Spiele mit Beteiligung des 1. FC Union haben zuweilen großen Unterhaltungswert. Nicht dass der Berliner Fußball-Zweitligist nun plötzlich mit hochklassigem Fußball a la Arsenal oder FC Barcelona begeistert. Viel mehr füllt der Köpenicker Klub den legendären Satz Sepp Herbergers, dass ein Spiel 90 Minuten dauert, immer wieder neu mit Leben. Erst recht, wenn er hinten liegt. Keine andere Mannschaft hat nach Rückständen mehr Punkte geholt als Union, allein die Hälfte der 26 Zähler resultierten aus einer Aufholjagd. Ohne Zweifel ein Pfund, mit dem das Team von Trainer Uwe Neuhaus im Kampf um den Klassenerhalt wuchern kann, möglicherweise auch am Samstag wieder im Spiel beim MSV Duisburg (13 Uhr, bei Sky und live im Ticker von Morgenpost Online ). Aber so erfreulich die Tatsache auch ist: Brauchen die Rot-Weißen immer erst einen Rückstand, um ins Spiel zu kommen? Und warum tun sie sich so schwer dabei, selbst in Vorhand zu gehen?
Die erste Frage lässt sich leicht beantworten, vielmehr tun es die Protagonisten selbst. „Ich muss nicht immer erst in Rückstand liegen“, sagte Neuhaus. Und Verteidiger Christian Stuff lässt wissen, dass „ich ihn nicht unbedingt brauche“. So weit, so gut. Doch warum gelingt es seiner Mannschaft nicht, die Richtung einer Partie selbst zu bestimmen? Das gelänge schon, sagt Offensivmann Santi Kolk, „wenn wir mal das erste Tor machen. Aber das fehlt immer bei uns.“ So wünscht sich Kapitän Torsten Mattuschka: „Es wäre auch mal schön, mit einer Führung in die Halbzeit zu gehen oder auch mal 2:0 zu führen. Dann würde es nicht immer so dramatisch werden.“ Statt wie so oft alles auf eine Karte setzen und volles Risiko gehen zu müssen, „bekommst du Sicherheit in dein Spiel, und der Gegner muss kommen“, erklärte Neuhaus.
Das Auslassen der Tormöglichkeiten will der Coach allerdings nicht als alleinigen Grund verstanden wissen. Auch wenn das Torschusstraining unter der Woche im Stadion an der Alten Försterei nicht wirklich Mut auf Besserung gemacht hat. So wie beim Rückstand gegen Osnabrück am vergangenen Freitag „spielt die Aufteilung, wer wo zu stehen hat, eine große Rolle“, verdeutlichte Neuhaus. Stimmt die Zuordnung nicht, wird der Fehler oft bestraft. Dass es die Mannschaft besser kann, beweist sie ausgerechnet dann, wenn sie mit einem Anschlusstreffer die Aufholjagd eingeläutet hat. Oder wie es Mattuschka bezeichnet: „Plötzlich klappen all die Dinge, die vorher nicht geklappt haben.“ Der Glaube an die eigenen Qualitäten kehrt sofort zurück.
Womit man unweigerlich zum Thema Moral kommt. Die Unioner haben in sieben Spielen, in denen sie zurückgelegen haben, noch insgesamt 13 Punkte geholt, darunter drei Siege. Das zeigt, dass die Mannschaft intakt ist, jeder für jeden zu kämpfen bereit ist. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass die Fitness stimmt. Beim Laktattest am vergangenen Montag haben die Spieler jedenfalls durchweg einen guten Eindruck hinterlassen. Allein dass der Trainer diese Test-Einheit vor dem letzten Drittel der Saison überhaupt angesetzt hat, zeigt, für wie wichtig er den körperlichen Zustand seiner Spieler erachtet.
Es zeigt aber auch, wie gefährlich das Spiel ist, das die Berliner – wenn auch eher ungewollt – betreiben. So warnt Verteidiger Stuff bereits: „Wir sollten es nicht immer darauf anlegen. Gegen Paderborn hat man gesehen, dass es auch schief gehen kann.“ Vor drei Wochen blieb es beim 0:2, noch dazu gegen einen direkten Konkurrenten im Kampf gegen den Abstieg. „Wir verlassen uns ja nicht auf unsere gute Moral“, erklärte Neuhaus: „Wir gehen ja nicht ins Spiel und sagen: Lass uns mal langsam machen, auch wenn wir in Rückstand geraten, drehen wir das Spiel noch um. Wir müssen sehen, dass wir da Stabilität reinkriegen.“ Und das von Beginn an. Denn: „Was mich nicht zufrieden stellt, ist, dass wir wieder nicht gut ins Spiel gekommen sind.“
So fordert der Coach von seinen Mannen am Samstag gegen Duisburg vor allem eines: „In der Zweiten Liga muss man gegen jeden Gegner den nötigen Respekt aufbringen, immer hellwach sein. Sonst bekommt man nichts zustande, muss wieder alles nach vorne werfen und hat vielleicht Glück, dass man wieder ein Spiel dreht. Du kannst aber auch Pech haben, dass du richtig untergehst.“





