Gerhard Janetzky (62) ist Meeting-Direktor beim Internationalen Stadionfest (Istaf) der Leichtathleten im Olympiastadion, wo am Sonntag knapp 55.000 Zuschauer erwartet werden. Drei Wochen nach den Olympischen Spielen in London werden viele Stars in Berlin an den Start gehen. Morgenpost Online sprach mit Janetzky, der auch Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes ist.

Morgenpost Online: Herr Janetzky, sind Sie nicht neidisch auf Ihre Kollegen bei Leichtathletik-Meetings, wo Topstars wie Usain Bolt und Yohan Blake, die Supersprinterinnen aus Jamaika und den USA oder 800-Meter Weltrekordler David Rudisha am Start sind?

Gerhard Janetzky: Nein, überhaupt nicht. Blake hatten wir im vergangenen Jahr beim Istaf, Rudisha ist 2010 bei uns Weltrekord gelaufen. Die waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht so bekannt. Auch dieses Mal werden wir neben Olympiasiegern und Medaillengewinnern einige Neue mit großer Perspektive erleben. Wir werden ein sehr gutes Feld zusammenbekommen, da muss ich wirklich nicht neidisch sein.

Morgenpost Online: Trotzdem, was haben die anderen, was das Istaf nicht hat? Ist es nur eine Frage des Geldes?

Gerhard Janetzky: Geld ist natürlich ein wichtiges Thema, es geht aber auch um Terminpläne der Sportler, ebenfalls um Pakete mit mehreren Athleten, die von den Managern geschnürt werden. Noch einmal: Wir sind mit unserem Feld zufrieden und fühlen uns vom Termin her zwischen Zürich und Brüssel ganz wohl.

Morgenpost Online: Bei Bolt wird von 400.000 Dollar Antrittsprämie gesprochen, wie ist so etwas für einen Veranstalter überhaupt machbar?

Gerhard Janetzky: Ach, diese ganzen Zahlen kann man vergessen, die sind komplett aus der Luft gegriffen, es gibt schließlich keine Preisliste, als wenn sie ein Auto kaufen. Sicher ist Bolt ein hervorragender Athlet, der seinen Preis hat. Aber: Der einzige Weltrekord, der vor zwei Jahren bei Meetings erzielt wurde, wurde in Berlin über 800 Meter von Rudisha gelaufen.

Morgenpost Online: Weltrekorde sind sicher die Sahne, aber sind sie das allein Seligmachende?

Gerhard Janetzky: Nein, die Leute wollen vor allem spannende Kämpfe sehen.

Morgenpost Online: Ist es bei der Athleten-Akquise nicht doch ein Nachteil, dass Sie mit dem Istaf nicht in der Diamond League, also der ersten Liga, spielen, sondern in der darunter angesiedelten World Challenge?

Gerhard Janetzky: Nein, im Gegenteil: Es ist ein Riesenvorteil. Wir sind sehr zufrieden mit unserem jetzigen Status. Dadurch haben wir eine sehr große Flexibilität bei den anstehenden Disziplinen, die sonst nicht möglich wäre. Wir konnten zum Beispiel in diesem Jahr wieder spontan auf die deutschen Erfolge bei den Olympischen Spielen reagieren. So haben wir das Speerwerfen der Frauen ins Programm aufgenommen, mit den Medaillengewinnerinnen Christina Obergföll und Linda Stahl. Wenn wir Pech gehabt hätten, wären wir in der Diamond League verpflichtet gewesen, Speerwurf der Männer durchzuführen – und hätten keinen Deutschen präsentieren können.

Morgenpost Online: Es ist kein Geheimnis, dass der Weltverband IAAF Berlin und das Istaf gerne in der Topliga hätte.

Gerhard Janetzky: Natürlich will die IAAF attraktive Standorte haben, das Istaf ist schließlich das zuschauerstärkste Eintagesmeeting der Welt. Zum jetzigen Zeitpunkt fühlen wir uns in der World Challenge jedoch sehr wohl. Das ist eine IAAF-Veranstaltung, die Diamond League ist hingegen eine Privatveranstaltung, an der die IAAF lediglich 25 Prozent hält.

