1. FC Union

Ob sich eine "Alte Försterei"-Aktie für Fans lohnt

Zweitligist Union Berlin will seinen Anhängern Stadionaktien verkaufen und so fünf Millionen Euro für eine neue Tribüne sammeln. Ob die Geldanlage für die Fans finanziell Sinn macht, ist allerdings fraglich.

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Das Stadion an der Alten Försterei – für Dirk Zingler, den Präsidenten des 1. FC Union, ist die Fertigstellung der Heimspielstätte des Fußball-Zweitligisten längst sein Vermächtnis an den Klub geworden. Eines dass er, einst selbst aus dem Fanblock der Eisernen kommend, nicht alleine hinterlassen will. Zingler, ganz Kaufmann und Klubchef, nimmt dabei jene Menschen mit, die das besondere Flair des Fußballstandorts Köpenick ausmachen: die Mitglieder.

Sie sind es, die zu einem großen Teil bei der Finanzierung der Haupttribüne mithelfen sollen. Durch den Kauf von Stadionaktien im Wert von je 500 Euro erhofft sich der Klub eine Einnahme von fünf Millionen Euro , die das 15-Millionen-Euro teure Projekt samt Vip-Logen, Business-Seats und Umkleidetrakt für die Mannschaften mitfinanzieren sollen.

Ähnlichkeiten zu einem Kredit

Es ist nicht das erste Mal im deutschen Profifußball, dass ein Verein zur Realisierung eines Bauprojekts auf die finanzielle Hilfe seiner Mitglieder oder Fans zurückgreift. Sei es wie nun bei Union durch Aktien an einer Stadion AG, durch deren Erwerb man sich zu einem Bruchteil als Eigentümer des Stadions bezeichnen darf, oder durch Fan-Anleihen, die eine jährliche Verzinsung und die Rückzahlung nach einer gewissen Laufzeit versprechen – „diese Form der Geldbeschaffung ist ähnlich der eines Kredites“, erklärt Gregor Hovemann, Professor für Sportökonomie an der Technischen Universität Chemnitz. Dabei könnten die Klubs „die Sympathien der Fans für den Verein ausnutzen“, bringt es Hovemann auf den Punkt. Fans oder Mitglieder seien weniger kritisch, stellten das Geld gern zur Verfügung und seien wohlwollender.

Als aktuelles Beispiel, wie sich ein Klub dieses Wohlwollen zu Nutze macht, dient der FC St. Pauli. Der Bundesligist setzt beim Ausbau des Millerntorstadions und bei der Modernisierung seines Trainingszentrums auf die finanzielle Unterstützung seiner Fans. Sie spülten gleich mit Beginn der Zeichnungsfrist der neuen Anleihe 300.000 Euro in die Klubkasse. Insgesamt sechs Millionen Euro erhoffen sich die Hamburger. „Sollten es nur drei Millionen werden, wäre es sicherlich kein Erfolg“, stellte St. Paulis Vizepräsident Tjark Woydt bereits klar.

Herthas Fananleihen

Unions Lokalrivale Hertha BSC legte im vergangenen Jahr schon eine zweite Fan-Anleihe auf, um seinen finanziellen Rahmen zu vergrößern. Insgesamt wurden Inhaber-Schuldverschreibungen im Wert von 3,5 Millionen Euro gezeichnet. „Mit diesem Emissionsvolumen bin ich zufrieden“, sagte Ingo Schiller gegenüber Morgenpost Online. Als Herthas Finanzchef steht Schiller der Möglichkeit, Fans und Mitglieder ins Boot zu holen, durchaus positiv gegenüber. „Dies ist eine interessante Finanzierungsmöglichkeit für den Verein und auch eine gute Anlage für den Fan“, erklärte Schiller.

Dennoch kann festgehalten werden: Besteht bei einem Klub ein Finanzierungsbedarf, der sich weder durch eigene Mittel noch durch Fremdkapital decken lässt, wird auf die Basis zurückgegriffen. „Die Vereine kalkulieren knallhart, um an Geld zu kommen und dabei die Zinszahlungen zu drücken“, verdeutlicht Sportökonom Hovemann. Auch Union setzt darauf, durch die Einnahme der fünf Millionen Euro bereits zugesicherte Kredite nicht in Anspruch nehmen zu müssen, die durch Kreditzinsen finanziert werden müssten. Zinsen, die neben den Darlehen den Verbindlichkeiten zugerechnet werden müssten. Durch Aktien eingespielte Gelder werden als Eigenkapital verbucht.

Ob die Geldanlage auch für den Fan Sinn macht, steht auf einem anderen Blatt. Bei Union wirbt man damit, seine Fußballkultur erhalten zu können. Das Stadion würde in die Hände der Mitglieder zurückgegeben, das ist der richtige Weg“, so Unions Kultfan und Popart-Künstler Andora . Und doch gibt es für die 500 Euro pro Aktie keinen wirklich greifbaren Gegenwert. „Wenn man bereit ist, auf etwas Rendite zu verzichten, dann macht das Sinn, weil man dem Verein noch etwas Gutes tun kann“, erklärt Hovemann.

Dumm nur, wenn der Schuss dann doch nach hinten losgeht. Denn beileibe nicht alle Aktionen, in denen Mitglieder und Fans mit ihrem hart Ersparten aushelfen sollten, waren für beide Seiten von Erfolg gekrönt. In Aachen zum Beispiel konnten zwar 4,1 statt der erhofften 3,0 Millionen Euro für den Bau des neuen Tivolis eingenommen werden. Doch die Hoffnung bei der Alemannia, dass die Käufer der Anleihen ihre Zinsabschnitte nicht einlösen, letztendlich sogar auf eine Rückzahlung der Anleihe verzichten, ist bei dem von Finanzsorgen geplagten Klub groß.

Noch dramatischer stellt sich die Situation bei Arminia Bielefeld dar. Der Zweitliga-Absteiger kämpft gerade in Liga drei um den Klassenerhalt. Um den drohenden Weg in die Insolvenz nicht noch zu beschleunigen, wurden die Inhaber der Fan-Anleihe längst gebeten, ihren Anteil nicht zurückzufordern, sondern ihr finanzielles Engagement zu verlängern. Von der vor fünf Jahren versprochenen Win-Win-Situation kann definitiv keine Rede mehr sein.

Auch an der Stadionaktie, die der 1. FC Union nun vom 1. bis 31. Dezember 2011 ausgeben wird, ist nicht wirklich etwas zu verdienen. Die Aktionäre bekämen zwar Ausschüttungen, so sich welche realisieren lassen, und hätten Mitbestimmungsrechte, ließ Klubchef Zingler wissen. Doch stellte er auch klar: „Das ist keine Geldanlage, das ist eine Wertanlage.“ Eigentlich müsste es Werte-Anlage heißen. Um diese Werte zu bewahren, bedarf es im Minimum 500 Euro. Ein stolzer Preis für einen Klub, dem der Kult stets näher liegt als der Kommerz. Dass die Union-Mitglieder dennoch bereit sein werden, diese Summe für ihr Vermächtnis auszugeben, dürfte außer Frage stehen.