Auch er darf sich als Derbysieger fühlen. Als Teil der Mannschaft des 1. FC Union, die am Sonnabend im Olympiastadion auf dem Feld gestanden hatte, steht ihm diese Auszeichnung zu. Doch welchen Anteil Marcel Höttecke, der Torwart des Köpenicker Fußball-Zweitligisten, an dem denkwürdigen Sieg wirklich hatte – darüber wird eifrig diskutiert. Zu Recht, denn dem 23-Jährigen ist es wieder einmal nicht gelungen, die Zweifel zu vertreiben, ob er für die Position der Nummer 1 auch wirklich der Richtige ist.
Gerade vor den wichtigen Spielen in den kommenden Wochen, beginnend mit dem Duell am Freitag gegen den VfL Osnabrück (18 Uhr, Alte Försterei), einem Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, wäre es überaus wichtig gewesen, auf dem Platz ein deutliches Zeichen zu setzen. So aber steht einem – sagen wir – sehr selbstbewussten Auftreten eine Leistung gegenüber, die viel Luft nach oben hat. Aussagen Hötteckes nach dem Derby wie „Eisern regiert jetzt ganz Berlin“ seien dem Glücksgefühl nach der kleinen Sensation geschuldet. Durch sportliche Taten ist dieses Selbstbewusstsein jedenfalls noch nicht wieder gedeckt. Anders als bei seinem ersten Intermezzo im Union-Tor im November 2010, als Höttecke in vier Spielen einen durchaus guten Eindruck hinterlassen hatte, ist die Verunsicherung immer noch fast greifbar.
„Insgesamt bin ich mit seiner Leistung zufrieden“, hatte Union-Coach Uwe Neuhaus nach dem 2:1 gegen Hertha BSC erklärt. Insgesamt – mit anderen Worten gab es genügend Szenen, die Hötteckes Status nicht untermauert haben. Das macht es für Höttecke gleichwohl schwerer, jenes Vertrauen auf Zeit, das er vom Trainer erhalten hat (Neuhaus: „Wenn er sich drei Dinger selber reinwirft, soll ich dann weiter zusehen?“), auch beim Anhang zurückzugewinnen. Dinge wie Strafraumbeherrschung, die für den Schlussmann schon wegen seiner Größe von 1,99 Metern kein Problem darstellen sollten, zählen anno 2011 eher zu seinen Schwächen.
Dass sein Coach davon nicht wirklich angetan ist, versteht sich von selbst. „Die fehlende Wettkampfpraxis spielt dabei schon eine Rolle“, sagte Neuhaus. Und gibt dabei einen Einblick, wie groß die Verunsicherung bei seiner Nummer 1 wirklich ist. Neuhaus spricht von „vielen Fehlern“, die Höttecke beim Training während eines Fünf-gegen-fünf-Spiels auf kleinem Platz gemacht hat. „Darüber haben wir uns natürlich auch unterhalten“, sagte der Coach. Noch immer scheint der lange Union-Keeper offenbar in Sorge darüber, er könne seinen Stammplatz ebenso schnell wieder verlieren, wie er ihn nach seiner Verletzung (Muskelfaserriss) wiederbekommen hatte. Es gibt nicht wenige, die immer noch das klare Statement des Trainers pro Höttecke vermissen, ungeachtet der Tatsache, dass ein erneuter Wechsel bei anhaltend hoher Fehlerquote wohl unausweichlich ist.
Immerhin: Zumindest in der zweiten Halbzeit des Hauptstadt-Derbys hat Höttecke andeuten können, was in ihm steckt. Warum sich Unions sportliche Leitung vor der Saison entschieden hat, ihn aus Dortmund zu holen: gute Reflexe und entschlossenes Auftreten, wenn er die Linie verlässt.
Es liegt in der Natur des Menschen, dass negative Eindrücke oftmals länger im Gedächtnis bleiben. Die unkoordinierten Ausflüge in den Strafraum zum Beispiel. Oder die Klärungsversuche, die – wie gegen Hertha – in trauriger Regelmäßigkeit im Aus landen. „Dass er nicht der beste Fußballer ist, wissen wir“, sagt selbst Neuhaus. Er sieht das Problem jedoch globaler: „Viele dieser Situationen haben wir uns selbst eingebrockt. Wir haben uns mit zu vielen Rückpässen selbst unter Druck gesetzt.“
Am Freitag gegen den VfL Osnabrück ist Marcel Höttecke gefordert, mehr als nur anzudeuten, dass er das Union-Tor sauber halten kann. Gelingt ihm dies, dann darf er sich erst recht als Derby-Sieger fühlen.





