Zweite Liga

Für Kohlmann passt der 1. FC Union perfekt

Union ist in Berlin vor allem eines – bodenständig. Verteidiger Patrick Kohlmann über den Start in Kaiserslautern, dicke Autos und Freundschaften im Profigeschäft.

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Er gehört beim 1. FC Union zu den festen Größen, seit 2008 spielt Patrick Kohlmann (29) beim Köpenicker Fußballklub, der am Montag beim 1. FC Kaiserslautern in die Zweitliga-Saison startet (20.15 Uhr, Sport1). Morgenpost Online sprach mit dem Innenverteidiger über Freundschaften im Fußball und Bodenständigkeit.

Morgenpost Online: Herr Kohlmann, beim vorletzten Testspiel gegen Hibernian Edinburgh (2:0) trafen Sie in Timothy Clancy auf einen Jugendfreund. Wie haben Sie das erlebt?

Patrick Kohlmann: Seit knapp 20 Jahren hatten wir uns nicht mehr gesehen. Damals war ich als Kind immer in den Ferien in Irland bei meiner Oma, dort habe ich dann auch die Jungs kennengelernt, Fußball verbindet eben. Ihn jetzt wiederzusehen, war eine sehr schöne Sache – nach so langer Zeit, bei so einem Ereignis. Da sieht man, wie klein die Welt ist.

Morgenpost Online: Wussten Sie, dass er Profi geworden ist?

Patrick Kohlmann: Das wusste ich, ich wusste auch, dass er in U-Nationalteams gespielt hat und nach Schottland gegangen ist. Aber ich wusste nicht, in welcher Mannschaft er gerade spielt. Aber dann kam eine E-Mail an den Klub von einem Freund, der damals mit uns gespielt hat, und der schrieb, dass es jetzt zu dieser Begegnung kommen würde.

Morgenpost Online: War das Wiedererkennen schwer?

Patrick Kohlmann: Ich musste schon erst gucken, ob er das ist. Die Erinnerung liegt ja doch weit zurück. Aber als wir dann zueinander gefunden hatten, war es eigentlich wieder wie damals. Wir haben über alte Zeiten gequatscht und kurz zusammengefasst, was in den letzten Jahren an wichtigen Dingen passiert ist. Wir wollen jetzt in Kontakt bleiben, das haben wir uns vorgenommen. Und er will demnächst mit ein paar Kumpels zu einem Meisterschaftsspiel bei Union vorbeikommen.

Morgenpost Online: Richtige Freundschaften, gibt es so etwas eigentlich noch im Profifußball?

Patrick Kohlmann: Dass in einem Kader von 25 Mann nicht alle dickste Freunde sind, ist normal. Man respektiert sich, man versteht sich. Gerade hier bei Union haben wir immer ein sehr gutes Klima in der Mannschaft. Zu zwei, drei Spielern pflegt man auch engere Beziehungen. Ich habe auch Kontakt zu Spielern von früheren Stationen. Durch die räumliche Distanz ist das natürlich manchmal schwierig. Aber man versucht, das zu konservieren, um vielleicht nach der Karriere wieder zusammenzukommen. Es entstehen schon Freundschaften, es ist das Leben, das man führt. Ich bin jeden Tag hier, auf dem Fußballplatz, da sind die Jungs, mit denen ich am meisten Zeit verbringe.

Morgenpost Online: Ist das nur oberflächlich? Steht die Konkurrenz echten Freundschaften im Weg?

Patrick Kohlmann: Kaum einer wird sich den direkten Konkurrenten als besten Freund aussuchen. Aber das ist situationsabhängig, entweder es besteht eine Sympathie oder nicht. Das ist im normalen Leben nicht anders.

Morgenpost Online: Ist es dort, im normalen Leben, leichter für Sie, enge Freundschaften zu entwickeln?

Patrick Kohlmann: Klar habe ich Jugendfreunde von der Schule, die ich mein Leben lang kenne, zu denen ich engere Freundschaften habe als zu jemandem, den ich zwei Jahre kenne. Da ist noch mehr Vertrauen. Ich denke aber schon, dass sich auch im Fußball so etwas entwickeln kann. Ansonsten wäre es ja schade, wenn du es nur so betrachtet, dass es ein Beruf ist und solche Sachen gar keine Rolle spielen.

Morgenpost Online: Welche Rolle spielt Status in den Freundschaften außerhalb des Fußballs? Auf der einen Seite sind Sie der erfolgreiche Profi, auf der anderen Seite Freunde, die aus dem normalen Leben kommen.

Patrick Kohlmann: Im Privatleben fühle ich mich nicht als besondere Person. Wenn ich einkaufen gehe, bin ich wie jeder andere. Manchmal erschrecke ich fast, wenn mich jemand anspricht auf irgendwelche Spiele. Gerade hier bei Union finde ich alles sehr sympathisch, ich wurde noch nie irgendwo negativ auf der Straße angesprochen. Selbst, wenn es nicht lief. Die Leute hier sind sehr normal, das macht es dir als Spieler einfach.

