Nicht einmal mit heruntergelassener Hose verlor Dimitri Owtscharow die Nerven. Als die neue deutsche Tischtennis-Medaillenhoffnung gerade den Journalisten Rede und Antwort stand, zog ihm sein Kumpel Michael Maze im Vorbeigehen die Hose runter. „Dima“ schaute kurz nach dem Übeltäter, grinste, zog seine Hose wieder hoch, und redete nach einer Gelächterpause völlig gelassen weiter.
Nach seinem nervenstarken Auftritt im Sieben-Satz-Krimi gegen den dänischen Ex-Europameister Maze greift plötzlich der 23-jährige Owtscharow nach dem Edelmetall, das doch eigentlich für seinen Kumpel Timo Boll reserviert war. Das Juwel im Schatten des Rekordeuropameisters funkelte im ungewohnten Rampenlicht. „Ich bin überglücklich, dass ich es geschafft habe. Ich weiß, dass der Fokus nach Timos Aus auf mich gerichtet war“, sagte Owtscharow: „Ich bin der letzte Europäer im Turnier, das macht mich sehr stolz.“
Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt hat sich Owtscharow, der als Vierjähriger mit seinen Eltern aus Kiew nach Hameln zog und in Russland für Champions-League-Sieger Fakel Orenburg spielt, hinter Boll zum zweitbesten Nicht-Asiaten der Welt gemausert. Ende des vergangenen Jahres schaffte Owtscharow erstmals den Sprung in die Top Ten, liegt derzeit als Zwölfter nur noch fünf Plätze hinter dem Star aus Düsseldorf.
Für Bundestrainer Jörg Roßkopf, der Owtscharow als zweite Medaillenhoffnung neben Boll angepriesen hatte, ist der Durchbruch des Europe-Top12-Siegers alles andere als überraschend. „Er hat schon oft bewiesen, wie stark er mental ist“, sagte der 43-Jährige. Roßkopf, der 1996 in Atlanta Bronze gewann, ist der bislang einzige Deutsche, der eine olympische Einzel-Medaille im heimischen Trophäenschrank hat.
Verband scheut keine Kosten und Mühen
In diese Fußstapfen will Owtscharow, der in London von seiner Freundin Jenny unterstützt wird und sich die Freizeit als „Film- und Serien-Freak“ mit DVDs der US-Show „Entourage“ vertreibt, nun treten. „Das Ziel Medaille ist realistisch“, hatte Owtscharow bereits vor London gesagt. So kurz vor dem Ziel scheut der Deutsche Tischtennis-Bund (DTTB) keine Kosten und Mühen. Daher wurde kurzerhand ein Hotelzimmer unmittelbar in der Nähe der ExCel-Arena angemietet, damit die Wege zwischen den Spielen kürzer sind.
Denn zwei Chancen hat er nun zum größten Erfolg seiner noch jungen Laufbahn: Am heutigen Donnerstag (10 Uhr/11 Uhr) kämpft er gegen Weltmeister Zhang Jike aus China um den Finaleinzug. Bei einer Niederlage gegen den Top-Favoriten bleibt das Match um Bronze.
Doch selbst gegen Zhang rechnet sich Owtscharow Chancen aus. „Das wird schwierig, aber ich habe ihn 2009 schon geschlagen. Wenn ich 120 Prozent abrufe, kann ich gegen ihn gewinnen“, sagte Owtscharow, der auf dem Weg ins Rampenlicht auch schon ein tiefes Tal durchschritten hat.
Eine positive Dopingprobe auf Clenbuterol, wohl ausgelöst durch in China verzehrtes verunreinigtes Fleisch, ließ Owtscharow im Herbst 2010 wochenlang um die Fortsetzung seiner verheißungsvollen Karriere bangen. Er wurde freigesprochen. „Damals habe ich erkannt, dass es Wichtigeres gibt als Tischtennis“, sagt Owtscharow, „es war eine schwierige Zeit, aber ich habe das kaum noch im Kopf.“
Egal, was noch in London passiert, eine einzigartige Auszeichnung hat „Dima“ allen Tischtennis-Spielern voraus: Sein Markenzeichen, der Rückhandaufschlag aus der tiefen Hocke, belegte 2008 in einer Top-50-Liste der besten Erfindungen im Time-Magazin den 36. Platz. Seine Hand, so hieß es zur Begründung, tanze dabei, und die unheimliche Bewegung verblüffe den Gegner.
sid/sei



