1. FC Union

Mattuschka wird gegen Erzgebirge Aue zum tragischen Helden

Ein Freistoß des Kapitäns genügte Union zum Sieg über die Sachsen. Die Köpenicker sind nun punktgleich mit Spitzenreiter Köln Zweitliga-Zweiter. Richtig freuen konnte sich Mattuschka darüber aber nicht.

Das Spiel war knapp eine Stunde vorbei, da stand Torsten Mattuschka ganz ungezwungen in der Lobby der Haupttribüne des Stadions An der Alten Försterei. Locker und entspannt war er in eine muntere Plauderei mit einem Fan verwickelt. So als ob ihn die 90. Spielminuten zuvor gegen Erzgebirge Aue gar nichts angingen.

Rund 80 Minuten zuvor sah das noch ganz anders aus. 20.541 Zuschauer hatten sich am Sonntagnachmittag von ihren Plätzen erhoben und applaudierten begeistert, als der Kapitän des 1. FC Union vom Feld ging und durch Adam Nemec ersetzt wurde. Ein kurzer Trab zur Seitenlinie, noch ein Blick hinüber zum Fanblock der Köpenicker, dankender Applaus seinerseits inklusive – dann hatte Mattuschka seine Schuldigkeit getan.

Nicht wenigen lief es in diesem Moment eiskalt den Rücken herunter. Die Dankbarkeit, die von den Rängen auf den 33 Jahre alte Mittelfeldspieler prasselte, war fast greifbar. Torsten Mattuschka – wieder einmal war er der beste Mann, wieder einmal hat er ihn, den Ball, reingehauen für seinen Verein. Per Freistoß, aus 30 Metern, in der 62. Minute. Es war das einzige, das entscheidende Tor im Ost-Derby gegen die Erzgebirgler. Union gewinnt mit 1:0 (0:0), zieht mit Zweitliga-Spitzenreiter 1. FC Köln gleich (jeweils 24 Punkte) und kann sich am 4. November in Köln auf ein echtes Highlight freuen.

„Es kotzt mich tierisch an“

Sein Kommentar zu dem, was gerade passiert war, lautete wie folgt: „Es kotzt mich tierisch an. Wegen Krankheit konnte ich schon in der vergangenen Saison nicht in Köln dabei sein, jetzt bin ich wegen der fünften Gelben Karte gesperrt.“

Anstatt sich ein wenig im Glanz des Siegtreffers und des fünften Pflichtspiels in Folge ohne Gegentor (vier Siege) ein wenig zu sonnen (was er sich durchaus verdient hätte), blickte „Tusche“ bereits zum Spitzenduell bei den Rheinländern. So ist Unions Nummer 17 eben: Mund abputzen und weitermachen, von Spiel zu Spiel blicken, so wie es Trainer Uwe Neuhaus den Seinen immer vorgibt.

„Erster gegen Zweiter, besser geht es nicht. Um so bitterer, dass ich nicht dabei sein kann“, sagte Mattuschka. Ein taktisches Foul bereits nach zwölf Minuten hatte jenen gelben Karton von Schiedsrichter Markus Schmidt (Stuttgart) zur Folge, der ebenso ärgerlich wie auch folgerichtig war. „Alles Betteln, dass der Schiedsrichter die Karte wieder wegnimmt, hat leider nicht geholfen“, erklärte der Bestrafte mit einem Augenzwinkern – wenigstens seinen Humor hatte Mattuschka nicht verloren.

Ein Geistesblitz nach gut einer Stunde

Dazu gab es auch keinen Grund. Oder wie es Coach Neuhaus bezeichnete: „Mattuschka war heute wichtig, um die drei Punkte einzufahren.“ Ein Geistesblitz nach gut einer Stunde lenkte die Partie in die richtige Richtung. Nach einem Foul an Damir Kreilach rund 30 Meter vor dem Auer Tor legte sich Mattuschka den Ball zurecht. Und als die Defensive der Erzgebirgler immer noch um Ordnung bemüht war, lief „Tusche“ bereits an, drosch den Ball rechts an der Mauer vorbei.

Einmal tippte das runde Spielgerät auf, von Gäste-Torhüter Sascha Kirschstein mit entsetztem Blick verfolgt, dann zappelte es im Netz. „Ich habe spekuliert, dass er spekuliert. Und ich habe richtig spekuliert“, so Mattuschkas einfache Erklärung für seinen fünften Saisontreffer. Kirschstein hatte sich für die Ecke hinter der Mauer statt für die Torwartecke entschieden.

Es war der Höhepunkt eines Ost-Derbys, das doch so arm an Höhepunkten gewesen ist. Bereits nach wenigen Augenblicken wurde deutlich: Aue ging es lediglich darum, irgendwie ein 0:0 nach Hause zu schaukeln. Schlussmann Kirschstein zögerte dafür jeden Abstoß heraus, um die Sekunden herunterlaufen zu lassen. Nach dem Tor konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Später sagte Aues Trainer Falko Götz: „Wenn man sieht, wie hart Union für diesen Sieg arbeiten musste, dann haben meine Jungs ihre Aufgabe erfüllt.“ Mit Fußball hatte das allerdings herzlich wenig zu tun.

Dausch von Beginn an für den erkrankten Köhler

Auf der anderen Seite die Unioner in ihrem 250. Zweitliga-Spiel, mit Martin Dausch für den erkrankten Benjamin Köhler (Magen-Darm-Infekt) im linken Mittelfeld. Mit 27:8 Torschüssen, 10:1 Ecken und 64 Prozent Ballbesitz, aber auch mit viel Mühe, eine Lücke im Beton aus dem Erzgebirge zu finden. So war Neuhaus froh, „dass wir die Partie mit Ruhe und Überzeugung zu Ende gespielt haben“. Zwei Chancen durch Simon Terodde (4., 20), eine durch Mattuschka (42.), mehr gab es trotz des hohen Aufwandes in Halbzeit eins nicht.

„Wir hatten in der ersten Halbzeit eine Phase, wo wir unruhig wurden und ich dachte: hoffentlich werden die Jungs jetzt nicht unsicher“, sagte Neuhaus. Doch in der Pause erneut eingeschworen vom Trainer, behielt Union die Ruhe und bekam seine Möglichkeiten. Kreilach (48.), Terodde (52., 74., 75.), Sören Brandy (57., 59.), Martin Dausch (76., 82.), alle vergaben. Nur Mattuschka, der traf.

Kurz nach dem Abpfiff, als das Stadion in Jubel versank, klatschte Mattuschka wie gewohnt Spieler und Betreuer ab. Als es daran war, Neuhaus den Handschlag zu geben, wurde er von seinem Trainer kräftig umarmt, voller Freude über den Sieg. Wie es in seinem Innern wirklich aussah, sollte Mattuschka erst später erzählen.