London 2012

Degenfechterin Britta Heidemann gewinnt nach Krimi Silber

Britta Heidemann ist die erste deutsche Medaillen-Gewinnerin bei den Olympischen Spielen in London. Sie erkämpfte sich Platz 2.

Foto: DPA

Als der letzte eigene Angriff verpufft und der entscheidende Treffer kassiert war, da schien Britta Heidemann zunächst vollkommen gefühllos. Ihr Gesicht beinahe ohne Regung, gratulierte die deutsche Degenfechterin ihrer Finalgegnerin Yana Schemjakina. 8:9 im Sudden Death verloren, Heidemann hatte am Montag alles gegeben – und sie hat die erste Medaille für die deutsche Olympiamannschaft in London geholt. Dafür gab es gleich Lob von höchster Stelle. Thomas Bach, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sagte: „Ich kann nur den Hut vor ihr ziehen. Das war eine großartige Leistung nach zwei wahren Krimis“, sagte der Florett-Olympiasieger von 1976.

Erst langsam bahnte sich anschließend die Freude ihren Weg. Nach der Goldmedaille in Peking 2008 also nun Silber. Alle Achtung. „Natürlich hätte ich gern den letzten Treffer gesetzt“, sagte Heidemann, „aber ich bin jetzt trotzdem zufrieden. Ich freue mich für Yana, sie ist ein nettes Mädchen.“ Und für noch eine Konkurrentin hegte die Deutsche Athletin echte Sympathie: für ihre Halbfinalgegnerin Shin A Lam. „Sie tut mir leid.“

Duell stand auf Messers Schneide

So eng das Finalgefecht gegen die Ukrainerin Schemjakina auch gewesen war – die Ouvertüre gegen die Südkoreanerin war noch deutlich aufregender gewesen. Es war ein Halbfinale, das wohl in die Geschichte der Spiele eingehen wird. Nicht nur der von London.

Nach einem taktischen Gefecht war es bei Punktgleichheit zum Sudden Death gekommen. Das bedeutete: eine Minute Verlängerung, wer den nächsten Treffer setzte, gewann. Ausgelost wurde vorher, dass Shin A Lam „Priority“ erhielt. Das hieß: gelänge Heidemann innerhalb der Verlängerung kein Treffer, hätte die Südkoreanerin gewonnen.

Das Duell stand folglich auf Messers Schneide. Je mehr die Zeit heruntertickte, desto mehr geriet Heidemann unter Zeitnot, desto klarer war: sie musste treffen, unbedingt. Dann zeigte die Uhr 0:01 Minuten an. Eine Sekunde noch. Es sollte die längste Sekunde in ihrem Leben werden.

Heidemann griff an, nicht nur einmal, doch jedes Mal kam bloß ein Doppeltreffer zustande, der ihr nichts einbrachte. Die Uhr jedoch zeigte noch immer eine Sekunde, eigentlich müssen es Sekundenbruchteile gewesen sein, ausgewiesen werden sie im Fechten aber nicht. Wieder stürmte die Deutsche auf ihre Gegnerin zu, ein letztes Mal wohl – und traf. Ihre rote Lampe leuchtete auf, 6:5, Heidemann riss sich die Maske vom Kopf, mit Urgewalt entlud sich ein langer Schrei. Die Entscheidung! Die Entscheidung?

Shin A Lam schaute entgeistert, hinter ihr sprang ihr Trainer auf, ein kleiner Mann in einer weißen Trainingsjacke. Er stürmte auf die Jury zu, fuchtelte mit den Armen, er konnte es einfach nicht fassen. Während Heidemann vor der Zuschauertribüne euphorisch die Faust reckte, entspann sich ein heftiger Streit zwischen dem koreanischen Trainer und den Offiziellen. Immer mehr von denen kamen hinzu, beratschlagten. Es ging offensichtlich um die Frage, ob Heidemanns Treffer tatsächlich noch innerhalb der Sekunde erfolgt war.

