Es musste schnell gehen, schließlich waren die drei Nachspielminuten schon fast abgelaufen. Also stand Uwe Neuhaus an der Seitenlinie des Platzes, mit den Armen wild gestikulierend. Schon seit Mitte der zweiten Halbzeit hatte es den Trainer des 1. FC Union nicht mehr auf seinem Platz gehalten, jetzt zeigte er seiner Mannschaft an: nach vorne, alle in den Strafraum.

Es kam auch noch einmal eine Flanke, die Sören Brandy zu einem Kopfball nutzte. Doch Dirk Orlishausen, der Torwart des Karlsruher SC, tauchte in seine linke Torecke ab und hielt den Ball fest. Dann war Schluss – Union trennt sich 0:0 vom KSC und wird die zweiwöchige Länderspielpause als Tabellenvierter nicht auf einem Aufstiegsplatz verbringen.

„Mit dem einen Punkt sind wir nicht zufrieden“, sagte Stürmer Simon Terodde. Marc Pfertzel sah es genau so, versuchte dennoch dem torlosen Unentschieden etwas Positives abzuringen. „Wenigstens haben wir wieder zu Null gespielt“, sagte der Verteidiger. Wirklich aufhellen konnte dies seine Miene jedoch auch nicht, denn die Wiedergutmachung nach dem 0:4-Debakel von Köln ist damit nur teilweise gelungen.

Über 20.000 Zuschauer in der Alten Försterei

„Wir können nicht jede Mannschaft an die Wand spielen“, sagte Mittelfeldspieler Benjamin Köhler. Das ist ohne Zweifel richtig, erst recht, wenn der Gegner vor allem darauf bedacht ist, keinen Treffer zu kassieren. Am Sonnabendnachmittag hatte man vor 20.757 Zuschauern in der Alten Försterei allerdings das Gefühl, dass der Berliner Fußball-Zweitligist auch noch bis Dienstag hätte spielen können und dennoch nicht getroffen hätte.

Nach dem Spiel lobte Karlsruhes Trainer Markus Kauczinski seine Mannschaft für die Disziplin, die sie 90 Minuten auf den Rasen brachte. „Hier hat bisher noch keiner die Null gehalten, das haben wir heute geschafft“, sagte der Coach. Dass sich die Badener des Remis nur ermauert hätten, wollte Dominic Peitz, Ex-Unioner in Diensten des KSC, nicht gelten lassen: „Ich denke, wir haben es taktisch sehr gut gemacht. Für uns war wichtig, gegen diese Power, die Union in Heimspielen hat, erst einmal zu bestehen.“ Das ist den Karlsruhern ohne Zweifel gelungen.

Die Marschroute für die Köpenicker war klar. Mit viel Ballbesitz den Gegner müde spielen, ihn zu Fehlern zwingen und dann eiskalt vor dem Tor zuschlagen. So weit die Theorie. In der Praxis sah das zumeist wie folgt aus: Union spielte in Handballmanier immer wieder um den Strafraum herum, weil die Lücke im KSC-Abwehrverbund nicht gefunden wurde.

Neuhaus im 150. Zweitliga-Spiel als Union-Trainer

„Wir haben die Pässe zwischen die Mannschaftsteile des KSC nicht hinbekommen“, analysierte Neuhaus sein 150. Zweitliga-Spiel als Union-Trainer. Statt vertikalem Spiel gab es Querpässe und Ballsicherung nach hinten.

Dabei hatte der Union-Trainer personell ein klein wenig umgestellt. Natürlich kehrte Kapitän Torsten Mattuschka nach abgesessener Gelb-Sperre wieder ins Mittelfeldzentrum zurück. Zudem lief Patrick Kohlmann von Beginn an auf. Michael Parensen rückte dafür vor ins Mittelfeld, Benjamin Köhler von links nach rechts – und Sören Brandy auf die Bank. „Brandy hatte ein wenig Substanzverlust in den vergangenen Spielen, deshalb hatte ich ihm eine schöpferische Pause gegönnt“, begründete Neuhaus.

Dass es jedoch ausgerechnet Brandy gewesen ist, der die beiden besten Union-Chancen bekommen sollte, sagt einiges aus über den Auftritt der Köpenicker. In der 63. Minute war er für Parensen gekommen, eine Viertelstunde später verstolperte er einen Pfertzel-Pass einen Meter vor dem Tor. „Ich war schon ein bisschen über den ersten Pfosten hinaus, deswegen konnte ich nur noch versuchen, den Ball reinzuspitzeln.“

„Die Karlsruher haben taktisch gut gespielt“

Sekunden vor dem Abpfiff folgte dann schließlich jener Kopfball, den Brandy auch hätte anders aufs Tor bringen können. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich so viel Platz habe, hätte ich einen Scherenschlag versucht“, sagte der Blondschopf. So musste auch Brandy neidlos anerkennen: „Die Karlsruher haben taktisch gut gespielt.“

Unter dem Strich müssen die Unioner sogar noch froh sein, dass die Partie nicht noch verloren ging. So rettete Kohlmann in der 51. Minute gegen den auf Torwart Daniel Haas zustürmenden Manuel Torres in höchster Not, rutschte Ilijan Micanski der Ball wenige Meter vor dem leeren Union-Tor über den Schlappen (71.), entschied Schiedsrichter Robert Kampka (Mainz) beim Duell Kohlmann/Torres auf der Strafraumlinie auf Freistoß für Union anstatt auf Elfmeter für den KSC (87.).

So bleiben 90 Union-Minuten mit viel Aufwand, aber ohne wirkliche Durchschlagskraft. „Wenn man so viel Ballbesitz hat, möchte man auch gewinnen“, sagte Terodde. Doch wie Trainer Neuhaus so treffend bemerkte: „Für Ballbesitz gibt es keine Punkte, das ist auch gut so.“ Die Karlsruher werden dem nicht widersprechen.