Christian Breuer ist die Szene noch gut in Erinnerung, gerade weil sie ihm nicht als gut in Erinnerung geblieben ist. Es war während der Olympischen Spiele, auf der Außenterrasse des Deutschen Hauses im Museum of London Docklands.

Die Gäste speisten und tranken vorzüglich an diesem Abend, als ein Moderator einen deutschen Sportler auf der Bühne ankündigte, der just Platz sechs belegt hatte. „Kaum jemand blickte auf“, erzählt Breuer: „Das macht mich stutzig. Das macht mich traurig.“

Natürlich ist es nur eine kleine Szene. Doch für den Vorsitzenden der Athletenkommission im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sind mit ihr entscheidende Fragen für die Zukunft verknüpft: Bemessen wir sportlichen Erfolg in diesem Lande allein an Gold, Silber, Bronze? Was ist uns der Spitzensport wert? Und wird die Debatte um eine effektive(re) Sportförderung auf dem Rücken der Athleten ausgetragen?

Britisches Modell als Vorbild

„Nachbetrachtung Olympische Spiele“ lautet an diesem Mittwoch der Tagesordnungspunkt 8 in der Sitzung des Bundestagssportausschuss in Berlin. In einem Positionspapier machen die Athletenvertreter klar, dass die Finanzierung des Spitzensports auf die Athleten zugeschnitten gehört, und sie beklagen einen immensen Verwaltungsaufwand für ihre Verbände durch Einführung der Zielvereinbarungen.

Als Vorbild sehen sie das britische Modell, das den Olympiagastgebern – gefüttert durch hohe Fördersummen – Erfolge in großer Breite bescherte. Die Regierungsagentur UK Sport verteile in Großbritannien die Mittel „transparent und unter reiner Leistungssportorientierung“.

Gerade an Transparenz jedoch mangelt es hierzulande. Dass die konkreten Medaillenziele dem Innenministerium (BMI) per Gerichtsverfahren abgerungen werden mussten, spricht Bände. Viele Sportpolitiker haben das kritisiert. Dass sie selbst allerdings in ihrem Ausschuss abermals nicht-öffentlich tagen und als Berichterstatter zum Thema Zielvereinbarungen neben den Athletenvertretern lediglich DOSB- und BMI-Vertreter anhören, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Kritik an Medaillen-Fokussierung

Selbst aus dem Urlaub auf Kreta meldete sich Robert Harting dazu zu Wort: „Die Verteilung des Geldes ist undurchsichtig. Da hat der DOSB einiges zu tun, man muss selbstkritisch mit sich umgehen. Ich hoffe, dass sich wirklich etwas ändert, sonst geht das alles gegen den Baum“, sagte der Diskus-Olympiasieger. „Wenn Athleten Geld verdienen wollen, sollen sie Lotto spielen – das höre ich vom DOSB-Präsidenten. Das ist so was von daneben. Selbstgefällig und einfach blass.“

Als einer der wenigen Verbände begehrt der Deutsche Tischtennis-Bund öffentlich auf. In einem bemerkenswerten Positionspapier warnt der DTTB davor, die Konzentration der Fördergelder auf Medaillengewinne bei Olympia beizubehalten und die Breitensportbedeutung zu vernachlässigen.

Er rechnet vor, dass die 1200 Eisschnellläufer in Deutschland 2011 rund 1,7 Millionen Euro Fördergeld erhielten, die 600.000 Tischtennisspieler jedoch nur gut 800.000 Euro. Bedeutet: „Eine grotesk überhöhte Förderung von Sportarten, hinter denen keine Breitensportbewegung steht.“ Doch solange BMI und DOSB vornehmlich Medaillen zählen, wird sich wohl wenig ändern.

jhu