Zweite Liga

Union schwankt zwischen Frust und Freude

Gemischte Gefühle: Vielen positiven Dingen stehen beim Start auch negative gegenüber. Vor allem für Kapitän Mattuschka läuft es schlecht.

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Um kurz vor neun Uhr am Vormittag liefen ein paar Spieler noch durch den Wald neben dem Trainingsgelände. Es war die letzte dienstliche Verpflichtung nach einer langen Reise. Die ganze Nacht war die Mannschaft des 1. FC Union von Kaiserslautern mit dem Bus nach Berlin durchgefahren, nach dem Auslaufen ging es dann ins Bett.

Die meisten dürften gut in den Schlaf gefunden haben, schließlich kann der Ausflug zum Auftakt der Zweiten Fußball-Liga als erfolgreich gelten. Einen Punkt nahmen die Berliner mit beim Bundesliga-Absteiger und liegen auf Rang fünf. „Ich bin begeistert von der Tabelle – so kann's bleiben“, sagte Trainer Uwe Neuhaus. Denn Platz fünf hatten die Köpenicker als höchstes Saisonziel definiert.

Doch allein der Blick auf die Tabelle wäre eine zu oberflächliche Betrachtung von Unions erstem Saisonauftritt. Das ging auch dem Trainer durch den Kopf, er stockte bei seiner Analyse. „Ich bin hin- und hergerissen“, befand der 52-Jährige. Denn das Resultat lautete am Ende 3:3, und es beinhaltete viel Gutes von Union, aber ebenso Schlechte. Es war ein Zeugnis von Glück, genauso wie Unglück. Mit 2:0 hatten die Berliner nach schönen Spielzügen geführt, dann 2:3 zurückgelegen nach einigen Abwehrfehlern – und ihnen gelang in der Nachspielzeit der Ausgleich. „Es ist total ärgerlich. Es wäre mehr drin gewesen“, sagte Michael Parensen, der zum 1:0 getroffen hatte. Die Gefühlslagen schwankten zwischen Frust und Freude.

Fast vor dem Untergehen

Zu den guten Dingen bei den Berlinern zählte die Aufmerksamkeit in der ersten Hälfte. Da „haben wir defensiv gut gestanden“, sagte Neuhaus. Aber: „Offensiv haben wir kaum Fußball gespielt.“ Ziemlich ins Gegenteil verkehrte sich die Situation in der zweite Hälfte, offensiv lief es prächtig mit dem glänzend die Bälle verteilenden Tijani Belaid, der zwei Tore auflegte. Aber: „Mit dem Anschlusstreffer kam dann Hektik auf“, bilanzierte der Coach. Die Abwehr verlor die Ordnung. Vor allem dem Neuling Roberto Puncec unterliefen Stellungsfehler, und selbst die späte Hereinnahme von Verteidiger Christian Stuff für Stürmer Silvio zur Absicherung des 2:2 vermochte den Zerfall nicht stoppen. Das machte den Trainer ziemlich unwirsch. „Es war ein Tick davor, dass wir untergehen. Lautern hatte viele Chancen“, sagte auch Parensen. Doch mit letzter Kraft erkämpften die Berliner das Unentschieden. „Es spricht für uns, dass wir uns aus dieser Situation als Mannschaft herausgezogen“, so Parensen.

Der Abend von Kaiserslautern hat Neuhaus einiges zum Überdenken mitgegeben. Er muss die Leistungen von Angriff und Abwehr besser ausbalancieren. Für den Anfang wirkte die neue Innenverteidigung mit Fabian Schönheim und dem jungen Puncec noch zu unabgestimmt. Offenbar funktioniert die sprachliche Verständigung mit dem Kroaten noch nicht reibungslos. Drei Gegentore jedenfalls sind zuviel. Vor allem vor dem Hintergrund, dass dies schon in der Vorsaison die Achillesverse der Köpenicker war und nun behoben werden sollte. „Wir haben gute Ansätze gesehen. Es gibt aber noch viel zu verbessern“, sagte Mittelfeldspieler Parensen. Vielleicht verhilft die noch schwierige Kommunikation mit Puncec dazu, dass die Aussichten für Stuff auf einen Platz in der Startelf vorerst steigen.

Bei Torsten Mattuschka könnten die in Kaiserslautern sogar gesunken sein, zumindest hat sich seine Situation nicht verbessert. Überraschend hatte der Trainer auf den Kapitän verzichtet und statt seiner in der Zentrale hinter den Spitzen auf Belaid gesetzt. Der dankte es mit einem sehr guten Auftritt, obwohl er ein wenig mit sich haderte. „Ich bin sehr glücklich, dass ich zwei Tore vorbereiten konnte und dass wir einen Punkt geholt haben. Ich hätte aber auch ein Tor schießen können“, sagte der Tunesier, der bislang seine beste Darbietung im Union-Trikot ablieferte.

Die Entscheidung gegen Mattuschka hatte Neuhaus keineswegs kurzfristig gefällt. „Tusche ist in den letzten 14 Tagen nicht so richtig aus dem Quark gekommen. Aus diesem Grund wurde er auch gegen Eindhoven ausgewechselt“, erzählte der Trainer. Nicht zum ersten Mal wurde der Regisseur zum Saisonstart nicht berücksichtigt. Mattuschka selbst schwieg nach dem Spiel, in dem er erst in der 80. Minute für Belaid eingewechselt worden war, zu seiner Rückstufung.

Gefallen haben wird sie ihm ganz sicher nicht, auch für Neuhaus war es nicht leicht. „Den Kapitän draußen zu lassen, ist keine einfache Entscheidung. Natürlich muss man doppelt und dreifach überlegen, da muss man vorsichtig sein“, sagte der Trainer. Nach den Eindrücken der vergangenen Tage sah er aber offenbar keine andere Option: „Für den Kapitän gilt auch das Leistungsprinzip. Die Leistung zählt. Da ist es egal, wie der Spieler heißt und auf welcher Position er spielt.“

Interner Druck steigt

Zuletzt hatte Neuhaus öfter erwähnt, dass es auf einigen Positionen im Kader eng zugeht. Und die offensiven Qualitäten von Belaid sind unbestritten. „Er ist ein ballsicherer Spieler, der das Spiel lenken kann“, sagt Parensen. Gleiches gilt für Mattuschka, der grundsätzlich aber den Vorteil hat, dass sein defensives Verantwortungsgefühl ausgeprägter ist als beim 24-jährigen Belaid, der es damit etwas leichter nimmt. Gegen Kaiserslautern aber konnte dem Tunesier auch in dieser Hinsicht niemand etwas vorwerfen. Der Kampf um den Platz in der Startelf wird also auch für den 31-jährigen Kapitän anstrengender werden in dieser Saison. Aber interner Druck ist ja beabsichtigt, ohne ihn sind hohe Ziele nicht erreichbar.

Obwohl gut und schlecht, Glück und Unglück, Frust und Freude in Kaiserslautern im steten Wechselspiel standen, setzte sich bei Michael Parensen von allem ein Eindruck durch: „Ich denke, dass wir eine viel versprechende Saison vor uns haben.“