Erzgebirge Aue

Union beeindruckt vom Gegner der Superlative

Wie einst der 1. FC Union selbst überrascht der nächste Gegner der Berliner, Erzgebirge Aue, mit seiner Leistung. Die Sachsen träumen sogar von der Ersten Liga. Und das – als heimstärkstes Team und Sensationsaufsteiger – nicht zu unrecht.

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Eines haben beide Klubs gemeinsam, abgesehen einmal von der Tatsache, dass man sich schon zu DDR-Zeiten viele Male über den Weg gelaufen ist: Sowohl beim 1. FC Union als auch bei Erzgebirge Aue ist die Fahrt zu den Heimspielen durchaus abenteuerlich. Während beim Berliner Fußball-Zweitligisten dringend davon abgeraten wird, mit dem eigenen Pkw anzureisen, weil es direkt an der Alten Försterei so gut wie keine Parkplätze gibt, wird nun bei der Reise ins Erzgebirge unbedingt empfohlen, mit dem Auto oder den Bussen des Fan-Clubs „Eiserner Virus“ anzureisen.

Die Kapazitäten der Züge ins Lößnitztal sind auf 300 (ab Chemnitz) und auf 150 Fahrgäste (ab Zwickau) beschränkt, und zusätzliche Züge werden von den dortigen Verkehrsunternehmen nicht bereitgestellt. „Ich hoffe, dass wir allen Widrigkeiten, die dort unten vorherrschen, aus dem Weg gehen“, sagte Teammanager Christian Beeck. 2,7 Kilometer vom Stadion entfernt sei die Mannschaft von Trainer Uwe Neuhaus in einem Hotel untergebracht. Der Anstoß am Sonntag um 13.30 Uhr (Sky live, hier im Live-Ticker von Morgenpost Online ) sollte gewährleistet sein.

Qualität bei Standardsituationen

Und dann? „Dann erwartet uns das heimstärkste Team der Liga“, sagte der Coach: „Bei Aue kann man fast alle Superlative aufrufen, die es im Fußball gibt.“ Nehmen wir uns einen heraus, zum Beispiel: Sensationsaufsteiger. So hatte man auch den 1. FC Union einst tituliert, in der Hinrunde der vergangenen Saison nämlich, als die Köpenicker – so wie Aue in dieser Spielzeit – über Wochen auf den Aufstiegsplätzen standen, ja sogar Spitzenreiter gewesen sind. Doch – und hier trennen sich die Wege – während Union seitdem in den unteren Tabellenregionen zu finden ist, hat sich Aue den, wenn auch nicht von Saisonbeginn an, gelebten Traum vom Durchmarsch in die Bundesliga bewahrt. „Wer Aue nicht auf der Rechnung hat, macht einen Fehler“, sagt selbst Neuhaus. Und schwärmt fast von der „überragenden Konstanz“ beim Sonntags-Gegner: „Elf Spieler haben 20 Einsätze oder mehr.“ Von der Qualität bei Standardsituationen: „Im letzten Heimspiel gegen Arminia Bielefeld haben sie drei Standards verwertet und 3:0 gewonnen.“

Keine Frage, der Höhenflug der Auer hat Eindruck hinterlassen, sogar bei ihnen selbst. War vor der Saison noch das Erreichen der 40-Punkte-Marke das für einen Liga-Neuling obligatorische Ziel, so gehen die Blicke angesichts der 43 Zähler zehn Spieltage vor Schluss doch schon mal nach oben. So ließ Mittelfeldspieler Marc Hensel wissen: „Als kleiner Junge war mein großes Ziel, ein Erstliga-Tor zu erzielen. Das schien damals unerreichbar. Im Moment aber nicht mehr.“

Jener Teamgeist, den Aue nach dem Abstieg in die Dritte Liga entwickelt hat, ist auch heute noch existent. So übt man sich im Erzgebirge trotz der Riesenchance, in der nächsten Saison gegen Bayern München und Borussia Dortmund spielen zu können, weiter in Bescheidenheit. Trainer Rico Schmitt, den man getrost als Vater des Aufschwungs bezeichnen kann, nannte schon Aues Sprung in die Zweite Liga „eine Sensation für den ostdeutschen Fußball“. Verständlich angesichts solcher ehemaliger Schwergewichte wie Dynamo Dresden, Hansa Rostock oder 1. FC Magdeburg, die man im Profifußball vergeblich sucht.

Bundesliga vor Augen

Wenn man so will, gibt es für Union am Sonntag die Begegnung mit einem sportlichen Werdegang, den der Klub selbst eingeschlagen hatte, jedoch verpasste weiterzugehen. Auch „weil die Euphorie vom vergangenen Jahr nicht aufrechterhalten geblieben ist“, wie Neuhaus erklärte. Jene Hochstimmung, die einen Aufsteiger so lange umgibt, bis er wieder auf dem harten Boden des Liga-Alltags landet. Weil es zum Beispiel „Probleme mit der Integration der Zugänge gibt“, wie es der Trainer nannte. Tatsächlich haben Spieler wie Ahmed Madouni oder Santi Kolk ihren Platz in der Mannschaft immer noch nicht hundertprozentig gefunden, steht Marcel Höttecke nur wegen der Patzer Jan Glinkers im Tor, vom Fehleinkauf Jerome Polenz ganz zu schweigen. Anders Aue. Mit Kevin Schlitte und Enrico Kern haben sich neue Korsettstangen längst etabliert.

So ist sich Union-Coach Neuhaus sicher, dass Aue „bis zum Schluss ein gewichtiges Wörtchen mitreden wird. Sie haben die Bundesliga vor Augen und überhaupt nichts mehr zu verlieren“. Das Spiel am Sonntag gegen seinen 1. FC Union wird er dabei allerdings nicht gemeint haben.