Vier Spiele ohne Sieg, zuletzt gar zwei Niederlagen in Folge, dazu nur zwei Treffer in sechs Partien – keine Eckdaten, die man hinter einer Spitzenmannschaft vermuten würde. „Es ist keine gute Situation“, umschreibt Uwe Neuhaus jenen Umstand, um den nach dem peinlichen 1:3 gegen den VfR Aalen niemand mehr an der Alten Försterei herumkommt: Der Berliner Fußball-Zweitligist steckt in einer Krise.

„Wann fängt denn eine Krise an?“, fragte Neuhaus: „Wir sind Tabellensechster und werden es nach diesem Spieltag auch bleiben. Trotzdem waren die vergangenen Spiele nicht gut. Wir sind von unserer Form schon ein ganzes Stückchen entfernt. Da werden wir uns ein paar Gedanken machen müssen.“ Es ist in den vergangenen Wochen und Monaten durchaus geschickt gemacht von den Köpenickern. Wer kein definitives Saisonziel ausgibt, kann auch kaum in eine Krise geraten. Selbst wenn man als Tabellenführer nach sieben Spieltagen inzwischen die Aufstiegsplätze mehr und mehr aus den Augen verliert.

Doch die enttäuschten Gesichter der Spieler und die Reaktionen der Fans am Freitagabend belegen, wie stark man sich an der Alten Försterei bereits mit einem möglichen Sprung in die Bundesliga auseinandersetzt, ihn zumindest erträumt. Ein Systemausfall hat die Köpenicker nun von ihrem zu Saisonbeginn eingeschlagenen Weg abgebracht. Gegen Aalen im Speziellen, wegen der Entwicklung der vergangenen Wochen im Allgemeinen.

Rückkehr zur alten Taktik geht nicht auf

Stichwort taktische Umstellung: Anstatt wie bislang mit zwei defensiven Mittelfeldspielern zu agieren und nur einem Angreifer, packte Neuhaus wieder die Doppelspitze aus. „Ich wollte in jedem Fall beide Innenverteidiger beschäftigen und Druck ausüben“, begründete der Coach. Doch die Mannschaft kam damit kaum zurecht.

Sören Brandy wusste ob des Überangebots in vorderster Front oft nicht, ob er nun einrücken oder steil gehen sollte – und entschied sich meist für den falschen Weg. Torsten Mattuschka musste sich zudem immer wieder zurückfallen lassen, um Unions Sechser Damir Kreilach zu unterstützen.

Das Konzept gegen Aalen sei nicht aufgegangen, sagte Neuhaus, „ich bin mir aber sicher, dass es nicht an der Aufstellung gelegen hat“. Offensichtlich hat der Coach die taktische Flexibilität seiner Spieler gerade in der jetzigen Situation überschätzt. Dabei hat das Team dem Trainer doch spätestens am dritten Spieltag beim 3:1 in Dresden zu verstehen gegeben, dass es im 4-2-3-1-System besser klarkommt als in einem 4-4-2 mit Mittelfeldraute.

Die Chancenverwertung bleibt miserabel

Hinzu kommt die miserable Chancenverwertung, die man längst schon behoben glaubte. „Man versucht, ein schnelles Tor zu machen, das einem Sicherheit gibt. Wird die erste Chance vertan, fängt man an zu überlegen, dann kommt der erste Konter – das sind alles Folgeerscheinungen aus den vergangenen Wochen“, erklärte Neuhaus. Haarsträubende Fehler im Spielaufbau, etwa wenn der Ball dem Gegner direkt in den Fuß gespielt wird, lassen sich dadurch allerdings nur bedingt erklären.

Dazu passt, dass der Trainer selbst mit den Einwechslungen kein Glück hatte. Mit Benjamin Köhler zum Beispiel hatte sich Neuhaus mehr Ruhe im Spiel erhofft. Und dann fabriziert ausgerechnet Köhler jenen Fehlpass, in dessen Folge Union in Rückstand gerät. „Ob es mit Köhler von Beginn an besser gelaufen wäre, weiß ich nicht“, sagte Neuhaus.

Köhler und auch Michael Parensen, der gegen Aalen 90 Minuten lang zuschauen musste, bekamen vom Übungsleiter jedenfalls schon eine Einsatzgarantie für das Pokalspiel am Dienstagabend gegen den 1. FC Kaiserslautern. Ein Eingeständnis, dass es ein Fehler gewesen ist, das Duo gegen die Schwaben nicht von Beginn an gebracht zu haben? „Wir haben sechs Spiele in vier Wochen“, begründete Neuhaus, da sei eine Rotation schon nachvollziehbar.

Kein Mutmacher für das Pokalspiel gegen Kaiserslautern

Für das Achtelfinalspiel im nationalen Cupwettbewerb war der Auftritt vom Freitagabend jedenfalls kein Mutmacher. Im Gegenteil, es bleiben gerade einmal drei Tage Zeit, um das Team wieder auf Vordermann zu bringen. Kaiserslautern werde schon ein „enorm wichtiges Spiel, auch weil es in relativ kurzer Zeit eine Chance ist, den anderen Weg wieder einzuschlagen. Das geht aber nur über die Mannschaft und den Teamgeist“, erklärte Neuhaus.

Den zu stärken, ist nun aber mehr denn je Aufgabe des Trainers. Dass der Klub dem 54-Jährigen dies zutraut, wurde gerade erst in der Verlängerung seines Vertrages bis 2016 am Freitag vergangener Woche deutlich. Einen ähnlichen Tenor vernimmt man auch aus Spielerkreisen. „Der Trainer wird klar analysieren, welche Fehler wir gemacht haben und wie wir sie abstellen können. Und der Trainer wird das gut machen, so wie er es immer gemacht hat“, sagte etwa Innenverteidiger Fabian Schönheim.

Ein erster Schritt wird die Videoanalyse am Sonntag sein. „Dann muss auch das gesagt werden, was gesagt werden muss. Denn zu viele Spiele dieser Art dürfen wie uns nicht mehr erlauben“, verdeutlichte Schönheim. Dabei sollen den Profis jedoch laut Neuhaus nicht in epischer Länge noch einmal ihre Fehler vor Augen geführt werden.

Auf der Suche nach dem Selbstvertrauen

Bleibt die Frage, ob die Spieler bis Dienstagabend neues Selbstbewusstsein aufbauen können. Hier ist der Trainer skeptisch, zumindest was die Zeit bis zum Anpfiff anbelangt. „Selbstvertrauen muss man sich im Spiel holen. Ich glaube nicht, dass man in Sachen Psyche so arbeitet, dass alles Negative weggeht“, sagte Neuhaus: „Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, das muss am Dienstag von der ersten Sekunde an zu spüren sein.“

Gegen den VfR Aalen war jener unbedingte Teamgeist, auf dem sich das komplette und bislang so erfolgreiche System Union begründet, nur nach Mattuschkas Ausgleichstreffer präsent.

Keine Frage, Union ist – was die Bundesliga-Ambitionen in dieser Spielzeit angehen – in größte Bedrängnis geraten. „Ich will auch nichts beschönigen“, sagte Neuhaus, „aber wir waren ja auch schon in Situationen, die wesentlich bedrohlicher waren. Und da haben wir bewiesen, dass wir uns da rausziehen können.“