Diskus-Olympiasieger

„Geileres Gefühl als in London“ – Harting gewinnt in Berlin

Der Diskus-Olympiasieger hat seine beeindruckende Siegesserie auch in seinem „Wohnzimmer“ Berliner Olympiastadion fortgesetzt.

Foto: REUTERS

Als alles getan war, der Berliner Robert Harting sein „Wohnzimmer“, wie er das Berliner Olympiastadion nennt, verteidigt hatte, war der Diskusriese nicht mehr zu halten. Eingehüllt in die schwarz-rot-goldene deutsche Fahne und ein Tuch mit dem Schriftzug seines Heimatklubs SC Charlottenburg ging er auf die Ehrenrunde, verneigte sich vor dem Publikum und erfreute die Fans mit dem ganz speziellen Harting-Jubel, den man von seinem Olympiasieg in London kennt: Auf der Gegengeraden übersprang er vor offiziell 55.565 Zuschauern stilvoll drei Hürden.

Die schwerste Hürde hatte der Olympiasieger, Welt- und Europameister bereits vorher überwunden. Beim Internationalen Stadionfest (Istaf) gelang ihm am Sonntag der 33. Sieg in Folge. Zu gern hätten ihn die Konkurrenten Virgilijus Alekna aus Litauen (66,63 m) und Piotr Malachowski aus Polen (66,17 m) bei seinem Heimspiel geschlagen, doch Harting ließ nichts zu. Im zweiten Versuch flog sein Diskus auf die Siegerweite von 67,40 Meter. Die Scheibe schien vom Schrei der begeisterten Zuschauer getragen zu werden.

Harting war vollkommen happy: „Das war heute ein geileres Gefühl als in London. Noch mal eine Stufe besser.“ Hier, im Stadion, sei er nicht fremd, „ich kenne alle Leute, das Publikum ist fachkundig, die Leute fühlen einen“. Die Zuschauer seien gekommen, „um das zu erleben, was sie alle vor dem Fernseher gesehen haben.“ Das Publikum wollte eine Harting-Show – und es bekam sie.

Siege auch von Otto und Heidler

Der Auftritt des Lokalmatadors, der zum Gesicht der deutschen Leichtathletik geworden ist, war zweifellos der stimmungsvolle Höhepunkt der 71. Auflage des Leichtathletik-Meetings. Die Zuschauer fühlten sich bestens unterhalten, auch wenn man einigen Athleten anmerkte, dass sie nach einer langen Saison etwas müde sind. Sportlich am hochwertigsten war neben Hartings Leistung der Stadionrekord über 110 Meter Hürden durch den US-Amerikaner Aries Merritt (13,02 Sekunden). Begeistert war das Publikum natürlich besonders von den drei deutschen Siegen: Neben Harting gewann Björn Otto im Stabhochsprung und Betty Heidler warf den Hammer am weitesten. Kein Wunder, dass Meeting-Direktor Gerhard Janetzky ein positives Fazit zog: „Wir sind sehr zufrieden.“

Dreimal stand eine Olympia-Revanche aller drei Medaillengewinner der Spiele auf dem Programm. Sowohl beim Speerwerfen der Frauen als auch beim Hammerwerfen der Frauen sowie beim Kugelstoßen der Männer waren die in London mit Gold, Silber und Bronze Dekorierten am Start.

Bei den starken Männern war lange nicht klar gewesen, ob Silbermedaillengewinner David Storl überhaupt würde antreten können. Vier Tage zuvor war der Weltmeister beim Meeting in Zürich wegen Wadenproblemen ohne gültigen Versuch geblieben. Und auch in Berlin ging nichts: drei ungültige Stöße. „Ich war wirklich angeschlagen durch meine Wade“, sagte er. „Man ist auch im Kopf angegriffen, wenn man weiß, dass man nicht Vollgas geben kann.“ Ganz anders dagegen seine Konkurrenten. Erst riss Olympiasieger Tomasz Majewski aus Polen jubelnd den rechten Arm hoch und winkte ins Publikum, nachdem er im zweiten Versuch die Kugel auf 21,31 Meter gewuchtet hatte. Doch Reese Hoffa (USA), Dritter in London, konterte im dritten mit 21,37 Meter. Dabei blieb es.

Beim Speerwerfen der Frauen hatten wohl fast alle mit einem Zweikampf zwischen der Olympiasiegerin Barbora Spotakova (Tschechien) und Christina Obergföll, der Zweitplatzierten, gerechnet. Doch es war der Nachmittag der Südafrikanerin Sunette Viljoen. Spotakova kam lange nicht richtig in den Wettbewerb. Doch dann ihr letzter Versuch: Der Speer flog auf 66,83 Meter. Viljoen schaffte aber mit dem letzten Wurf der Konkurrenz den Knalleffekt: Bei 67,52 Meter landete ihr Speer. Das war der Sieg vor der Olympiasiegerin, Obergföll („Technisch passte bei mir leider gar nichts mehr“), die 62,57 m schaffte, und der Dritten bei Olympia, Linda Stahl (62,51 m).

Erst Majewski, dann Spotakova gestürzt – würde wenigstens Hammer-Olympiasiegerin Tatjana Lysenko (Russland) die Konkurrentinnen in Schach halten? Vor allem die in Berlin geborene und in Frankfurt/Main lebende Betty Heidler, Dritte in London, hatte sich viel vorgenommen. Und sie warf den Hammer gleich auf 74,35 Meter. Die Zuschauer tobten. Die Werferinnen genossen die Stimmung. In Berlin ist Hammerwerfen nicht an den Rand gedrängt, sondern steht auf der ganz großen Bühne. Natürlich vor allem dank „Hammer-Betty“. Das Strahlen ging gar nicht mehr aus ihrem Gesicht, als sie sich über 74,41 m und 74,80 m auf 75,18 m steigerte. Der Sieg war ihr nicht zu nehmen, Lysenko wurde nur Vierte.

Athleten von Stimmung begeistert

„Ich habe es sehr genossen“, sprudelte es aus Heidler heraus. „In so einem Stadion, in so einer Atmosphäre, das hat man nicht alle Tage.“ Sie sprach von einem „absolut gelungenen Saisonabschluss“. Und fügte hinzu: „Mit der ganzen Familie und vielen Freunden den Saisonabschluss zu feiern, ist gigantisch. Mein Herz ist hier, meine Heimat ist hier.“

Sehr hohe Erwartungen hatte Hürdensprinter und Olympiasieger Aries Merritt geweckt. In dieser Saison war der Amerikaner in jedem Rennen unter 13 Sekunden geblieben. Einige hatten sogar gehofft, er könne den Weltrekord von 12,87 Sekunden ankratzen. Doch dies gelang nicht ganz – er kam in 12,97 Sekunden ins Ziel. Immerhin Meetingrekord. „Es war aufregend, noch mal unter 13 Sekunden zu laufen. Der Meetingrekord bedeutet mir viel“, sagte Merritt. „Heute gab es keinen Weltrekord, aber 2013 geht es ja weiter.“

Im Stabhochsprung war der Olympia-Zweite Björn Otto schwach gestartet, bei der Einstiegshöhe von 5,58 m benötigte er drei Versuche. Doch dann waren 5,68 m und 5,78 m, die zum Sieg genügten, kein Problem. Ottos Fazit passte ins Bild: „Hier war ja fast Olympiastimmung und wir haben den Zuschauern etwas geboten.“