Benjamin Köhler bringt nichts mehr so schnell aus der Ruhe. Am Tag nach dem enttäuschenden 0:0 gegen den Karlsruher SC fläzte sich der erfahrene Mittelfeldspieler in einen der roten Plastikstühle im Medienbereich der neuen Haupttribüne und hörte sich geduldig die Fragen zu den Problemen seiner Mannschaft an. Union hat in den letzten vier Spielen nur ein Tor erzielt und fünf von möglichen zwölf Punkten geholt. Als Konsequenz fielen die Köpenicker aus den Aufstiegsrängen auf Platz vier.

„Ich sehe da keine Probleme. Damit müssen wir umgehen“, sagte Köhler ruhig. Seine demonstrativ lockere Sitzhaltung, die ein bisschen an einen gemütlichen Fernsehabend auf der heimischen Couch erinnerte, änderte er dabei in keiner Sekunde. Fast so als wollte der 33-Jährige zeigen, dass ihn solch eine negative Entwicklung, wie ihn gerade die Offensive der Eisernen erlebt, nicht aus der Ruhe bringt. „Der Trend geht ein bisschen nach unten. Aber das sollten wir nicht schwarz malen. Mir ist das so lieber, als wenn wir drei Spiele in Folge verlieren würden“, spielte der Mittelfeldspieler auf eine Pleitenserie von Fürth an, die der aktuelle Tabellenzweite in dieser Saison schon durchleben musste.

Probleme bei der Offensive

Das Problem der Eisernen liegt in der Offensive. Es fehlt an der Durchschlagskraft im Angriff. Hätte Kapitän Torsten Mattuschka nicht vor zwei Wochen gegen Aue einen Freistoß direkt verwandelt, stünden die Köpenicker gänzlich ohne Torerfolg aus den vergangenen vier Spielen da. Dabei hat die Mannschaft in keiner Partie von ihrem dominanten Spiel abgelassen. Auch gegen Karlsruhe glänzte das Team mit 67 Prozent Ballbesitz. Eine Statistik, die Trainer wie Uwe Neuhaus zwiespältig wahrnehmen: „Für Ballbesitz bekommt man immer noch keine Punkte. Und das ist auch gut so. Irgendwie gehören auch die Tore dazu.“

Auch für den 53-Jährigen ist es schwierig, das Problem auf den Punkt zu bringen. Ein bisschen hadert er mit den Offensivaktionen seiner Spieler: „Im Herausspielen von Torchancen haben wir nicht mehr das Feeling und die Qualität wie vor einigen Wochen. Und wenn wir die Chance haben, dass wir die auch nutzen.“ Es fallen Worte wie Gier im Abschluss oder die viel zitierte Präzision beim letzten Pass. Neuhaus weiß, dass es Phasen im Laufe einer Saison gibt, die sich schwer beeinflussen lassen. Einfach weiterarbeiten und sich davon nicht herunterziehen lassen.

Für Union kommt erschwerend hinzu, dass sich die gegnerischen Teams gerade in den Heimspielen immer häufiger auf die Abwehrarbeit konzentrieren und den konstruktiven Teil eines Fußballspiels den Eisernen überlassen. Für Spitzenmannschaften eine normale Angelegenheit. Für die Köpenicker, die sich im Quartett der Top-Teams der Zweiten Liga etabliert haben aber eine neue Erfahrung. „Ich habe das während des Spiels von hinten heraus beobachtet. Karlsruhe stand mit zwei Viererketten zwanzig Meter vor dem eigenen Tor. Das ist ein bisschen der Fluch der guten Tat“, findet Benjamin Köhler.

Selbstsicherheit als Gefahr

Aber zu mehr lässt sich der Mittelfeldspieler nicht hinreißen. Selbst wenn der Union-Anhang mit gestiegenen Ansprüchen zu den Heimspielen kommt und das Team sich vom Geheimfavoriten zu einem ernst zu nehmenden Aufstiegskandidaten entwickelt hat. An dem erfahrenen Profi Köhler scheint dieser Druck abzuperlen: „Mir ist die Erwartungshaltung egal. Meinetwegen könnte jeden Tag in der Zeitung stehen, dass wir aufsteigen müssen. Das interessiert mich nicht.“

Zuviel hat er in seinen acht Jahren bei Eintracht Frankfurt erlebt, als dass ihn die Torlosigkeit von Union aufregen würde. Interessanter ist für Köhler dagegen ein kleiner Schlendrian, der sich etwas unmerklich in das Spiel des eigenen Teams eingeschlichen hat. Wenn aus Selbstbewusstsein das Gefühl zu hoher Selbstsicherheit wird. Ein Thema, das die Mannschaft in der Kabine ausdiskutiert hat. Doch auch für den 33-Jährigen ist schwer in Worte zu fassen, was sich ändern muss. Ebenso wie sein Trainer versucht er das zu umschreiben und spricht von voller Konzentration, die nötig sei und den letzten Prozenten, die herauszuholen seien.

Von einer Krise ist Union freilich weit entfernt. Doch die nächste Zweitligapartie wird ein wegweisendes Spiel für die Aufstiegsambitionen der Köpenicker. Nach der Länderspielpause müssen die Profis um Benjamin Köhler zum 1. FC Kaiserslautern, der an diesem Spieltag in der Tabelle an ihnen vorbeigezogen ist. Dabei haben die Roten Teufel die Qualität gezeigt, die Union gerade händeringend sucht. Zehn Tore erzielten sie in den vergangenen vier Spielen.

Im Zusammenhang mit dem Spiel von Union gegen Karlsruhe hat die Polizei am Sonnabend 30 Personen vorübergehend festgenommen. 18 Strafermittlungsverfahren wegen Widerstands gegen Polizeibeamte, Landfriedensbruch, gefährlicher Körperverletzung und versuchter Gefangenenbefreiung seien eingeleitet worden, teilte die Polizei mit. Gegen 15 Uhr hatten sich rund 40 Karlsruher Fans beim Verlassen des Fanblocks vermummt, eine Konfrontation mit den einheimischen Fans sei nur durch verstärkten Ordnereinsatz und zusätzliche Polizeibeamte verhindert worden. Drei Polizisten wurden dabei verletzt, ein Beamter musste stationär in ein Krankenhaus.