Anfang der Woche schaute Ivan Rakitic noch mal beim Training vorbei. Eine Umarmung hier, ein Plausch da – die Erinnerungen sind ja noch frisch an den 14. Mai, als man zusammen nach Drama und Elfmeterschießen gegen Benfica Lissabon die Europa League gewann. Der Besuch jetzt war allerdings der vorerst letzte des Spielmachers. Rakitic vergoldete seine grandiose Spielzeit mit dem Wechsel zum FC Barcelona.

Böse ist ihm beim Sevilla Fútbol Club deshalb niemand, denn zum einen gehört der Kroate nach dreieinhalb Jahren samt Heirat mit einer Andalusierin quasi zum Kulturgut in Spaniens viertgrößter Stadt – bei seiner Verabschiedung vergoss er Tränen („Es freut mich, dass Sevilla der Grund ist, warum mich meine Frau zum ersten Mal weinen sieht“) und kündigte für die nicht allzu ferne Zukunft schon seine Rückkehr an. Zum anderen hinterließ Sevillas erster ausländischer Kapitän seit einem gewissen Diego Armando Maradona auch eine hübsche Stange Geld. 18 Millionen Euro für einen Spieler, den man einst für 2,5 Millionen aus Schalke erworben hatte, bedeuten zweifelsohne ein ausgezeichnetes Geschäft. „Es erfüllt mich mit großer Freude, dass ich meinem geliebten Klub so einen Betrag eingebracht habe, um sich zu verstärken“, flötete Rakitic.

Für Sevilla wird es schon relativ bald ernst in der Saison. Zwar beginnt die Liga auch in Spanien erst am 23. August, aber bereits in zwei Wochen steht das europäische Supercup-Finale gegen Champions-League-Sieger Real Madrid an. Da kommen die Testspiele gegen den 1. FC Union am Sonntag (15.30 Uhr, Alte Försterei) und am Mittwoch in Neuruppin gegen Hertha BSC (19 Uhr) gerade recht.

Erstklassiges Gespür für Talent

Dass Sevilla auch in der Spielzeit 2014/15 eine ausgezeichnete Truppe beisammen haben wird, dafür wird Monchi sorgen. Monchi, das ist der Spitzname von Ramón Rodríguez Verdejo, dem Mann, „dessen Foto jeder Sevilla-Fan in seinem Schlafzimmer hängen haben sollte“ (Rakitic). Dem Mann, der trotz vieler Angebote anderer Klubs immer da geblieben ist und dem die Südspanier ganz wesentlich zu verdanken haben, dass sie so etwas wie „best of the rest“ sind im europäischen Fußball: Der erfolgreichste Verein derer, die nicht mit überregionalen Fan-Reservoirs, dreistelligen Millionenbudgets und quasi erbrechtlicher Teilnahme an der Champions League gesegnet sind.

Monchi ist Sevillas Sportdirektor. Der 45-Jährige baute mit den Etats eines Bundesliga-Mittelfeldklubs, aber erstklassigem Gespür für Talent schon die große Sevilla-Elf zusammen, die mit Spielern wie Dani Alves, Frederic Kanoute oder Luis Fabiano sowohl 2006 als auch 2007 den Uefa-Cup gewann und 2007 sogar von der zweiten spanischen Meisterschaft nach 1946 träumen durfte. Aber da auch ein Monchi mal irren kann, ging es nicht ewig so weiter. Dem fünften Pokalsieg 2010 folgten schwächere Jahre, für die Europa League vorige Saison qualifizierte man sich als Tabellen-Neunter nur wegen fehlender Uefa-Lizenzen zweier besser platzierter Vereine, und als dann für insgesamt 90 Millionen Euro auch noch die Nationalangreifer Jesus Navas und Alvaro Negredo sowie die Doppel-Sechs aus Gary Medel und Geoffrey Kondogbia verkauft wurden, befürchteten viele den Absturz ins Mittelmaß.

Doch der Radikalumbau der Elf brachte mal wieder das Beste aus Monchi hervor. 16 Profis gingen, 13 kamen – für ein Drittel des Geldes. Darunter befanden sich viele Leihspieler, die in der Regel besser einschlugen als der jetzt wieder an Chelsea zurückgegebene Marko Marin. Insgesamt erwies sich das Puzzle als die perfekte Herausforderung für Trainer Unai Emery, einen manischen Tüftler, der mit seinem Fußball-Wahn und Faible für stundenlange Taktikbesprechungen selbst eigenen Spielern auf die Nerven gehen kann. In Sevilla widerlegte der Baske das Vorurteil, keiner für die große Bühne zu sein.

Nach Tabellenplatz fünf in der Vorsaison soll diese Spielzeit der Sprung in die Champions League gelingen, trotz der Abgänge von Rakitic und Abräumer Stephane M’bia, der nur ausgeliehen war. In Sevilla sind sie solche Verluste ausreichend gewohnt, um nicht in Panik zu verfallen. Monchi verguckte sich sogleich in den polnischen Mittelfeldmann Grzegorz Krychowiak, den er für 5,5 Millionen Euro vom französischen Erstligisten Stade Reims loseiste. Ein kreativer Mann fürs Zentrum soll noch folgen; zuletzt scheiterten die Verhandlungen mit Emerys Favorit, Milan Badelj vom Hamburger SV, an dessen Gehaltsvorstellungen. Unter den weiteren Zugängen ist ansonsten noch Angreifer Iago Aspas zu erwähnen, der vor einem Jahr mit großen Hoffnungen aus Vigo nach Liverpool wechselte und nun nach großen Enttäuschungen nach Sevilla kommt. Natürlich auf Leihbasis.

Sevilla definiert sich ganz offen als Durchlauferhitzer für hoffnungsvolle Karrieren, so wie einst bei Alves und den anderen und wie zuletzt bei Rakitic. Attraktive Liga, europäischer Fußball, fähige Mitspieler – „wer hierher kommt, weiß, dass er seinen Marktwert mit guten Leistungen stark erhöhen kann“, sagt Präsident Jose Castro. Zu denen aus der aktuellen Elf, die womöglich nicht mehr allzu lange bleiben, gehören Außenverteidiger Alberto Moreno, spanischer Nationalspieler, der argentinische Innenverteidiger Federico Fazio oder der kolumbianische Mittelstürmer Carlos Bacca. Beim Europa-League-Gewinn ragten außerdem der portugiesische Torwart Beto und die flexiblen Außenspieler in Emerys bevorzugtem 4-2-3-1 System heraus.