Natürlich wird der Sieg gegen Hertha BSC, dieses historische 2:1 vom vergangenen Sonnabend, auch Freitag Abend noch einmal eine Rolle spielen. Zu groß war die Sensation im Olympiastadion, zu groß die Emotionen danach. Natürlich werden es die Spieler des 1. FC Union sein, die dies zu spüren bekommen werden. Statt des üblichen Zusatzes „Fußballgott“, das bei der Verlesung der Mannschaftsaufstellung jedem Namen traditionell folgt, soll es Freitag ein „Derbyheld“ zu hören geben. Doch nur wenige Minuten später wird der Zweitliga-Alltag die Mannschaft von Trainer Uwe Neuhaus wieder haben. Denn Hertha war am Donnerstag, die neue Herausforderung heißt VfL Osnabrück (18 Uhr, Alte Försterei). Und dieses Duell ist „viel wichtiger als das Spiel gegen Hertha“, weiß nicht nur Verteidiger Patrick Kohlmann.
War der Erfolg gegen den großen Berliner Nachbarn Balsam für die geschundene Union-Seele in der Spielzeit 2010/11, so geht es gegen den Verein für Leibesübungen nun darum, nicht gleich wieder neue Kopfschmerzen zu bekommen. Die Rechnung ist ganz einfach: Gelingt auch gegen Osnabrück ein Sieg, hat Union mit dann 28 Punkten einen Riesenschritt in Richtung Klassenerhalt gemacht. Ein klarer Kopf, frei von irgendwie gearteter Derby-Ekstase, kann dabei nur hilfreich sein. „Ich glaube, dass das Hertha-Spiel keine Rolle mehr spielen wird“, sagte Trainer Uwe Neuhaus. Dass dabei vor allem Hoffnung der Vater dieses Gedankens ist, belegt der Coach nur wenig später: „Das müssen wir aus den Köpfen rauskriegen.“ Seine Mannschaft soll den Derbysieg „in Form von Selbstbewusstsein mitnehmen, nicht in Form von Überheblichkeit“.
Mittelfeld oder Abstiegskampf
Konnte Union am vergangenen Spieltag nur gewinnen, so steht für die Köpenicker gegen Osnabrück viel auf dem Spiel, was verloren werden kann. „Mit einem Sieg können wir den direkten Anschluss ans Mittelfeld herstellen, und bei einer Niederlage wird dann wieder der verschärfte Abstiegskampf eingeläutet“, erklärte Neuhaus. Auch das durch den Derby-Erfolg neu gewonnene Prestige würde sofort wieder darunter leiden. Motto: Schöne Siege kann Union einfahren, nur die wichtigen nicht. Das 0:2 gegen Paderborn vor zwei Wochen sollte noch allen gut in Erinnerung sein. Nicht umsonst fordert Teammanager Christian Beeck vom kickenden Personal körperliche und geistige Frische und die Woge des Derbys mit in die Partie gegen Osnabrück mitzunehmen, „um die Spiele der Rückrunde mit dieser Euphorie erfolgreich zu bestreiten“.
Der Triumph im Olympiastadion als Rückenwind für die 90 Minuten gegen Osnabrück ist eine Sache. Ein Stück mehr Planungssicherheit zu bekommen, ist die andere. Ein Blick in die Historie zeigt: Seit der Einführung der Relegationsspiele zwischen Zweiter und Dritter Liga zur Saison 2008/09 reichen 37 Punkte zum definitiven Klassenerhalt. Anders formuliert: Mit morgen Abend möglichen 28 Punkten braucht Union aus den verbleibenden zwölf Partien noch neun Zähler für den Ligaverbleib – theoretisch, versteht sich.
Zwar gebe es noch keine Gedankenspiele in Richtung kommender Saison, sagt Beeck: „Wir kümmern uns um unsere Aufgaben, die wir bis zum 15. Mai haben.“ Doch die Aufgaben, die die Personalplanungen für 2011/12 mit sich bringen, müssen ja auch nicht bis zu jenem letzten Spieltag der laufenden Saison liegen bleiben. Schließlich enden immer noch zehn Spielerverträge im Sommer, darunter die solcher Leistungsträger wie Karim Benyamina, John Jairo Mosquera, Dominic Peitz oder auch Torsten Mattuschka. Und die Perspektive ist bei einem Zweitligisten Union ohne Zweifel besser als bei einem Drittligisten.
Union ist leichter Favorit
Nicht zuletzt wird auch die Position der sportlichen Leitung eine weitere Stärkung erfahren, sollte Union auch den zweiten Auswärtssieg der Saison mit einem Heimerfolg vergolden. Zumal Verein und Spieler wissen, was sie am Duo Neuhaus/Beeck haben. Einer weiteren Zusammenarbeit aller Beteiligten wäre die Tür jedenfalls so weit geöffnet wie lange nicht.
Apropos Selbstbewusstsein. Es hat schon Seltenheitswert, dass der Trainer seine Mannschaft mit folgenden Worten in die Pflicht nimmt: „Ich glaube, dass wir als leichter Favorit ins Rennen gehen.“ Union empfängt als Tabellen-13. den Liga-14., der sich auswärts gerade erst mit einem späten Sieg beim heimstarken Aufsteiger Aue Respekt verschafft hat.
Fakt ist: Union kann eine bislang höchstens mäßig verlaufene Saison heute in die richtige Bahn lenken. Der Derbysieg hat dafür die perfekte Vorlage gegeben. So war es an Paul Thomik, ein Anliegen zu formulieren: „Ich würde mir mal wieder eine eigene Führung wünschen.“ Für die bislang letzte hatte der Mittelfeldspieler zum Rückrunden-Auftakt gegen Alemannia Aachen selbst gesorgt. „Aber wenn es immer so ausgeht wie gegen Hertha, nehme ich das auch so gern mit.“ Natürlich.




