Es ist wohl der größte Weihnachtschor, den Berlin zu bieten hat, vielleicht sogar ganz Deutschland. Rund 27.000 Menschen läuten am Montagabend um 19 Uhr mit dem Weihnachtssingen beim 1. FC Union im Stadion an der Alten Försterei die Feiertage auf ganz besondere Art ein. Die Morgenpost sprach mit Torsten Eisenbeiser, der mit dem Fanklub „Alt-Unioner“ den Gesang vor zehn Jahren erstmals anstimmte.
Berliner Morgenpost: Auf welchen Tag freuen Sie sich eigentlich mehr, Herr Eisenbeiser: auf Heiligabend oder den Tag davor?
Torsten Eisenbeiser: Auf den Tag davor. Für mich fängt Weihnachten am 23. Dezember an, wenn die Lichter im Stadion aus- und die Kerzen angehen.
In diesem Jahr werden 27.000 Menschen zum Weihnachtssingen erwartet. Wie fühlt man sich denn, wenn man ein Fußballstadion mit einer Veranstaltung füllt, die man selbst ins Leben gerufen hat?
Ich widerspreche nur ungern, aber es ist kein Fußballstadion, sondern unser Wohnzimmer. Und man bekommt unter den Tannenbaum in seinem kleinen, heimischen Wohnzimmer keine 27.000 Menschen. Deshalb machen wir das im großen Wohnzimmer. Scheinbar haben wir damals den Nagel auf den Kopf getroffen, dass die Leute das wollen. In den Tagen vor dem Weihnachtsfest sind alle irgendwie angespannt, aber wenn das Weihnachtssingen zu Ende ist und die Leute wieder hinaus auf die Straßen strömen, singen sie weiter. Und das ist sehr schön.
Was geht Ihnen durch den Kopf in diesen Momenten?
Das ist Freude, einfach ein Traum. Ich kann es nicht beschreiben. Ich habe mich gerade erst mit Peter Müller (Pfarrer im Ruhestand der evangelischen Stadtkirchengemeinde Köpenick, d. Red.) unterhalten. Es hat vor 2000 Jahren einen Jesus Christus gegeben, und dann ist dieses Weihnachtsfest, das Fest der Familie, entstanden. Und jetzt mal gesponnen: Vielleicht ist es in weiteren 1000 Jahren ganz normal, dass die Leute sich auf der ganzen Welt in Fußballstadien am 23. Dezember um 19 Uhr treffen und Weihnachtslieder singen. Ein bisschen träumen kann man ja.
Sie sprechen explizit Fußballstadien an...
Weil dort unterschiedliche Familien sind. Jedes Stadion hat seine eigene Fußballfamilie. Andere Vereine haben Fans, wir haben einen Verein. Wir Unioner sind da vielleicht ein wenig extremer. Und der Weihnachtsmann trägt ja auch unsere Farben.
Wie häufig werden Sie denn auf das Weihnachtssingen angesprochen?
Dieses Jahr hat dieser Wahnsinn genau am Ostersonntag mit zwei Mails aus Hamburg und Nordrhein-Westfalen begonnen. So zeitig war es noch nie. Vielleicht auch, weil das Weihnachtssingen Fußballfans zeigt, die nicht nur grölend durch die Straßen ziehen, sondern auch mal ganz leise, weise und besinnlich sein können.
Das hat ja fast schon einen religiösen Charakter: Posaunenchor, ein Meer aus Kerzen, und Pfarrer Müller liest die Weihnachtsgeschichte. Fußball und Kirche – passt das zusammen?
Wir alle kennen die großen Glaubensrichtungen. Aber viele Menschen sind – bezogen auf den Fußball – auch abergläubisch. Der Fußballer zieht einen bestimmten Schuh als ersten an, spielt zum Beispiel immer mit gelben, nie mit roten Schnürsenkeln. Da ist auch ein wenig Glauben dabei. Deshalb habe ich auch bereits im zweiten Jahr gesagt, ich würde einen Pfarrer haben wollen. Und Peter Müller hat schon zu DDR-Zeiten den evangelischen Gottesdienst in der Alten Försterei geleitet. Jedes Jahr fragt er mich nun: Darf, soll ich das wieder machen? Selbstverständlich, er gehört ja zur Union-Familie dazu.