Die Zuschauer buhten lautstark

Irgendwann realisierte auch Heidemann, dass ihr Sieg nachträglich in Zweifel stand. Sie kehrte auf die Planche zurück, wo Shin A Lam in Tränen ausgebrochen war und noch immer regungslos verharrte. Auf der Anzeigetafel stand plötzlich wieder 5:5 zu lesen, die Zuschauer buhten lautstark.

Manfred Kaspar hielt sich zunächst zurück. Der Sportdirektor der deutschen Fechter und Trainer von Heidemann ist ein besonnener Mann. Als die Diskussionen am Jury-Tisch immer weiter gingen, schlenderte er irgendwann dorthin, lauschte. Als ihn ein Offizieller am Arm fasste, um ihn wegzuführen, schlug Kaspar die Hand erbost weg. Die Situation drohte zu eskalieren, ein Skandal bahnte sich an, zumal Koreas Trainer weiter zeterte. Würde die Entscheidung zugunsten der deutschen Titelverteidigerin doch revidiert werden? Auf der Uhr stand noch immer zu lesen: 0:01 Minuten.

Die Minuten verrannen, Heidemann diskutierte mit Kaspar, auf den Rängen tuschelten die Leute. Dann die Jury-Nachricht: Koreas Protest abgeschmettert, Heidemann die Siegerin. Wieder brüllte sie, reckte die Faust. Flink packte sie ihre Sachen, sie wollte weg, nur weg aus der Halle.

Während Shin A Lam weiter wie versteinert auf der Planche stand, sagte Heidemann auf ihrem Weg in die Kabine: „Ich habe einen regulären Treffer gesetzt. Deshalb kann ich die Diskussion nicht nachvollziehen. Ich kann die Enttäuschung der Koreanerin verstehen. Ich habe mich auch schon oft geärgert darüber, dass die Uhr eine Sekunde anzeigt, nicht aber, wie viel von dieser Sekunde noch übrig ist. Ich habe einen regulären Treffer gesetzt, deswegen ist die Entscheidung korrekt.“ Dann huschte sie davon, um sich noch kurz für das Finale auszuruhen. „Wir haben schon genug Zeit verplempert.“

Drama noch nicht zu Ende

Es war schon Viertel nach sieben, doch das Drama war längst nicht zu Ende. Shin A Lam wurde ein Klappstuhl gereicht, ein paar Meter weiter diskutierte die Jury. Zweimal vermeldete der Hallensprecher, dass der koreanische Protest noch begutachtet werde. Sogar eine Geldsumme müsse von der Delegation hinterlegt werden bei diesem schriftlichen Protest, hieß es. Das Publikum buhte. Als der Sprecher dann sagte: „Dies ist ein Schlüsselmoment in der olympischen Geschichte - und sie alle sind Zeuge“, erntete er noch mehr Johlen. „Es war eine Tatsachenentscheidung, die wie im Fußball zu akzeptieren ist. Für die Südkoreanerin war es natürlich äußerst unglücklich“, sagte der deutsche Chef de Mission Michael Vesper. Sportdirektor Manfred Kaspar erklärte das Geschehen vergleichsweise hilflos: „So ein Wirrwarr habe ich noch nie erlebt. Das war schon ungewöhnlich.“ Der DOSB hatte zuvor voreilig schon die erste deutsche Medaille via Twitter gemeldet, ehe die Debatten an der Planche begannen.

Um 19.57 Uhr, fast anderthalb Stunden nach Beginn des Halbfinals, schritt ein Offizieller auf die Planche zur bedauernswerten Shin A Lam. Ihr Protest war endgültig abgeschmettert. Zwei Offizielle führten die Koreanerin runter von der Fechtbahn, von selber mochte sie absolut nicht gehen. Sie erhielt donnernden Applaus. Ihr Gefecht um Platz drei verlor sie später mit 11:15 gegen die Chinesin Sun Yujie. Sie erhielt dennoch Standing Ovations.

Dieser Abend in der Fechthalle wird nachhallen. So viel ist nach dem Drama sicher.