Dirk Zingler ist Unternehmer. Seit vielen Jahren führt er die Geschäfte einer Mobilbeton GmbH in Berlin, er weiß, worauf es ankommt, ein Unternehmen erfolgreich zu leiten. Dirk Zingler ist auch Präsident des 1. FC Union, seines Vereins, dem er seit langem als Fan und seit sechs Jahren nun auch in leitender Funktion die Treue hält. Das Ziel, das er vor dem Start in die Saison 2011/12 mit dem Berliner Fußball-Zweitligisten verfolgt, ist weniger ein sportliches als vielmehr ein unternehmerisches. Immer wieder fallen in den vergangenen Wochen Worte, die an der Alten Försterei inzwischen zu einem Begriff geworden sind, der die eigentliche Sehnsucht beschreibt, welche in den kommenden Monaten unter allen Umständen erfüllt werden soll: die Etablierung im Profifußball.

Es kommt also nicht von ungefähr, dass Zingler Union einst als mittelständisches Unternehmen in der Unterhaltungsbranche bezeichnet hat. Und dass er inzwischen fordert: „Man braucht einen unternehmerischen Plan, wie man das Geld, das investiert wurde, wieder zurückbekommt.“ Insofern sei alles, was sich in den Wochen zwischen den beiden Spieljahren ereignet hat, nichts weiter als „die Vorbereitung für neue Wege“. Gemeint ist der Wechsel von Teammanager Christian Beeck zum kaufmännisch-organisatorischen Leiter Nico Schäfer. Gemeint ist die Priorität für den Bau der neuen Haupttribüne, die rund 15 Millionen Euro kosten dürfte und sogar noch „Vorrang vor dem neuen Nachwuchsleistungszentrum“ hat, so Zingler. Gemeint ist auch das Bemühen um das Mellowpark-Gelände, auf dem Unions neue Talentschmiede Platz finden soll. Oder eben verbesserte Trainingsmöglichkeiten für die Profis.

Fehlendes Treibmittel

Das alles kostet Geld, das weiß der Unternehmer wie auch der Klubchef Zingler. Geld, das man in Köpenick nicht hat. Aber – so die Hoffnung – bald haben wird. Es gilt, neue, zahlungskräftige Sponsoren oder Investoren an Land zu ziehen. Und nicht nur, wie in den vergangenen Wochen, ein Sonnenschutz-Unternehmen oder einen Eis-Lieferanten zu präsentieren, die den Vip-Bereich neu gestalten oder für Erfrischungen zu sorgen. Dafür muss sich der Klub mehr denn je ins Schaufenster stellen. Und zwar ohne die Treibmittel, mit deren Hilfe Union in den vergangenen Spielzeiten vornehmlich für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Nach dem Aufstieg 2009 waren es in erster Linie die Fans, die das Interesse neutraler Beobachter geweckt haben. Sie waren es, die in monatelanger Arbeit die Alte Försterei neu errichtet haben. Das brachte Anerkennung und viel Sympathie. Und in der Vorsaison, wo angesichts der Strafrunde des Lokalrivalen Hertha BSC im Bundesliga-Unterhaus ohnehin verstärkt in Richtung Hauptstadt geschaut wurde, lag es durchaus nahe, auch mal einen Blick zum Liga-Konkurrenten nach Köpenick zu riskieren. Erst recht, nachdem der rot-weiße David dem blau-weißen Goliath die wohl schmerzlichste Niederlage in dessen jüngerer Vereinsgeschichte zugefügt hatte, noch dazu in dessen Heimat.