Wird das Stadion in diesem Augenblick sogar zur Kirche?
Wir haben ja immer wieder etwas verändert. Nicht, um das Stadion zur Kirche zu machen, aber Weihnachten gehört nun mal zur Kirche. Also habe ich Pfarrer Müller gefragt, ob er nicht ein Glockenspiel hat, das die einzelnen Vorführungen ankündigt. Ich weiß noch aus meiner Kindheit, dass es in Köpenick Usus war, dass zum Advent auf dem Rathausbalkon die Turmbläser standen und gespielt haben. Also kamen später die Posaunenbläser hinzu. Alle tragen mit dazu bei, sich auf Weihnachten einzustimmen.
Klingt nach einem wahr gewordenen Märchen.
Das ist es auch. Es ist entstanden, weil ich vor zehn Jahren den Gedanken hatte: Mensch, nicht zuletzt wegen der damals sportlich schlechten Situation habe ich vergessen, mich mit meinen Kumpels, mit denen ich immer an der symbolischen Mittellinie stehe, ins Weihnachtsfest zu verabschieden. Also haben wir die Idee, die viele für einen verspäteten Aprilscherz gehalten haben, ins Union-Forum gestellt, und uns dann alle auf der Tribüne in Höhe der Mittellinie getroffen mit Glühwein und Weihnachtsliedern. Viele haben danach gesagt: Im nächsten Jahr bin ich auch dabei. Inzwischen müssen wir die Kapazität auf 27.000 Besucher begrenzen.
Beim ersten Mal haben 89 „Alt-Unioner“ das Stadion im Jahr 2003 noch in Guerilla-Manier entern müssen.
Das führte dazu, dass das Weihnachtssingen vom Bezirk zunächst geduldet und später auch genehmigt wurde. Es gibt Leute im Union-Umfeld, die mir gesagt haben: Sie kennen wenig Menschen, die eine Straftat begehen und dafür auch noch belobigt werden. Wir haben in den Anfangsjahren auch immer darauf geachtet, alles sauber zu verlassen.
Wie viel vom ursprünglichen Flair steckt denn noch im heutigen Weihnachtssingen?
Sicher ist der Charme des leicht Illegalen, als wir im Stadion noch kein Licht oder die Beschallungsanlage benutzen durften, verloren gegangen. Aber vom Ablauf haben wir nichts gravierend verändert. Es sind immer noch die gleichen Weihnachtslieder, die wir singen. Nur die Familie ist gewachsen.
Können Sie Menschen verstehen, die sagen: Das ist nicht mehr unser Weihnachtssingen? Zumal nun erstmals Vip-Logen gegen Gebühr benutzt werden können?
Wir „Alt-Unioner“ haben gesagt, wir wären doch bescheuert, wenn wir eine Haupttribüne, die wir ja auch gewollt und mit unserem Geld als Aktionäre mitfinanziert haben, geschlossen ließen. Wir wussten aber auch, wenn wir die Tribüne öffnen, wird das Geld kosten. Also konnten wir den Aktionären, und damit auch uns selbst, doch schlecht verkaufen: Wir verbrennen hier jetzt einfach mal Geld. Also haben wir eine Möglichkeit gefunden, bei der wir die Unkosten umlegen, aber gleichzeitig auch eine Art Weihnachtsmarkt im Vip-Bereich anbieten. Da gibt es einige Unioner, die sich eine Loge zum Weihnachtssingen als Weihnachtsgeschenk leisten.
Haben Sie sich bei all dieser Organisation, die inzwischen nötig ist, schon mal überlegt, das Weihnachtssingen abzugeben?
Es gibt immer wieder Situationen, wo ich mich frage: Warum tust du dir das eigentlich alles noch an? Andere verdienen damit ihr Geld, ich mache das alles ehrenamtlich. Aber es wird immer weitergehen.