Morgenpost Online: Das Istaf wird 2013 also nicht in die Diamond League aufsteigen?

Gerhard Janetzky: Davon würde ich ausgehen. Wir sind froh über besagte Flexibilität, da sind wir unser eigener Herr. Unser Termin steht für 2013 auch schon fest. Wir liegen am 1. September wieder günstig zwischen Zürich und Brüssel. Da haben wird uns etabliert und können im nächsten Jahr die Weltmeister der Titelkämpfe in Moskau präsentieren, darunter hoffentlich viele Deutsche.

Morgenpost Online: Sie setzen mit dem Istaf seit Jahren auf die deutsche Karte. Die Leichtathletik hierzulande ist im Aufschwung, zuletzt gab es in London acht Medaillen. Sie dürften sich bestätigt fühlen.

Gerhard Janetzky: Sicher, wenn ich mich an die Olympischen Spiele 2004 in Athen mit zwei und 2008 in Peking mit einer Medaille erinnere. Aber es sind nicht nur Medaillen, die erfreulich sind, es kommen junge Leute mit Perspektive nach. Und mit Robert Harting haben wir einen Athleten, der das Gesicht der deutschen Leichtathletik ist, der über seine Sportart hinaus in vielen Gebieten als Vorbild herangezogen wird.

Morgenpost Online: Gerade das hätte man vor ein paar Jahren wohl nicht für möglich gehalten?

Gerhard Janetzky: Sicher nicht. Doch wir haben Robert immer die Treue gehalten und freuen uns darüber, was er jetzt nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftskritisch und gesellschaftspolitisch darstellt.

Morgenpost Online: Zeigt sich der Aufschwung denn auch bei Sponsoren, Medien und speziell bei Fernsehzeiten?

Gerhard Janetzky: Ich will nicht verhehlen, dass die werbliche Potenz bei einem Eintagesmeeting sehr begrenzt ist. Mannschaftssportarten sind da klar im Vorteil, weil sie eine komplette Saison über im Einsatz sind und daher permanent im Fokus stehen. Doch es gibt viele positive Anzeichen: Das Istaf wird am Sonntag zwei Stunden lang im Fernsehen gezeigt, das ist die längste Präsenz seit langem, in 160 Länder wird übertragen, 63 Millionen TV-Zuschauer werden dabei sein. Leichtathletik ist zurzeit gut nachgefragt. Ein Beweis ist auch, dass man immer öfter Motive aus der Leichtathletik in Magazinen, aber auch in der Werbung sieht.

Morgenpost Online: Es bewegt sich was.

Gerhard Janetzky: Ich finde ja, es hängt natürlich auch immer von Personen ab. Boris Becker und Steffi Graf haben einst für einen Tennis-Boom gesorgt. In der Leichtathletik kommt jetzt eine neue Generation, Jüngere, Interessante drängen nach, wir haben nicht nur Robert Harting. Das ist die alte Wellentheorie: In der Bibel wird von sieben mageren und dann wieder von sieben fetten Jahren gesprochen. Jetzt beginnen eben die sieben fetten Jahre.

Morgenpost Online: Sie sind ja auch Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes. Kommt denn der Aufschwung auch an der Basis an?

Gerhard Janetzky: Absolut. Bestes Beispiel ist natürlich Robert Harting: Auf einmal ist Diskuswerfen sexy. Wir unterstützen das natürlich und haben gerade ein Casting gemacht: Wer möchte der nächste Robert Harting werden? Die Nachfrage, allerdings nicht nur beim Diskuswerfen, ist zurzeit fast größer als von uns mit Übungsleitern zu bewältigen. Das ist momentan unser großes Problem. Denn das, was Trainer verdienen, ist sehr weit entfernt von dem, was man ihnen bieten muss. Ich sehe meine Aufgabe als Verbandspräsident auch darin, Strukturen zu schaffen, dass wir in den Vereinen ausreichend gut bezahlte, qualifizierte Übungsleiter haben.