Genug vom Underdog-Image

Das Stadion ist inzwischen Alltag, Hertha ist längst wieder aufgestiegen. Und bei Union hat man genug vom Image des Underdogs, will im Profibereich endlich erwachsen werden, nicht mehr einfach nur dabei sein, sondern mittendrin. Platz neun eben. Sollen sich doch andere Klubs Sorgen darum machen, dass man schon beim nächsten Punktverlust, bei der nächsten Niederlage wieder unter den ominösen Strich rutscht, der die Abstiegszone vom sicheren Ufer trennt. „Wir können nicht ständig nur hoffen, dass zwei, drei Mannschaften schlechter sind als wir“, sagte Klubchef Zingler: „Das macht uns nicht besser.“ Und ein Etablieren im Profifußball unmöglich.

Keine Frage, Union fehlt es an ausreichender Infrastruktur. Torsten Mattuschka, der Kapitän der Mannschaft von Trainer Uwe Neuhaus, gab im Interview der Hoffnung aller Ausdruck: „Hier sind Container, aber das ist egal. Man muss sich mit den Gegebenheiten abfinden. Und irgendwann werden sicher auch die neue Haupttribüne und ein neuer Kabinentrakt kommen.“. Nur wann?

Der Eindruck, die Entwicklung des Vereins gehe dem Union-Präsidenten zu langsam voran, wird durch den Stillstand in Sachen Tribünenbau weiter verstärkt. Und die Einstufung des 1. FC Union durch die Wirtschaftsauskunftei Creditreform wird die Nerven auch nicht gerade beruhigen. Das Unternehmen hatte im Juni die Bonität – also die Kreditwürdigkeit – aller Profiklubs untersucht. Unter allen Zweitligisten des vergangenen Spieljahres ist Union Vorletzter. Nur der scharf an der Insolvenz vorbeigeschrammte Absteiger Arminia Bielefeld wurde noch schlechter bewertet. Es ist bezeichnend, wenn gleichzeitig dem Bundesligisten Mainz 05 die beste Bonität bescheinigt wird mit der Begründung, dass der Stadionneubau die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Vereins deutlich steigern wird.

Qualität statt Quantität

Um auch nur ansatzweise dorthin zu kommen, bedarf es vor allem sportlichen Erfolges. Eben deshalb wurde vor der Saison, die für Union am heutigen Freitag mit dem Gastspiel beim FSV Frankfurt (18 Uhr, Sky live) beginnt, in den Sport investiert, im Rahmen der Möglichkeiten, versteht sich. Für den Transfer des Brasilianers vom FC Zürich soll angeblich bis zu einer eine halben Million Euro geflossen sein, die Festanstellung des schon zwei Jahre auf Leihbasis bei Union spielenden Kolumbianers John Jairo Mosquera ließ sich der Klub weitere 150.000 Euro kosten; Simon Terodde wurde vom 1. FC Köln ausgeliehen, Markus Karl, Marc Pfertzel und Patrick Zoundi kamen ablösefrei. Insgesamt stehen den fünf Zugängen neun Abgänge gegenüber, darunter der gerade an den holländischen Ehrendivisionär NAC Breda ausgeliehene Großverdiener Santi Kolk.

Union setzt auf Qualität, weniger auf Quantität und hofft, dass sportlicher Erfolg nun der Katalysator für nicht nur regionales, sondern auch für nationales Interesse wird. Mit einem Uwe Neuhaus, der nach der Demission Beecks endgültig das alleinige Sagen im sportlichen Bereich hat. Und damit auch die alleinige Verantwortung trägt. Derzeit tut er es gelassener denn je: „Wir freuen uns auf den Saisonstart.“ Selbstbewusstsein, nicht zuletzt gestärkt durch die sechs Testspielsiege, die man zwar nicht überbewerten will, die dennoch gut getan haben.

„Wir werden das Tempo des Vereins nicht verändern“, hatte Dirk Zingler noch vor wenigen Wochen verkündet. Union solle sich die Zeit nehmen und sie auch bekommen, um – wie heißt es doch so schön? – organisch zu wachsen. Von unendlich viel Zeit hat der Klubchef jedoch nichts gesagt. Die bekommt ein mittelständisches Unternehmen auch nicht.