Zweite Liga

Union erwartet Rekordkulisse zum Kultduell gegen St. Pauli

Berlins Zweitligist 1. FC Union hat seinem Gegner von der Reeperbahn längst den Rang abgelaufen. Nicht nur wegen der Kontinuität im sportlichen Bereich, auf die man bei Union seit Jahren setzt.

Foto: Hannibal Hanschke / pa/dpa

Natürlich ist das Stadion an der Alten Försterei ausverkauft. 21.717 Zuschauer werden sich am Sonnabendnachmittag auf den Rängen tummeln, so viele wie noch nie bei einem Heimspiel des 1. FC Union.

Weil es eben nicht nur ein ganz normales Fußballspiel ist, wenn der Berliner Zweitligist auf den FC St. Pauli trifft (13 Uhr, Sky). In der immer wieder zu einem Kultduell hoch gepushten Begegnung treffen zwei Fußball-Kulturen aufeinander, die in Deutschland immer noch ihresgleichen suchen.

„Solche Spiele sind der Grund, warum jeder von uns Fußballprofi geworden ist“, wird Torsten Mattuschka, Unions Kapitän, nicht müde zu betonen. Es ist die Begegnung zweier Vereine, die ihren Weg gefunden haben zwischen Kult und Kommerz. St. Pauli ist seit Jahrzehnten bis in den letzten Winkel der Republik als Kultklub bekannt. Mit Blick auf die vergangenen Jahre darf jedoch festgehalten werden, dass Union den Hamburgern den Rang inzwischen abgelaufen hat. Selbst wenn man bei den Köpenickern die Bezeichnung Kultklub gar nicht so gerne hört.

Fans erfreuen sich am Schmuckstück Alte Försterei

Stichwort Stadion. Seit Beginn dieser Spielzeit erfreuen sich die Union-Fans an der komplett modernisierten Alten Försterei. Die neue Haupttribüne mit ihren Eisern Lounges und Vip-Logen ist das Schmuckstück des größten reinen Fußballstadions der Hauptstadt.

Und auch Bauzeit und Finanzierung nötigen dem Verein Respekt ab. Von 2008 bis 2009 wurden die Stehplatztraversen durch Tausende von Fans und Mitgliedern des Klubs saniert, von Sommer 2012 an dauerte es ebenfalls nur ein Jahr, bis der neue Sitzplatzbereich komplett genutzt werden konnte.

Auf St. Pauli, wo die Modernisierung des Millerntor-Stadions nicht weniger dringend gewesen ist, begannen die Bauarbeiten bereits im Jahr 2006, zwei Jahre früher als in Köpenick. Fertig ist man in Hamburg jedoch immer noch nicht. Erst 2014 soll der komplette Umbau mit der neuen Nordtribüne abgeschlossen sein. Probleme bei der Finanzierung wegen nicht gewährter Kredite hatten die Verzögerung der Baumaßnahmen zur Folge.

Stadionaktien statt Fan-Anleihen

Stichwort Finanzierung. Auch hier ging Union einen charmanteren Weg als St. Pauli. Während man in Hamburg neben der Fremdfinanzierung eine Fananleihe auflegte, band Union seinen Anhang mit der Stadionaktie noch enger an sich. Anders als bei einer Anleihe haben die Berliner nicht den Druck, das investierte Geld mit einem zugesicherten Gewinn wieder zurückzahlen zu müssen.

Zudem dürfen Unions Stadionaktionäre mitbestimmen, was mit ihrem „Wohnzimmer“ passiert, selbst bei einem eher banalen, für den Fan jedoch so wichtigen Thema wie dem Stadionnamen. Das schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl, welches sich Heimspiel für Heimspiel miterleben lässt.

So weiß auch Trainer Uwe Neuhaus, dass gerade die Duelle mit St. Pauli „durch eine überragende Stimmung geprägt sind. So wie es immer sein sollte und auch Spaß macht.“ Doch er schränkt auch ein: „Für den sportlichen Verlauf des Spiels und das Ergebnis ist der Kult jedoch irrelevant.“

Union ist gewachsen, St. Pauli im Umbruch

Relevanter ist da ohne Zweifel die sportliche Qualität. Und auch hier sollte Union die Nase vorn haben. Zum einen, weil die Mannschaft in den vergangenen Jahren immer Stück für Stück gewachsen ist und verbessert wurde. Ein so genanntes Jahr des Umbruchs – ein Motto, das St. Paulis Coach Michael Frontzeck für sein Team gerade erst definiert hat – gab es nicht bei den Berlinern. Ruhe und Kontinuität lauten die Vorgaben bei Union.

Stichwort Ruhe. Auch hier haben die Köpenicker die Nase vorn. Weder in der vergangenen Saison, als nach nur einem Punkt aus fünf Spielen Kritik an Trainer Neuhaus laut wurde, noch vor dieser Spielzeit, als Klubchef Dirk Zingler im Morgenpost-Interview das Ziel Bundesliga klar formulierte, wurde es turbulent, zumindest was den öffentlichen Auftritt angeht. Alle im Verein üben Tag für Tag eisern den Schulterschluss.

Anders in Hamburg, wo es bereits nach dem ersten Spieltag – nennen wir es – Irritationen gab, was die Zielsetzung anbelangte. So hatte St.-Pauli-Präsident Stefan Orth seinen Trainer nicht nur mit der Aussage verärgert, dass man gegen 1860 München klar gewinnen werde (am Ende hieß es 1:0), sondern vor allem damit: „Ich glaube, wir werden die Überraschungsmannschaft der Saison.“

„Ärgerliche und unnötige Aussagen“

Frontzeck attackierte daraufhin den Klubchef, sprach von „ärgerlichen und unnötigen Aussagen“. Er selbst sieht sein Team auf einem guten Weg, um irgendwann einmal die Rückkehr in die Bundesliga anvisieren zu können.

Ein Umstand, der Union und St. Pauli in der öffentlichen Wahrnehmung als Kultklubs deklariert, wurde von beiden Seiten jedoch zu einem Mythos erhoben. „Das Zeitalter der Fan-Freundschaft ist vorbei, man muss vorsichtig sein mit dem Begriff“, ließ Sven Brux wissen, bei St. Pauli zuständig für die Bereiche Organisation und Sicherheit. Es gebe eine grundsätzliche Sympathie, die jedoch mit dem Begriff gegenseitiger Respekt am besten erklärt ist.

Kult hin, Respekt her – für beide Seiten wären drei Punkt heute Nachmittag eminent wichtig, um Anschluss an die Spitzengruppe zu halten. „Ich hoffe, dass wir unseren Fans die drei Punkte schenken können“, sagte Torsten Mattuschka. Der Stimmung in der Alten Försterei kann dies nur zuträglich sein.