"Alte Försterei"-Aktie

Kult-Fan Andora will ein Stück vom Union-Stadion

Seit 1968 ist er Fan, seit 1970 regelmäßig bei den Spielen dabei: Popart-Künstler Andora ist nicht nur Vereinsmitglied, er lebt den 1. FC Union Berlin. Morgenpost Online sprach mit ihm über die Stadion-Aktie, Kult und Kommerz.

Foto: andora

Der FDGB-Pokalsieg 1968 hat ihn zum Fan des 1. FC Union gemacht, seit 1970 geht er regelmäßig zu den Heimspielen. Als Mitglied des Berliner Fußball-Zweitligisten bekommt Andora (53) nun ab 1. Dezember in die Chance, Aktien für das Stadion an der Alten Försterei erwerben zu können , wodurch die neue Haupttribüne mitfinanziert werden soll. Morgenpost Online sprach mit dem Popart-Künstler.

Morgenpost Online: Wie war Ihre Reaktion, als Sie von der Stadion-Aktie erfuhren?

Andora: Natürlich habe ich mich riesig gefreut. Es ist alles so, wie ich es als Kosmopolit gern habe. Union-Präsident Dirk Zingler hat ohne Fallstricke deutlich gemacht, wo die Probleme und die Bedürfnisse liegen und wie sie – innerhalb der Union-Familie wohlgemerkt – zu lösen sind. Ich finde 500 Euro Pro Aktie zwar teuer, bin aber ganz froh, dass dies auch über Teilzahlungen und Patenschaften laufen kann. Viele von uns können sich die Aktien nämlich gar nicht leisten. Es ist aber der richtige Weg, das Stadion in den Besitz der Mitglieder zurückzugeben.

Morgenpost Online: Sie werden also auch selbst Stadionanteile erwerben?

Andora: So viele, wie ich kann. Aber selbst ich werde um eine Patenschaft betteln, falls ich das Maximum von zehn Aktien bekomme. Wer so lange Unioner ist wie ich, wird doch jetzt nicht schlapp machen.

Morgenpost Online: Muss man bei einem Preis von 500 Euro nicht auch einen Gegenwert erwarten?

Andora: Wer schon zum Prager Frühling 1968 bekennender Unioner gewesen ist, der hat eine harte Schule hinter sich. Anfang der 70er-Jahre wurde man als Unioner nicht gerade gestreichelt, weder auf der Straße, noch in der Schule. Man musste sich also immer irgendwie durchsetzen. Diesen eisernen Charakter, immer erhobenen Hauptes zu gehen, habe ich bei Union gelernt. Insofern ist es eine Ehrensache, dem Verein jetzt zu helfen. Die Frage nach finanziellem Gewinn stellt sich mir nicht.

Morgenpost Online: Ist das Bewahren des Kults nicht für die Entwicklung eines Klubs ein Hemmschuh?

Andora: Union kann in seiner Entwicklung gar nicht stehen bleiben, weil die Welt sich ja weiterdreht. Wer sich nicht mitbewegt, der hat verloren. Deshalb bin ich froh, dass Dirk Zingler kein Bäcker oder Fleischer ist, sondern zu den Kaufleuten zählt. Deshalb kann es auch dieses Aktien-Modell nun geben. Zingler, Jörg Hinze (Präsidiumsmitglied, d. Red.), auch Hans-Joachim Lesching (Aufsichtsrat, d. Red.) und der Wirtschaftsrat versuchen alles, damit man zumindest das Gefühl einer demokratischen Entwicklung hat.

Morgenpost Online: Nur das Gefühl?

imageAndora: Machen wir uns doch nichts vor, es gibt keine demokratischen Entscheidungen. Das hat aber nichts mit Union zu tun. Man muss das immer aus der Sicht des Betroffenen sehen. Jemand, der Hartz IV bekommt, hat auch nicht das Gefühl, dass es eine Demokratie gibt. Jemand, der Kapital an der Steuer vorbeizieht, hat auch nicht das Empfinden, dass es eine Demokratie gibt. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir eines dieser Beispiele sind, dass es auch anders geht in dieser Republik. Geld ist nicht der wahre Wert. Geld ist eine Ware, hat aber keine Wahrhaftigkeit. Die Stadion-Aktie ist doch nur ein symbolischer Akt. Ich halte das aber für die beste Entwicklung für Vereine, die sich nicht so aufstellen können wie Borussia Dortmund mit seinen 50.000 Mitgliedern oder Hoffenheim, wo Dietmar Hopp mit seinen Millionen dahinter steht.

Morgenpost Online: Bekommen Sie nicht dennoch ein wenig Bauchschmerzen, weil auch die Union-Sponsoren Aktien kaufen dürfen? Zusammen mit den bisherigen Anteilseignern könnten sie die absolute Mehrheit halten.

Andora: Ich gehe davon aus, dass die Leute, die sich seit Jahrzehnten auf Union einlassen, wissen, was zu verhindern ist: eine Aktienmehrheit, die über dubiose Kanäle entsteht. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Dirk Zingler ausgerechnet beim Verteilerschlüssel einen Fehler macht und sich damit sein Lebenswerk versaut.

Morgenpost Online: Und dass Union sich wie schon beim Stadionbau vor drei Jahren seiner Mitglieder bedient , stellt auch kein Problem dar?

Andora: Das macht doch jeder Verein, auch in dieser Form. Nur wir geben den Leuten das Gefühl, dass sie es selbst entschieden haben. Das ist der einzige Weg, eine gewisse Demokratisierung und Zufriedenheit der Mitglieder sicherzustellen. Das geht aber nur, wenn man relativ klein ist. Vereine mit mehr als 25.000 Mitgliedern bekommen das nicht mehr in den Griff. Da läuft jeder nur in seiner Fan-Fraktion rum. Dieses Gefühl habe ich bei Union nicht.

Morgenpost Online: Mit anderen Worten soll Union gar nicht größer werden. Schließt man damit aber nicht von vornherein Leute aus?

Andora: Wer zu spät kommt, den bestraft eben das Leben. Die Leute hatten 40 Jahre Zeit, um sich das bei Union anzuschauen. Irgendwann ist eine Kapazitätsgrenze erreicht. Wem das nicht klar war, der hat sich bislang nicht für Union interessiert.