, Björn Jopek und Erol Zejnullahu. Er ist angekommen bei Union.

Nie in Fahrt gekommen

Özbeks Problem war nie, dass er öffentlich für Stunk gesorgt hat. Im Gegenteil, er ist ruhig und höflich. Wenn er sich vor Fernsehkameras äußert, versucht er so überlegt zu sprechen, dass er auf keinen Fall missverstanden wird.

Seine Schwierigkeit war, dass er trotz seines Potenzials fußballerisch nie richtig in Fahrt gekommen war. Als mahnende Beispiele stehen die Schicksale der bei Union gescheiterten Santi Kolk und Tijani Belaid, die ihre hochgelobten technischen Fertigkeiten nie dauerhaft integrieren konnten. Bei Düwel hat Özbek jetzt einen festen Platz neben Damir Kreilach und Björn Jopek: „Er spielt im zentralen Mittelfeld eine ganz wichtige Rolle. Dort gilt es zum einen, defensiv sicher zu stehen und Bälle zu erobern, zum anderen, mit präzisen Pässen eigene Angriffe einzuleiten.“ Düwel sieht seine Entscheidung, Özbek zurück ins Team geholt zu haben, durch seine Eindrücke bislang bestätigt. Für den 27-Jährigen hingegen gilt es nun, diese zweite Chance zu ergreifen. Sollte er die Leistung gegen Düsseldorf bestätigen, wird er in Zukunft sicher weniger an Oberflächlichkeiten beurteilt.