Die Emotionen mussten einfach raus. Also fasste sich Union-Mitglied Smily ein Herz, ging in die Mitte der prall gefüllten Ballsporthalle Hämmerlingstraße, dort, wo eines der Mikrofone aufgebaut war. Es war vor allem für jene unter den rund 2000 Anwesenden gedacht, die ihre Fragen zum Bau des neuen Schmuckstücks des Stadions an der Alten Försterei kundtun wollten. Doch Smily hatte eher ein Anliegen, wie er es selbst nannte. Da stand er also am Mikro, in der Hand einen Strauß Blumen, in den Farben Rot und Weiß gehalten, den Farben des 1. FC Union, und brachte mit leicht zittriger Stimme sein Gefühl zum Ausdruck. „Wenn man jemanden liebt, dann schenkt man ihm Rosen“, sagte er und machte sich auf in Richtung Bühne, zu dem Mann, dem er die Blumen überreichen wollte.
Dirk Zingler, der Präsident des Berliner Fußball-Zweitligisten, nahm die Aufmerksamkeit mit einem Lächeln entgegen, umarmte den Überbringer und legte den Strauß für jeden sichtbar vor sich auf den Tisch. Solche oder ähnliche Reaktionen hatte Zingler in den vergangenen Tagen zuhauf bekommen, wenn meist auch nur verbaler Art. Den Mitgliedern wird Zingler als der Mann in Erinnerung bleiben, der nicht nur den Bau der neuen Haupttribüne und damit die Fertigstellung des Stadions realisieren wird. Zingler wird für die Mehrheit der Unioner – das wurde am Sonntag bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung deutlich – jener Mann sein, der ihnen das Stadion zurückgibt, das ihnen so am Herzen liegt.
„Ich mache kein Geheimnis daraus, dass auch ich mir damit einen Herzenswunsch erfülle“, sagte Zingler in einem Einspieler, in dem sich der Klubchef als Aufsichtsratschef der neuen „An der Alten Försterei“ Stadionbetriebs AG präsentierte. Der Union-Präsident, selbst jemand, der viele Jahre in der Fankurve mitgefiebert hat, machte damit noch einmal klar: Ich bin einer von euch, ich wahre eure Interessen.
Seine Hausaufgaben hat der Klubchef jedenfalls gemacht. Denn für die Finanzierung der 15 Millionen Euro teuren Tribüne steht mit der DKB ein starker Partner zur Seite. Mit sechs Millionen Euro wird sich die Bank über Darlehen am Bau beteiligen. Auch das Land Berlin wird sich mit drei Millionen Euro helfen. „Die Summe kommt aus dem Vereinsinvestierungsprogramm des Landes und wird aus Lottogeldern finanziert“, erklärte Zingler. Da auch Unions Amateurmannschaft, die dem Verein untersteht, das neue Stadion mitnutzen wird, hat Union diese Mittel beantragt und bewilligt bekommen. Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister, habe sich persönlich dafür eingesetzt, so der Union-Boss. Nach Jahren harten Kampfes ist es Zingler also auch gelungen, die Politik hinter sich zu bringen. Zudem engagieren sich Vermarktungspartner Ufa Sports (2,5 Millionen Euro), die Bauunternehmen (2,0) sowie der 1. FC Union Berlin e.V. und dessen Sponsoren (1,5) am Bau.
Die Transparenz der Zahlen hinterließ Eindruck. „Die Aktion ist super geil“, sagte Uwe, Fan und seit fünf Jahren Mitglied des Köpenicker Klubs. Er unterstrich: „Wir sind eine Familie und wollen auch eine Familie bleiben.“ Eine Aktie wird er sich auch zulegen, obwohl er die 500 Euro als „kein Pappenstiel“ bezeichnet: „Wir sind ein Arbeiterverein, aber mit dem Weihnachtsgeld wird es schon irgendwie gehen.“ Bernd Klupsch, ebenfalls lange Jahre Union-Mitglied, sah es ähnlich: „Das ist eine tolle Sache, die da geplant ist“ Natürlich will auch er eine Aktie erwerben, die Bezahlung soll „dann aber in Raten“ erfolgen.
Ratenzahlungen werden ebenso möglich sein wie Finanzierungen. Dafür wird Union mit Hilfe des Wirtschaftsrates extra eine Börse einrichten, um passende Kredite zu vermitteln. Zingler sprach von einem „Weg, um unsere eigenen Angelegenheiten zu regeln. Niemand soll davon ausgeschlossen werden, nur weil er sich die Aktie nicht leisten kann.“ Ein Radiospot, der auch auf der Internetseite www.stadionbesitzer-werden.de zu hören ist, beschließt ein imaginäres Gespräch zwischen Sepp Blatter und Silvio Berlusconi mit den Worten: „Wir verkaufen unsere Seele, aber nicht an jeden.“ Fifa-Chef Blatter und AC-Mailand-Boss stehen dabei als zwei Protagonisten des kommerziellen Fußballs, den man bei Union mit der Aktienausgabe bekämpfen will.
Neue Straße geplant
Zingler sagte aber auch: „Wenn man Profifußball in Köpenick haben möchte, dann müssen die Bedingungen und das Stadion professionalisiert werden.“ Dazu zählt nicht zuletzt die Verbesserung der Infrastruktur. So ist auf der Waldseite des Stadions eine neue Ost-West-Trasse in Planung, die die Straße an der Wuhlheide mit der Straße am Bahndamm, die zum S-Bahnhof Köpenick führt, künftig verbinden soll.
„Diese Straße ist seit Längerem im Flächennutzungsplan als Altstadt-Umfahrung vorgesehen“, sagte Dirk Thieme, Union-Präsidiumsmitglied und Vorstand der Stadion-AG. Oliver Igel, der neue Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick und als Union-Mitglied am Sonntag ebenso anwesend wie die gesamte Mannschaft um Trainer Uwe Neuhaus, wird aufmerksam zugehört haben.
Als die Versammlung nach drei Stunden mit der Union-Hymne von Nina Hagen beendet wurde, bei der die Anwesenden eine Zeile besonders laut intonierten („Wir werden ewig leben“), war allen klar: Beim 1. FC Union hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Das Schlusswort des Ehrenpräsidenten Günter Mielis passte: „Jetzt können wir uns die größte Eigentumswohnung der Welt leisten.“ Die Blumen für dieses kühne Vorhaben gab es schon vorher.




