Irgendwann, das Rennen ihres Lebens war gerade anderthalb Stunden vorüber, nestelte Andreas Kuffner (25) ein Smartphone aus der Tasche seiner Trainingsjacke. Er brachte es in Fotoposition, stieß Maximilian Reinelt (23) an, der setzte sein breitestes Grinsen auf, und Kuffner schoss ein Foto. Als ob es später einmal eines Beweises dafür bedürfte, dass die beiden Ruderer den größten Erfolg des deutschen Achters seit 24 Jahren tatsächlich miterlebt hatten – die Goldmedaille baumelte Kuffner, Reinelt und den sieben anderen aus der Crew ja um den Hals. Natürlich hatten sie alle auf diesen Sieg nicht nur gehofft, sie hatten ihn auch von sich erwartetet. Go for Gold. Das Motto war Programm. Dreimal Weltmeister in Serie, seit mehr als drei Saisons ohne Niederlage * manch einer hatte ja behauptet, die Goldmedaille für den Achter mit den Berlinern Kuffner und Martin Sauer, dem Steuermann, an Bord sei wohl die am festesten einzukalkulierende für die deutsche Olympiamannschaft. Kuffner und die anderen mochten zum Schluss gar nicht mehr hinhören.

Ein Blick in das Gesicht von Schlagmann Kristof Wilke (27) genügte Mittwochmittag, um zu ermessen, dass das hier mehr als ein sehr beeindruckender Rennsieg vor Kanada (+1,23 Sekunden) und Großbritannien (+2,43) gewesen war. Es war Entlohnung für Jahre voller Entbehrungen, voller Hingabe, Leidensfähigkeit, Aufopferung. Jahre mit endlos stupiden Ergometereinheiten, mit ungezählten Stunden im muffigen Kraftraum im Souterrain des Dortmunder Ruderstützpunkts, mit Tausenden Kilometern auf dem Dortmund-Ems-Kanal, schlecht bezahlt obendrein. Kristof Wilke heulte wie ein Kind. Und nicht nur er. Fast jeder der Recken hatte feuchte Augen.

Seit drei Jahren und 36 Rennen ungeschlagen

„Das war ein unmenschlich hartes Rennen“, ächzte Kuffner, und das traf nicht nur auf den Verlauf zu, der mitreißender kaum hätte sein können. Wie gewohnt schoben die Deutschen ihr Boot als Schnellste an, um auf dem psychologischen Vorteil einer sichtbaren frühen Führung aufzubauen. Bei empfindlichem Gegenwind hielten diesmal jedoch die Briten mit, mehr noch als beim Weltcup in Belgrad zu Saisonbeginn.

Nach 500 Metern betrug Deutschlands Führung 0,3, nach 1000 Metern 0,4 Sekunden. Dann schoben sich plötzlich die Briten mit einem Zwischensprint knapp nach vorn. Auf den Tribünen schwoll das Johlen zu einem gewaltigen Orkan, wie ihn noch keiner aus der deutschen Crew je erlebt hatte. „Wenn die Briten weiter vorne geblieben wären, hätte das Publikum sie ins Ziel getragen“, vermutete Kuffner. Doch sie hielten nicht durch. Der deutsche Achter konterte, obwohl den Hünen längst Arme, Beine, Hände, Lunge schmerzten. Im Ziel betrug der Vorsprung eine halbe Bootslänge, Kanada hatte sich sogar noch vor die Briten geschoben. „Es war ein sehr geiles Rennen“, gluckste Lukas Müller (25), „ich habe bei den Briten die ganze Zeit gedacht: Scheiße, die machen das heute.“ Ralf Holtmeyer (56) dachte es nicht. Mit dem Fahrrad war der Achter-Trainer auf einem Asphaltweg neben der Strecke entlang geradelt, seine wachsamen Augen hatten einen Einbruch der aufgeputschten Briten vorhergesehen.

Und er sagte aus Erfahrung: „Die Mannschaft wusste, dass wir uns nach hinten heraus uns noch mal steigern und reagieren können.“ Ob es die beste Crew ist, die er je trainiert hat? Holtmeyer blickte ins Leere, zögerte. Er mag diese Frage nicht, auch wenn sie auf der Hand liegt.

24 Jahre, nachdem er den Achter mit Schlagmann Bahne Rabe in Seoul zu Gold gecoacht hatte, und zwölf Jahre, nachdem er mit dem Flaggschiff des Ruderverbands die Qualifikation für die Spiele in Sydney verpasst hatte, ist Holtmeyer nun wieder obenauf. Es ist eine Genugtuung für ihn, schließlich haben sie ihn nach Sydney zum Frauen-Riemencheftrainer degradiert.

Holtmeyer selbst würde das nie so sagen, doch einen seltenen Einblick in sein Gefühlsleben gewährte er Mittwochmittag doch: „Im Trainergeschäft ist es normal, dass es auf- und abgeht. Die Frauen haben mich wieder aufgebaut. Es war positiv für mich, gerade emotional.“ Nun hat er neun Männer zu Olympiasiegern gemacht, von denen 1988 manche noch Windeln trugen. „Der Hammer!“, juchzte Lukas Müller.

Lob gab es auch vom Trainer des deutschen Fußballmeisters Borussia Dortmund, Jürgen Klopp: „Das sind wahnsinnig tolle Jungs, die ich persönlich sehr schätze“, sagte Klopp. „Ich gratuliere jedem, der zum Olympia-Gold des Bootes beigetragen hat.“

Silber für Britta Oppelt und Julia Richter

Für die deutschen Ruderer ist es die erste Goldmedaille bei den Spielen in London, eine silberne steuerte am selben Tag der Doppelvierer der Frauen bei – und das wiederum bedeutet die erste Medaille überhaupt für Sportler aus Berlin in London. Schlagfrau Britta Oppelt von der RVG Hellas Titania und Julia Richter vom Ruderklub am Wannsee waren entscheidend daran beteiligt. Für Oppelt (34) ist es die dritte Olympiamedaille nach Platz zwei im Doppelzweier in Athen 2004 und Rang drei im Doppelvierer in Peking vier Jahre später. Für Richter hingegen ist es die erste olympische Plakette.

Beide Frauen saßen gemeinsam bereits voriges Jahr in dem deutschen Doppelvierer, der in Bled den Weltmeistertitel gewann. Favoriten in London waren dennoch die Ukrainerinnen gewesen, an denen sich Oppelt und ihre Crew diese Saison die Zähne ausbeißen. „Die Ukraine war sehr stark dieses Jahr, insofern war es keine Überraschung, dass sie wieder gewonnen haben“, stellte Julia Richter anerkennend fest. Wie auch die anderen Boote an diesem Vormittag in Eton Dorney – den Zweier-ohne-Wettbewerb der Frauen gewann Großbritannien * kämpfte auch der deutsche Doppelvierer gegen den Wind. „Das war hart“, ächzte Richter, freute sich aber hinterher umso mehr: „Ich bin erschöpft, aber glücklich. Eine olympische Medaille zu gewinnen ist Wahnsinn.“

Allerdings: Bei aller Zuversicht musste aber auch die junge Berlinerin feststellen: „Olympiamedaillen können nicht vorhergesagt werden.“ Wie recht sie doch hat.