Man rühmt sich beim 1. FC Union gerne einer einfachen, zugleich aber auch wertvollen Tugend. Wenn man es nicht genauer wüsste, würde man annehmen, sie ist sogar essenzieller Bestandteil in den Verträgen, die der Fußball-Zweitligist mit seinen Spielern abschließt. Keine Frage, der Teamgeist zählt bei Union zu den wohl am meisten behüteten Charaktereigenschaften. Ein Pfund, mit dem die Berliner bislang stets zu wuchern wussten. Das 3:3 am vergangenen Freitag beim FC Ingolstadt belegt jedoch, dass selbst an der Alten Försterei jener Teamgeist nicht unendlich belastbar ist.
Trotz des glücklichen Umstands, in allerletzter Sekunde doch noch wenigstens einen Punkt gerettet zu haben, ist Enttäuschung das vorherrschende Gefühl im Lager der Eisernen. Enttäuschung, die die Kritik – sicherlich auch angestaut durch die immer wiederkehrenden Vorkommnisse der Vorwochen – innerhalb der Mannschaft lauter werden lässt. Es ist der Klassiker unter den Vorwürfen, wenn eine spielerisch gute Leistung wie in Ingolstadt erneut nicht zu einer vollen Punkteausbeute gereicht hat: Die Stürmer treffen nicht, heißt es auf der einen Seite, die Abwehr lässt zu viele Gegentore zu, auf der anderen. Wie so oft ist es eine Kombination beider Umstände, die einen Abwärtstrend einläuten.
So ging Torsten Mattuschka mit seinen Mitspielern nach dem verpassten Sieg in Ingolstadt hart ins Gericht. „Das war in den letzten Auswärtsspielen immer so. Wir spielen überragend und lassen den Gegner laufen. Der wusste gar nicht, was er machen sollte. Und dann holt man nur einen Punkt“, monierte der Kapitän sichtlich angefressen. Und lieferte den Grund gleich mit: „Wir bekommen so einfache Gegentore in jedem Auswärtsspiel. Da kommt eine Flanke aus 40 Metern, wir stehen in der Mitte in Überzahl, und der Gegner macht trotzdem das Tor. Das ist nicht zu fassen.“
Allein 15 der 16 Gegentreffer in der Rückrunde hat Union auf des Gegners Platz hinnehmen müssen – ein wahrlich erschütternder Wert, der den Eindruck der besten Hinrunde der Klubgeschichte mehr und mehr zunichte macht. „Wir müssen besser sprechen und besser zuordnen. Wir können ja nicht fünf oder sechs Tore schießen, sondern müssen bei einer 2:1-Führung das Spiel auch mal über die Runden bringen“, formulierte Mattuschka deutlich Kritik am Verhalten der Abwehr: „Da muss man einfach mal nur ein Gegentor bekommen.“
Die Rüge des Kapitäns wollte Christian Stuff nicht auf sich sitzen lassen. Sicher sei „in erster Linie natürlich die Abwehr für die Gegentore“ verantwortlich. „Aber wenn die Stürmer Tore schießen, gehören da auch noch andere mit dazu. Fußball ist ein Mannschaftssport“, sagte der Innenverteidiger. Und verwies mit Blick auf Unions Auswärtsschwäche auf die eigene Fahrlässigkeit vor dem gegnerischen Tor: „Ich habe den Eindruck, dass wir – vom Ingolstadt-Spiel jetzt mal abgesehen – auswärts unsere Chancen nicht so nutzen.“ Ähnliche Kritik hatte schon Mittelfeldspieler Markus Karl („So geht es einfach nicht weiter“) nach dem 0:1 gegen 1860 München geäußert. Nun fordert der Mittelfeldspieler, dessen Last-Minute-Tor das Remis sicherte, eine Aussprache: „Wir müssen uns zusammensetzen.“
Genau das wird auch passieren, am Montag, bei der Videoanalyse der Partie. Trainer Uwe Neuhaus wird dann vor der Aufgabe stehen, die Seinen wieder auf Linie zu bringen. „Defensive bedeutet auch, dass die ganze Mannschaft defensiv zu arbeiten hat. Das kann auch in der Offensive schon anfangen. Für mich gibt es kein vorne und hinten“, sagte der Coach: „Es darf nur nicht sein, dass einer den anderen zum Sündenbock macht.“ Worte, die vor allem an Mattuschka gerichtet sein dürften.
Doch je länger der Negativtrend trotz guter Leistungen anhält (Union holte nur vier von 15 Punkten im Jahr 2012), desto eher wird die Enttäuschung in Kritik umschlagen. „Ein später Ausgleich hilft da schon ein kleines bisschen, darüber hinwegzukommen“, sagte Neuhaus.





