Noch cooler als sonst wirkte er mit der Silbermedaille um den Hals, vielleicht stand der Münchner Marcel Nguyen auch noch etwas neben sich. „Tja, da hat wohl alles geklappt“, sagte der Sensations-Zweite des Mehrkampfs bei den Olympischen Spielen lässig. Um schnell anzufügen, was sich in der Situation so gehört: „Ich bin überglücklich. Davon habe ich als Junge geträumt, heute ist es wahr geworden.“

Nicht Philipp Boy, zweimal Vize-Weltmeister in diesem großen Mehrkampf der Turner, nicht Fabian Hambüchen, der nach seinem Comeback wieder in großer Form schien: Marcel Nguyen, 24, hat die Medaille geholt, auf die der Deutsche Turner-Bund (DTB) sehnsüchtig gewartet hat. „Ich freue mich riesig für Marcel“, sagte Verbandspräsident Rainer Brechtken. „Und ich bewundere, wie er am Ende die Nerven behalten hat.“ Auch Bundestrainer Andreas Hirsch rang um Worte: „Ich bin einfach überwältigt.“

Es war in der Tat ein Meisterstück, das viele dem zart und zurückhaltend wirkenden Leichtgewicht aus Unterhaching nicht zugetraut haben. Der Olympiasieg des japanischen Favoriten Kohei Uchimura (92.690) stand schon fest, als Nguyen als letzter noch aktiver Turner in der North Greenwich Arena zum Boden ging. Die Halle lärmte genau zu Nguyens Auftritt, als sich der US-Amerikaner Danell Leyva (90.698) am Reck in die Medaillenränge geschwungen hatte. „Ich dachte, cool, die freuen sich“, berichtete Nguyen später, „gestört hat mich das gar nicht.“ So entspannt kann es klingen, wenn einer die erste deutsche Mehrkampf-Medaille seit 1936 gewinnt.

Idealer Wettkampf begann mit dem letzten Platz

Der Wettkampf lief für ihn ideal, obwohl er nach dem ersten Gerät, dem Pauschenpferd, Letzter von allen 24 Turnern war. Paradox, aber wahr: „Ich war froh, das Ding gleich hinter mir zu haben. Danach ging es von hinten richtig los.“ Sein Heimtrainer Valeri Belenki verriet, wie sehr er Nguyen zu diesem ungeliebten Gerät treiben musste: „Ich habe ihn immer wieder an dieses Gerät gelockt und gezwungen, damit er seine Chance im Mehrkampf wahrnimmt. Jetzt hat er den Wettkampf seines Lebens geturnt.“

Nguyen, der jahrelang etwas im Schatten der Stars Hambüchen und Boy geturnt hatte, schlug sich am Pauschenpferd für seine Verhältnisse achtbar („Ich bin oben geblieben“), im Sprung trotz kleiner Fehler sehr gut, dazu trumpfte er an Ringen, Barren und Reck mächtig auf. Der Barren-Europameister von 2012, angefeuert von seinem verletzt (und nicht qualifiziert) zuschauenden Freund Boy, wuchs in der North Greenwich Arena über sich hinaus und holte eine kaum für möglich gehaltene Medaille.

Nervös um die Bodenfläche getigert

Vor der finalen Bodenübung, als letzter Turner in der Halle, tigerte Nguyen – trotz allem, was er später so cool erzählte - nervös um die Fläche herum, riss sich aber sichtlich zusammen und brachte die Medaille nach Hause. Nguyen, der vietnamesische Vorfahren hat, riss erschöpft die Arme nach oben.

Das Pauschenpferd, Angstgerät der meisten Turner, hatte in der Spitzen-Riege der Besten aus der Qualifikation zu Beginn wieder einmal etliche Hoffnungen zunichtegemacht – unter anderem schon die Hambüchens, der einen Handstand aus der Schere nicht hinbekam und mit 13.266 Punkten abgespeist wurde. Ein Einspruch von Bundestrainer Andreas Hirsch gegen die Wertung wurde umgehend abgelehnt.

Das bedeutete mehr als 1,5 Punkte weniger als bei Uchimura, der in der Qualifikation ungeahnte Fehler gezeigt hatte und deshalb den Mitfavoriten in der zweiten Gerätegruppe sozusagen vorweg turnte. Dies tat er mit der Sicherheit und Konstanz, die den dreifachen Weltmeister über Jahre auszeichnete; seine Goldmedaille zeichnete sich früh ab. Genau diese Konstanz fehlte Hambüchen nach seiner langen Verletzungspause. Ein Sturz beim Sprung und später am Reck zerstörte seine letzten Hoffnungen. Im Gerätefinale am Reck will er wieder angreifen – genau wie Nguyen, der an Barren und Boden noch einmal um Medaillen kämpft.

dapd/nbo