1. FC Union

Warum bei Union alle darauf achten, was Torsten Mattuschka macht

Der 32-Jährige ist beim Berliner Fußball-Zweitligisten Torschütze, Wortführer und Kapitän in einem. Aber er ist nicht nur deshalb ein Vorbild für alle. Er lebt seine Rolle auch vor.

Foto: imago sportfotodienst

„Wann geht’s denn weiter hier?“ Mit lauter Stimme ruft Torsten Mattuschka über den Trainingsplatz in Chiclana de la Frontera. Als ob zwei Übungseinheiten noch nicht genug gewesen wären. Es wird gelacht im Kreise der Mannschaft, bei den Profis, die schon länger dabei sind. Die jüngeren Spieler, die der 1. FC Union mit ins Trainingslager nach Andalusien genommen hat, schmunzeln – und schauen sich um, in Richtung Mattuschka. Sie achten sehr darauf, was der Kapitän des Berliner Fußball-Zweitligisten sagt. Was er macht, wie er auf Dinge reagiert. Für sie ist der 33-Jährige mehr als ein guter Fußballspieler. Er ist ein Vorbild, jemand zu dem sie aufschauen, dem sie nacheifern möchten.

Maler und Lackierer gelernt

Mattuschka ist sich „bewusst, dass ich eine Vorbildfunktion habe“. Der Mittelfeldspieler, der einst Maler und Lackierer in Cottbus lernte, auch als solcher arbeitete und erst mit 22 Jahren entschieden hat, den Weg des Profifußballers einzuschlagen, geht mit gutem Beispiel voran. Vorbei sind die Jahre, in denen er gerne mal mit dem einen oder anderen Kilo zu viel im Gepäck zum Trainingsstart erschien. Mattuschka achtet auf seine Fitness wie nie zuvor, pflegt seinen Körper, sein wichtigstes Arbeitsmaterial, akribisch, ist auch nicht mehr bis tief in die Nacht unterwegs, wenn er mal mit seiner Frau Susanne aus ist. Schon wegen Töchterchen Miley, inzwischen dreieinhalb Jahre alt, der er selbstredend ein gutes Vorbild sein möchte. „Vielleicht bin ich manchmal sogar etwas zu streng, weil ich möchte, dass die Kleine“ – ein angedeutetes Lächeln huscht über seine Lippen – „sich an gewisse Regeln hält.“

Mattuschka weiß aber auch um die Schwierigkeit einer Figur, die von Kindern bewundert und von Fans sogar vergöttert wird. „Wir sind keine Götter, sondern ganz normale Menschen“, sagt Mattuschka ohne zu zögern, während er entspannt in der Lobby des Mannschaftshotels sitzt. Ein ganz normaler Mensch ein Vorbild für andere? Für Mattuschka kein Widerspruch. Er erzählt von Disziplin, die er an den Tag legt und vorlebt: „Ich bin in all den Jahren nur vier- oder fünfmal zu spät zum Training gekommen, weil ich meinen Wecker falsch gestellt hatte.“ Das kommt an, auch bei nicht Fußballinteressierten.

Durch ein rüdes Foul haben Fußballer schnell ihren Stempel weg

Der Duden definiert ein Vorbild als jemanden, den man wegen seiner Fähigkeiten oder Eigenschaften so bewundert, dass man so werden will wie er. Ein Fußballer der Schiedsrichter immer wieder für seine Entscheidungen kritisiert, seinen Gegenspieler womöglich noch mit einem rüden Foul niederstreckt – ein Vorbild für die Gesellschaft? „Ich denke schon, dass Fußballer dennoch als Vorbild taugen“, erzählt Mattuschka, „weil der Fußballer an sich sehr transparent geworden ist. Wenn ein Foul eine Woche lang 25 Mal am Tag wiederholt wird und jüngere Spieler das sehen, heißt es gleich: Was für ein Arsch. Und man hat seinen Stempel weg. Insofern versucht man schon, auf sich zu achten, auch wenn es nicht immer gelingt.“

Er selbst kann ein Lied davon singen. „Ich bin auch oft beim Schiedsrichter, wenn ich meine, dass meine Mannschaft benachteiligt wird. Ich denke dann immer: Das muss er doch sehen, er ist dafür geschult worden und bekommt Geld dafür“, sagt Mattuschka: „Wenn ich mich dann später auf Fotos betrachte, sieht das manchmal schon schlimm aus. Aber das sind Emotionen, die gehören auch dazu.“ Im Hintergrund säuselt aus den Lautsprechern der Hotellobby „Non, je ne regrette rien“ von Edith Piaf – nein, ich bedauere nichts. Wie passend.

Bewunderung für den Mut von Thomas Hitzlsperger

Und auch wenn er selbst kein wirkliches Vorbild hat („Hatte ich nie“), ein gewisses Maß an Bewunderung hat Mattuschka doch. Für Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger zum Beispiel, der vorige Woche seine Homosexualität öffentlich gemacht hat. Ein Schritt, „den ich völlig okay finde. Ich glaube nur nicht, dass sich mal ein noch aktiver Spieler outen wird, weil die Gesellschaft gerade im Fußball noch nicht dafür bereit ist.“ Im Gegensatz zu ihm selbst. „Ich würde nie jemanden in unserer Mannschaft anders behandeln, nur weil er schwul ist“, macht Mattuschka deutlich. Und erwartet dies auch von seinen Teamkollegen. „Wenn ich merken würde, jemand behandelt diesen Spieler dann bewusst oder unbewusst anders, würde ich ihn zur Rede stellen“, erklärte Mattuschka. Vorbildlich eben.