Wenn er seine Sportart mit einem Wort umschreiben sollte, dann würde er „cool“ wählen, sagt Sideris Tasiadis. Das würde Kanuslalom am besten charakterisieren. Tasiadis (22) ist Europameister im Einercanadier und sagt das ganz locker – als verspüre er keine Last, keinen Druck.

Dabei soll dieser Dienstag, an dem am Nachmittag auch das olympische Finale in Tasiadis' Disziplin ansteht, so etwas wie eine Initialzündung für die deutsche Mannschaft werden. Nach drei Wettkampftagen in London fehlt immer noch die erste Goldmedaille; den schlechtesten Olympiastart seit Jahrzehnten haben sie in London fabriziert. Deutschlands Chef de Mission, Michael Vesper, sah sich gar schon bemüßigt, zur Ruhe zu mahnen – „wir werden nicht nervös“, hatte er gesagt und auf solche Tage und Chancen wie an diesem Dienstag verwiesen. Die Vielseitigkeitsreiter etwa machen sich berechtigte Hoffnungen auf Edelmetall, auch Judoka Ole Bischof, in Peking vor vier Jahren immerhin mit Gold dekoriert. Und dann sind da noch Florettfechter Benjamin Kleibrink, 2008 ebenfalls Olympiasieger, oder aber sein Teamkollege Peter Joppich, der viermalige Weltmeister.

Und eben Tasiadis, der junge Mann aus Augsburg mit den griechischen Vorfahren. Als Vierter hat er sich für das Halbfinale qualifiziert. Von „Erleichterung“ spricht er nach den Vorläufen. Und davon, dass er „am Ende zufrieden“ mit sich gewesen sei. Der erste Durchgang war zwar ziemlich in die Hose gegangen, den zweiten gestaltete er dafür umso mutiger. „Darauf kann ich im Halbfinale aufbauen“, sagt Tasiadis.

Vor einigen Wochen erst hatte er sich die fünf olympischen Ringe auf den linken Oberarm tätowieren lassen. In Blau, Schwarz, Rot, Gelb und Grün prangen sie nun auf seinem Trizeps. 200 Euro und zweieinhalb Stunden Schmerz waren ihm das wert. „Olympia ist das Größte“, hatte er gesagt, als er die Mühlen der internen Qualifikation gemeistert hatte. Nur ein Boot pro Nation darf bei den Spielen an den Start gehen. Dass es Tasiadis ist, der es nach London schaffte, dass er auch Hochgehandelte wie den WM-Zweiten Nico Bettge oder Jan Benzin, den WM-Dritten von 2009, hinter sich ließ, das „war schon krass“, sagt er. „Der Druck war unglaublich hoch.“ Jeder Fehler hätte das Aus bedeuten können. „Mentale Stärke“ und „ein außergewöhnliches Wassergefühl“ bescheinigt ihm Canadier-Bundestrainer Sören Kaufmann. Die anschließenden Europameisterschaften auf seiner Heimstrecke in Augsburg jedenfalls fuhr er befreit, fast schon genussvoll und mit einer Lockerheit, dass sein erster Einzeltitel bei den Senioren fast schon die logische Konsequenz war: „Natürlich war das etwas Besonderes.“

Er redet nicht vom Sieg

Zwei Medaillen sollen die vier deutschen Slalomboote aus London mitbringen, das ist die Maßgabe des Verbandes, eine überaus ambitionierte. Aber wer sich in Deutschland durchsetzt, der ist automatisch auch Medaillenkandidat. Tasiadis weiß das, auch wenn er seine Ansprüche öffentlich ein wenig defensiver formuliert. Er wolle ins Finale, sagt er. Und ja, eine Medaille wäre schon was. Der Sieg? Davon redet Tasiadis nicht.

Vor vier Jahren war es sein Klubkollege Alexander Grimm, der das erste deutsche Gold gewann (siehe Interview unten), auch damals war es in der Heimat schon reichlich unruhig ob des Ausbleibens eines Olympiasieges gewesen. Nun also könnte es Tasiadis sein. Ein Grieche rettet Deutschland, solche Schlagzeilen würde es dann wohl geben. Tasiadis würde sie mit einem Schmunzeln lesen. Natürlich, seine Eltern kommen aus Griechenland, sein Großvater wohnt noch immer in einem Dorf im Norden des Landes. Tasiadis aber ist in Augsburg aufgewachsen. „Ich war vielleicht dreimal in den vergangenen zehn Jahren in Griechenland“, sagt er. Er ist keiner, der sich hin- und hergerissen fühlt, zwischen dem Geburtsland seiner Eltern und seinem eigenen. Sollte es mit der Medaille klappen, er würde nicht beide Fahnen schwenken. „Auf jeden Fall nur die deutsche“, sagt er.

Als die Verantwortlichen des griechischen Verbandes um ihn warben, immerhin gewann Tasiadis schon bei den Junioren so ziemlich alles, da musste er nicht lange überlegen. Er habe sich von vornherein für Deutschland entschieden, „weil ich für immer in Deutschland bleiben will“. Hier werde er gefördert, da hätten die Griechen noch so viel PR machen können. Außerdem habe er gesehen, wie der griechische Verband mit seinen Athleten umgehe. „Das ist nichts.“

Es ist auffallend, wie distanziert, gar kritisch er der Heimat seiner Vorfahren gegenübersteht. Ein schönes Land sei Griechenland, sagt er, ohne Zweifel. Aber dass das Land so runtergewirtschaftet wird, dass es in einem kaum noch einzudämmenden Finanzdilemma steckt, ist für Tasiadis nur die logische Konsequenz fataler Politik. „Das war klar, dass das mal so kommt. Jeder Zehnte ist Beamter in Griechenland. Das kann es nicht sein. Irgendwie läuft da was schief.“ Doch das sind heute für Tasiadis nur Randthemen, wenn es im Lee Valley White Water Centre um olympische Medaillen geht. Seine Familie und seine Freundin Claudia Bär sind vor Ort – wie Tasiadis ist sie bereits Europameisterin im Kanuslalom. „Diese Unterstützung“, sagt er, „ist mir extrem wichtig.“ Nur so sei er zu höchsten Leistungen fähig.

Olympiasieger Grimm jedenfalls traut ihm heute einiges zu. Einen „rundum perfekten Athleten“ nennt er Tasiadis, der in den vergangenen Jahren enorm zugelegt hat und dem die technisch anspruchsvolle Strecke entgegenkommen sollte. „Der Druck ist groß“, sagt Grimm. „Aber so wie ich Sideris kenne, wird er ihn als etwas Motivierendes und Positives empfinden. Angst zu verlieren, hat er nicht.“