"Alte Försterei"-Aktie

Union Berlin verkauft das Stadion an seine Fans

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Michael Färber

Foto: 1. FC Union

Pfiffige Idee: Der 1. FC Union will durch die Ausgabe von Stadionaktien fünf Millionen Euro für eine neue Haupttribüne sammeln. Diese können nur von Vereinsmitgliedern und Sponsoren gekauft werden. Das Ziel ist eine bundesligataugliche Arena.

Die Dame mittleren Alters war überglücklich, als sie am Sonnabend den rot-weißen Flyer endlich losgeworden war. „Mein Mann hat gesagt, bevor die Mannschaft auswärts nicht gewinnt, werde ich nicht Mitglied“, sagte sie und drückte Christian Arbeit, dem Medienbeauftragten des 1. FC Union , den Antrag auf Mitgliedschaft beim Berliner Fußball-Zweitligisten in die Hand. Das 2:1 in Braunschweig, der erste Auswärtssieg seit mehr als einem halben Jahr , zeigte Wirkung.

Oder sollte damit vielleicht doch schon das Recht gesichert werden, demnächst Miteigentümer des Stadions an der Alten Försterei zu werden? Denn nur den bislang knapp 7500 Mitgliedern sowie den rund 200 vertraglich an Union gebundenen Sponsoren wird im Dezember die Möglichkeit geboten, Stadionaktien zu erwerben. 10.000 Stück will Union zu einem Preis von 500 Euro an den Mann oder die Frau bringen. Die „An der Alten Försterei“ Stadionbetriebs GmbH und Co. KG wurde eigens in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, um – wie erhofft – fünf Millionen Euro zu generieren, die das Kapital der neuen Stadion AG erhöhen sollen.

Geld, das direkt in die Finanzierung der 15 Millionen Euro teuren neuen Haupttribüne fließen wird, bereits zugesagtes Fremdkapital soll dadurch nicht in Anspruch genommen werden. „Am Ende wird Union in einem bundesligatauglichen Stadion spielen, dessen Fremdkapitalanteil unter 40 Prozent liegen soll“, hofft Klubpräsident Dirk Zingler.

58 Prozent im Streubesitz

Gelingt die Kapitalerhöhung von derzeit 3,5 auf dann 8,5 Millionen Euro ändern sich die Besitzverhältnisse wie folgt: Die bislang fünf Eigentümer der AG – der 1. FC Union Berlin e.V. (66,86 Prozent), Röfa Mobilbeton GmbH (11,5), Hinze Stahl (10,07), VierC (6,86) und Thomas Koch (4,61) – würden bei optimalem Aktienverkauf zusammen nur noch 42 Prozent der Rechte halten. Die übrigen 58 Prozent lägen dann im Streubesitz der Mitglieder.

Zingler: „Das Stadion an der Alten Försterei ist die Seele des 1. FC Union Berlin, die Heimat unserer Fußballkultur. Es soll denen gehören, die Fußball so lieben, wie wir ihn seit Jahrzehnten an diesem Ort erleben. Über die Beteiligung unserer Mitglieder und wirtschaftlichen Partner stellen wir sicher, dass alle wichtigen Entscheidungen, die das Stadion betreffen, künftig von den Menschen getroffen werden können, die hier ein Zuhause gefunden haben.“

Enger Sponsorenrahmen

Auf die Mitglieder dürfte das Vorhaben wie ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk wirken. Endlich sind sie Miteigentümer ihres „Wohnzimmers“. Doch welche Vorteile bringt der Erwerb der Stadionaktie – außer möglicherweise einem Stück Papier, das man an die Wand hängen kann, und dem Gefühl, dann in „sein“ Stadion zu gehen?

Die Vermarktung der Werbebanden obliegt dem Verein als Mieter des Stadions. Und eine nun mögliche Vermarktung der Namensrechte am Stadion ist aufgrund der erforderlichen Zweidrittelmehrheit nur mit Zustimmung des Vereins möglich. Immerhin darf eine einfache Mehrheit entscheiden, welche Bratwurst und welches Bier angeboten werden.

Es bleibt ein Beigeschmack, ähnlich wie bei der Sanierung der Stehplatztraversen , bei allem gebührenden Respekt vor der grandiosen Leistung der Fans. Denn wie schon in jener Saison 2008/09 verlässt sich Klubchef Zingler erneut auf die Identifikation der Fans mit ihrem Verein.

Damals erbrachten 2333 Stadionbauer eine Leistung im Wert von 2,1 Millionen Euro. Als Dankeschön gab es freien Eintritt im Stadioneröffnungsspiel gegen Hertha BSC und den Stadionbauerhelm.

Union-Anhang soll erneut helfen

Nun wird der treue Anhang erneut zur Hilfe aufgefordert, und zwar in ihrer deutlichsten Form: mit Geld. Entsprechend gemischt sind die Reaktionen an der Basis. „Ich lege das Geld lieber im Stadion an, als es Finanzhaien für ihre Spekulationen bereit zu stellen“, ließ zum Beispiel User „Shokei“ im Union-Internetforum wissen. Dem entgegnete „anno85“ hingegen: „Ick hab doch schon mitgeackert, damit dit Teil jetzt so aussieht wie es is. Mir gehört schon ein Teil des Stadions und dafür muss ick keine 500 Euro ausgeben.“

Dass der Anhang erneut einspringen soll, um die Aufnahme zugesicherter, wenngleich auch teurer Darlehen zu verhindern, liegt nicht zuletzt am engen Sponsorenrahmen, den sich Union auferlegt hat. Nur Geldgeber, die zur Union-Familie passen, sind herzlich willkommen, Zahlungskräftige Sponsoren, die sich an der Alten Försterei auch entsprechend platziert sehen wollen, dagegen nicht. Durch die Stadionaktie wird unterstrichen, dass Union mehr auf Kult als auf Kommerz setzt. Den Wachstumschancen sind dabei jedoch Grenzen gesetzt. Ein Punkt, den die Mitglieder auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung am nächsten Sonntag wohl in Kauf nehmen.