Stadionfest

Robert Harting lädt zum Istaf in sein Berliner Wohnzimmer

Beim Istaf im Olympiastadion steht der Berliner Diskuswerfer heute im Mittelpunkt. Zur Rettung des Meetings hat er seinen Teil beigetragen.

Robert Harting hat in den vergangenen Tagen richtig geackert. „Hart“ sei das Training gewesen, berichtet der Diskus-Olympiasieger. Kaum vorstellbar eigentlich, dass der Berliner sich noch einmal gequält hat. Wahrgenommen hat ihn die Öffentlichkeit zuletzt als lockeren Plauderer in Talkshows. Bei „Beckmann“ ist er gewesen, bei „Lanz“, am Donnerstagabend noch bei „TV total“, wo er Moderator Stefan Raab gleich eine Wette anbot: Er solle doch im Zehnkampf gegen ihn antreten. „Schlag den Raab“ mal anders…

Doch am heutigen Sonntag, 26 Tage nach seinem Goldwurf von London, ist Schluss mit Späßen: Die Konkurrenz will ihn schlagen, Harting muss sein „Wohnzimmer“ verteidigen, wie er es nennt. Im Olympiastadion, dort wo er 2009 seinen ersten WM-Titel gewann, will er beim Internationalen Stadionfest Istaf (ARD ab 14.50 Uhr) seine eindrucksvolle Serie von bisher 32 Siegen fortsetzen. „Da kann ich nicht verlieren, das geht nicht“, sagt der 2,01 Meter große Mann mit dem goldenen Arm. „Meine Kollegen sind ganz besonders heiß drauf und wollen mich in meinem Wohnzimmer schlagen“, weiß Harting.

Seit zwei Jahren unbesiegt

Seit über zwei Jahren ärgert er die Konkurrenten. Sie konnten machen, was sie wollten – „der Harting“, wie er sich auf seiner Internetseite selbst nennt, warf immer weiter als sie. Weltmeister 2011, Europameister 2012, Olympiasieg 2012. Harting hat alles abgeräumt. Die anderen hoffen, dass er vor lauter Feiern an Stärke verloren hat. „Die wissen, hier würde mir eine Niederlage besonders wehtun.“

Natürlich wird das Diskuswerfen beim Istaf im Mittelpunkt stehen. Harting ist der Local hero, der Lokalmatador. Er ist zum „Gesicht der deutschen Leichtathletik“ geworden, wie es Meeting-Direktor Gerhard Janetzky ausdrückt. Keiner aus der Schar der Läufer, Springer und Werfer ist inzwischen so bekannt wie der 27-Jährige. Zehn Millionen Deutsche haben vor den TV-Geräten mitgefiebert, als er sich am 7. August in London Gold holte. Zehn Millionen – eine schier unglaubliche Einschaltquote, die höchste bei den Spielen. Abgeschlagen, mit rund acht Millionen, kam der 100-Meter-Endlauf mit Superstar Usain Bolt auf den zweiten Rang in der Rangliste.

„Robert Harting hilft uns extrem als herausragende Persönlichkeit in der Stadt“, sagt Istaf-Geschäftsführer Martin Seeber. Überall in Berlin wurde seit Monaten mit seinem Konterfei auf Plakaten für das Leichtathletik-Event geworben. „Ich will Dich!“ hießen die fordernden Worte, die an die Menschen gerichtet waren. Eine ganz spezielle Einladung zum Istaf in sein „Wohnzimmer“. Etwa 55.000 Zuschauer werden heute ins Olympiastadion kommen. Es wird ihnen Weltklasse präsentiert, neun Olympiasieger sind am Start, vier amtierende Weltmeister, sechs Europameister. Beim zuschauerstärksten Eintagesmeeting der Welt sind außer Harting auch noch die anderen sieben deutschen Medaillengewinner dabei.

Dem Stadionfest drohte das Aus

Das Stadionfest profitiert von glanzvollen Olympischen Spielen und vom hervorragenden Abschneiden der wieder erstarkten deutschen Leichtathletik – und nicht zuletzt von Robert Harting. Vor zehn Monaten noch lag das Istaf „unter dem Sauerstoffzelt“ (Seeber). Nach dem Rückzug von Hauptsponsor Vattenfall drohte dem traditionsreichen Sportfest das Aus. Doch der Senat half, neue Sponsoren konnten akquiriert werden; vor allem die Spielbank Berlin mit Hauptgesellschafter Novomatic AG als neuer Hauptgeldgeber verhinderte ein „Rien ne va plus“. 1,8 Millionen Euro umfasst der Etat für das Meeting 2012. Robert Harting als Leuchtturm der Veranstaltung hat direkt und indirekt zum Status quo beigetragen.

Helmut Digel, der Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Council-Mitglied des Weltverbandes IAAF, hat Harting gut beschrieben: „Er ist kein aalglatter Typ, sondern er hat Widersprüche, er polarisiert, und er hat Brüche – das muss man nicht gut finden, aber das Prinzip funktioniert.“ Er zieht einen großen Vergleich: „Das, was Usain Bolt für die Welt-Leichtathletik ist, das ist Robert Harting für die deutsche Leichtathletik.“

Harting ist in. Beckmann, Lanz und Raab werden sicher nicht die letzten Stationen gewesen sein. Das Interesse von Sponsoren hat merklich zugenommen. „Ich spüre nach London ein riesiges Interesse, Anfragen von der kleinsten Veranstaltung bis zur größten Messe“, erzählt Harting. Bei Werbepartnern werde er nichts überstürzen. „Ich wähle da gut aus, das muss zu mir passen.“ Die Moerser Agentur „triceps“, die ihn vermarktet, spricht von einem „Riesen-Hype“. Auf zwei Riesenleinwänden, 50 mal 56 Meter groß, wirbt seine Ausrüsterfirma zurzeit in Berlin mit ihm. Was sich aber schließlich in Euro und Cent ergeben wird, wie und ob Harting sein Gold wirklich versilbern kann, wird man sehen.

Die PR- und Medienfigur Robert Harting ist das eine, doch zu allererst ist er Sportler. Nach dem Istaf ist die Saison für ihn beendet. Endlich, der 27-Jährige ist leer, physisch wie psychisch. Es steht ihm eine sechswöchige Strahlentherapie für sein linkes Knie bevor, das trotz einer Operation im vergangenen Herbst immer wieder Schmerzen bereitet.

Wie es weitergeht? Wie soll er sich neu motivieren, nachdem er alles gewonnen hat? Er wollte Bester werden, Bester sein. Das hat er geschafft. Die nächste Aufgabe lautet eigentlich: Bester bleiben. Mal sehen. Harting sagt nur: „2013 wird ein interessantes Jahr.“