Es war der Großvater, der – so erzählte Enkel Sören unlängst – stets darauf bedacht gewesen ist, dass der Familienname ganz klassisch ausgesprochen wird: Brandy, mit einem A in der Mitte. Etwaige Allegorien auf die gleichnamige Spirituose sind demnach tunlichst zu vermeiden.
Als Beobachter des Berliner Fußball-Zweitligisten wird man jedoch den Eindruck nicht los, als habe dem Klub ein Brandy gerade noch gefehlt, um mit dieser Lockerheit sein Tagwerk zu verrichten, die er im ersten Fünftel der Spielzeit gezeigt hat.
Sören Brandy also. 28 Jahre alt, 1,82 Meter groß, 78 Kilogramm schwer, Stürmer. Er sieht eigentlich ganz brav aus, wie er da so vor einem sitzt. Ein Lausbub, die blonden Haare frech zur Seite gelegt, ein freundliches Lächeln. Er fühlt sich wohl an der Alten Försterei, daraus macht er keinen Hehl. „Wenn der Erfolg da ist, macht es überall Spaß“, erklärt Brandy.
„Union hat eine geile Truppe“
Seine Entscheidung, im Sommer vom Zwangsabsteiger MSV Duisburg zu den Köpenickern zu wechseln, hat er nicht bereut. Keine Sekunde lang. „Ich wusste, dass Union eine geile Truppe hat, als ich unterschrieben habe. Der Eindruck hat sich bestätigt.“
Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass Brandy selbst zur Hochstimmung beim Spitzenreiter ein großes Stück beigetragen hat. Drei Tore hat der in Verl geborene Offensivmann in den acht Pflichtspielen der Saison (siebenmal Zweite Liga, einmal DFB-Pokal) geschossen. Alle waren wichtig.
Sein Führungstreffer in Dresden ebnete den Weg zum ersten Saisonsieg (3:1), sein Ausgleich im Pokal bei Jahn Regensburg (2:1) brachte Union zurück ins Spiel, zuletzt gelang ihm das goldene Tor beim 1:0 in Ingolstadt. Nun ist die Hoffnung groß, dass ihm am Freitag im Spitzenspiel gegen den Tabellenzweiten SpVgg Greuther Fürth (18.30 Uhr, Alte Försterei) das erste Heimtor gelingt.
Allüren sucht man bei ihm dennoch vergeblich. Was seine Freude über die Tabellenführung jedoch nicht schmälert, zumal es seine allererste ist nach insgesamt 124 Zweitliga-Spielen. Aber: „Es sind erst sieben Spieltage gespielt, da muss man die Kirche im Dorf lassen. Da sind noch Mannschaften mit ganz anderen Ambitionen, wie Kaiserslautern oder Köln.“
Der Aufstieg ist weit weg, aber auch nicht unmöglich
Brandy gibt aber auch ganz nüchtern zu verstehen: „Ich wurde ja nicht gelockt mit der Perspektive, um den Abstieg zu spielen. Es war schon klar, dass wir Ambitionen haben. Der Aufstieg ist weit weg, aber auch nicht unmöglich.“
Überhaupt scheint für den Vater einer Tochter kaum etwas unmöglich zu sein. Das macht er jedenfalls mit seiner Spielweise deutlich. Er bringt jene Laufbereitschaft mit, die auch die Teamkameraden mitreißt. Und er bringt eine gesunde Portion Frechheit mit. Einem Spitzbuben gleich, wittert er selbst in der Rückwärtsbewegung den langen Ball in die Spitze, einen verunglückten Rückpass, die nächste Torchance für Union.
Dabei bietet ihn Trainer Uwe Neuhaus seit Wochen rechts im Mittelfeld auf. „Doch ich gehe im Tausch mit Torsten Mattuschka auch oft in die Mitte“, sagt Brandy. Dort, wo er sich eigentlich am wohlsten fühlt. Aber für den Erfolg lässt sich Brandy gern auch an den Rand des Spielfeldes drängen.
Das Lob der Mitspieler ist ihm gewiss. „Er führt auch immer wieder Zweikämpfe, die für uns ein Signal sind zu sagen: Weiter geht’s“, sagt Mittelfeldspieler Michael Parensen. Und: „Ich habe mich extrem gefreut, als ich gehört habe, dass wir ihn verpflichtet haben. Weil er einfach als Typ in die Mannschaft passt.“
Ein unangenehmer und ekliger Gegenspieler
Abwehrspieler Fabian Schönheim wird sogar noch ein gutes Stück deutlicher. „Er ist einfach ein unangenehmer und ekliger Gegenspieler. Als Gegenspieler habe ich ihn auch oft verflucht, weil er auch gerne fällt. Er macht das allerdings auf solch clevere Art und Weise, dass es auch tatsächlich ein Foul ist. Das ist die große Kunst dabei.“
Spontan fällt dem Innenverteidiger das Heimspiel gegen den FC St. Pauli (3:2) ein. Bereits nach knapp sechs Minuten lag Union 0:2 hinten, als es Elfmeter für die Berliner gab – dank Brandy. „Er hält einfach seine Knochen dazwischen, wird umgehauen, und es gibt Elfmeter, mit dem er uns ins Spiel zurückbringt. Er hat einen Riecher dafür, wo der Ball hinkommt“, erklärt Schönheim.
Der einst unangenehme und eklige Kontrahent nimmt die Anerkennung natürlich wohlwollend zur Kenntnis. Wenn man sich gegenseitig ein bisschen hops nehme, dann sage das einiges über den Zustand der Mannschaft aus.
Also legt Brandy mit einem Augenzwinkern sofort nach: „Die Jungs können froh sein, dass sie nicht mehr auf der anderen Seite stehen. Ich glaube, im Training halten sie sich auch schon etwas fern von mir.“ Union und Brandy – das passt einfach.
Brandy geht dahin, wo es wehtut
Es ist wie so oft: Eigentlich vermisst man nichts. Doch wenn die Verbesserung da ist, merkt man, was einem bisher entgangen ist. Brandy ist für Union das Überraschungsmoment, das die Köpenicker unberechenbar macht. „Das ist meine Spielweise, ich gehe da hin, wo es wehtut.“
Rechtsverteidiger Marc Pfertzel hat inzwischen seine ganz eigene Form der Lobhudelei gefunden – und Brandy ob der teils unkonventionellen Spielweise prompt zum weißen Afrikaner gestempelt. Und da diese oft mit deutschen Vornamen daher kommen, „nennt er mich immer Wilfried, weil ich überraschende Sachen mache“, sagt der Gelobte und muss sofort lachen.
Wilfried Brandy – ob sein Großvater damit einverstanden wäre? Anzunehmen, so lange der Familienname mit einem A ausgesprochen wird. Ganz klassisch.