Morgenpost Online: Bringt Ihr Beruf auch Distanz mit sich, wenn Sie Leute außerhalb des Fußballs kennenlernen? Oder Skepsis, ob die Motive für eine Freundschaft ehrlich sind?

Patrick Kohlmann: Vielleicht bist du interessanter als andere, wenn du den Status hast, Fußballprofi zu sein. Ich denke aber, dass es sich relativ schnell herauskristallisiert, welches Motiv derjenige hat. Ob jemand mit mir befreundet sein will, weil ich Fußballer bin oder weil er den Menschen mag.

Morgenpost Online: Haben Sie so etwas schon erlebt, dass es nur um Sie als Profi ging?

Patrick Kohlmann: Wenn es auf die Schiene geht, dass du nur interessant bist, weil du der Fußballer bist, dann bleibt es bei oberflächlichen Gesprächen. Da bin ich mittlerweile alt genug, das einschätzen zu können. Negative Erfahrungen habe ich aber noch nicht gemacht. Vielleicht bin ich auch einfach zu normal dafür.

Morgenpost Online: Ist jemand als Spieler von Union prädestiniert dazu, am Boden zu bleiben?

Patrick Kohlmann: Stargehabe würde hier nicht wirklich reinpassen. Dafür passt das hier alles für mich wie die Faust aufs Auge, ich fühle mich total wohl, gerade weil das Umfeld so ist, wie es ist. Man muss sich hier nur umgucken. Hier wird gearbeitet, die Fans helfen dem Verein, das Stadion aufzubauen. Diesen Klub zeichnet ein großer Zusammenhalt aus. Da fügst du dich als Spieler ein und tust nicht so, als ob du einen besonderen Status hättest oder eine große Nummer wärst. Du gehörst genauso zum Verein wie jeder Bauarbeiter.

Morgenpost Online: Das fällt schon auf dem Parkplatz der Mannschaft auf, da stehen kaum Nobelkarossen wie sonst üblich bei Profis. Ist man als Spieler bei Union mit wenig zufrieden?

Patrick Kohlmann: Für das Auto des anderen interessiert sich in der Kabine niemand. Sollte jemand Wert legen auf einen tollen Wagen, habe ich auch kein Problem damit. Aber für mich ist so etwas nicht wichtig. Über den Charakter sagt ein Auto, denke ich, nicht viel aus. Danach beurteile ich keinen Menschen.

Morgenpost Online: Ihre Bescheidenheit passt zum Klub, zum Umfeld, zur engen Beziehung des Klubs zu den Fans. Wahrscheinlich wäre es für einen Spieler schwer, die Akzeptanz an der Basis zu finden, sollte er zu sehr die große Profiattitüde raushängen lassen.

Patrick Kohlmann: Schwer zu sagen, ich für meinen Teil wurde so von meinen Eltern erzogen. Bei jedem anderen Verein würde ich genauso sein. Für mich ist das eine Grundeinstellung, mit der ich durchs Leben gehe. Vielleicht sehen das andere Spieler anders. Wenn das bei den Fans gut ankommt, ist das ein schöner Bonus. Aber wichtig ist, dass die Leistung stimmt, dass der Fans sieht, dass der Spieler alles gibt für den Verein. Was für ein Auto er fährt, wird dann auch den Fan nicht weiter interessieren, Hauptsache, der Spieler reißt sich für den Verein den Arsch auf.

Morgenpost Online: Der Verein hat hohe Ziele formuliert und langfristig den Bundesliga-Aufstieg im Auge. Wie kommt das in der Mannschaft an?

Patrick Kohlmann: Das finde ich gut, der Klub entwickelt sich. Ich bin in der Dritten Liga hierher gekommen. Damals war es nicht vorstellbar, dass wir mal eine so gute Rolle in der Zweiten Liga würden spielen können. Wenn man sich hier umguckt, wie sich alles verändert hat. Bald steht die neue Haupttribüne, die Fans sind sowieso wunderbar. Da ist es folgerichtig, dass irgendwann höhere Ziele angepeilt werden.

Morgenpost Online: Hatten Sie einkalkuliert, so lange in Berlin zu bleiben?

Patrick Kohlmann: Es war schon ein Wunsch. Ich war damals 13 Jahre in Dortmund, das zeigt, dass ich jemand bin, der gern längerfristig irgendwo ist. Dann habe ich leider Gottes nur ein Jahr in Erfurt gespielt, was ich mir anders vorstellt hatte. Dann kam die Chance bei Union. In der Zweiten Liga kann ich mir keinen besseren Verein vorstellen. Du merkst, dass hier Fußball gelebt wird.

Morgenpost Online: Sie sind in einer Phase hier, wo sich alles nach vorn entwickelt, erleben eine für den Klub große, erfolgreiche Zeit. Was bedeutet es für Sie, Teil dessen zu sein?

Patrick Kohlmann: Das macht mich als Spieler schon stolz, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann. Es ist toll zu sehen, was aus dem Klub wird. Aus Erfurt wegzugehen, war damals erst eine Enttäuschung, aber letztlich ein großes Glück.