London 2012

Der Harting ist kein Mann von der Stange

Berliner Olympia-Hoffnungen: Diskuswerfer Robert Harting hat sich zwar gewandelt, ist aber dennoch ein kritischer Geist geblieben.

Foto: Getty

Die Dame im reiferen Alter hat vor Aufregung ganz rote Wangen. Dann schlendert ihr Held auch schon in der Nähe vorbei – und sie hat ihren großen Auftritt. Robert Harting schaut etwas irritiert, als sie ihm ein vierblättriges Kleeblatt überreicht und wortreich viel Glück für die Olympischen Spiele wünscht.

Olympia in London soll der Höhepunkt werden für den Berliner Diskuswerfer. Zweimal ist er bereits Weltmeister (2009, 2011), vor kurzem hat er sich bei der Europameisterschaft in Helsinki auch diesen Titel geholt. Niemand hat in diesem Jahr den zwei Kilogramm schweren Diskus weiter geworfen als der Mann vom SC Charlottenburg, erstmals hat er die 70-Meter-Schallmauer geknackt, 28-mal in Serie ist er unbesiegt. Logisch, dass Harting der Goldfavorit ist. „Es ist doch eine coole Situation, dass ich weiß, dass es klappen könnte“, brummt er. „Was soll ich um den heißen Brei rumreden: Ich erwarte das einfach von mir.“

Wie viele andere auch. Das ist aus allen Gesprächen heraus zu hören, die bei der Verabschiedung der Berliner Olympiateilnehmer in der Ullstein-Halle beim Verlag Axel Springer geführt werden. Wenn einer Gold holt, dann er… Druck? „Der Druck, den ich mir selbst mache, ist exorbitant groß, größer als der von außen.“

Sein letzter großer öffentlicher Auftritt in Berlin vor den Spielen wird zum Spießrutenlaufen. Gleich am Eingang, kurz bevor es zur Übergabe des pflanzlichen Glücksbringers kommt, hat ihn ein Journalist abgefangen, der unbedingt noch etwas über seinen Rivalen Ehsan Hadadi aus dem Iran wissen will. Und dann wartet auch schon der für den Sport zuständige Innensenator Frank Henkel für ein gemeinsames Foto. Später steht Harting auf der Bühne, übernimmt symbolisch ein Duplikat der olympischen Fackel. Und es gibt noch so viele Fragen der Medienvertreter zu beantworten. Routiniert absolviert der 27-Jährige die Programmpunkte. Er weiß: „Das gehört eben auch dazu.“

Leistung und Gegenleistung

Ein Kerl wie ein Baum, 2,01 Meter groß, knapp 130 Kilogramm schwer, Schuhgröße 50; Harting sieht sich inzwischen „als Unternehmer, der Sport ist meine Existenz“. Leistung, Gegenleistung. Weite Würfe, Erfolge, Sponsorenverträge. „Lockerlassen geht nicht“, hat er erkannt, „das hätte sofort Konsequenzen für mich.“ Doch der Berliner ist top, inzwischen ist er der bekannteste und erfolgreichste Leichtathlet Deutschlands. Er kann von seinem Sport gut leben, „im Moment“, wie er sagt, denn angesichts seiner Erfolge und mit Blick auf die Zeit nach dem Leistungssport empfindet er seine Bezahlung als nicht angemessen. Dazu fällt ihm auch ein, dass einer wie der polnische Olympiasieger Piotr Malachowski eine lebenslange Rente als Gold-Bonus bekommt.

Er weiß, dass eine Sportlerkarriere endlich ist. „Wir sind alle Helden auf Zeit.“ Wobei er als Werfer mit 27 Jahren eigentlich noch viele gute Jahre vor sich haben dürfte. Dass der Sport allerdings auf die Knochen geht, steht auch fest: „Ich werde mit 55 wohl kaum ein Enkelkind hochwerfen können.“

Harting macht im Anzug ebenso eine gute Figur wie in durchlöcherten Jeans, benötigt Maßanfertigungen. „Körper und Kopf sind auch nicht von der Stange“, stellt er fest. Stimmt.

Er ist nicht Robert Harting, nicht Robert, nicht „Shaggy“, wie ihn seine Freunde nennen, er ist „der Harting“. Selbst hat er sich so auf seiner Internetseite tituliert.

„Der Harting“ ist eine Marke. Ist dazu geworden, hat sich entwickelt. Aus einem, der nicht selten aneckte, der zu schnell unbedachte Sätze abgefeuert hat und sich dann wunderte, welch verheerende Wirkung seine Worte als öffentliche Person hatten. Ob es nun gegen DDR-Dopingopfer ging oder gegen den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV).

Noch bei der Heim-WM 2009 im Berliner Olympiastadion war er der Unkontrollierbare, der sich nach dem ersten WM-Sieg nicht nur spektakulär sein Trikot zerriss, sondern dem auch besagte Äußerungen auf die Füße fielen. Da hat er Prügel bezogen, was ihn den Erfolg nicht richtig genießen ließ. Nur wenige, wie der damalige DLV-Vizepräsident Eike Emrich, hatten Verständnis, weil sie erkannten, dass der scheinbar grobe Klotz, dieser Bad Boy auch ganz anders sein kann. Dass hinter der damals polarisierenden Fassade ein sensibler Mensch steckt. Bereits als Kind und Jugendlicher war es ihm wichtig, der Beste zu sein. Seine Mutter sollte Recht behalten, die ihm einmal als Trost mitgab: „Denen zeigst du es später allen!“ Die Kindheit war geprägt davon, dass es den Eltern finanziell nicht gut ging. Die Wohnsituation in Cottbus war mehr als bescheiden.

Harting wurde wegen seiner sozialen Herkunft gehänselt, „nur so'n Kullerkeks“ sei er gewesen. „Ich wollte da rauskommen, wollte, dass es mir und meiner Familie mal besser geht.“ Mit 15 Jahren kam das Diskus-Talent nach Berlin, ans Sportgymnasium Hohenschönhausen. Tätowierung am Unterarm und Piercing an der Augenbraue gehörten zum Erscheinungsbild, Konflikte regelte er während seiner Sturm- und Drangzeit gern mal handfest.

Er kam immer mehr ins Rampenlicht. Wegen seiner sportlichen Leistungen, aber eben auch wegen seiner Sprüche. Nach den Ereignissen bei der WM 2009 begann der große Lernprozess. „Ich habe mich zurückgenommen“, sagt Harting heute. Er hat sich weiterentwickelt im Vergleich zu der Zeit, als er oft auch „zu naiv“ gewesen sei. Was jedoch nicht heißt, dass er sich hat verbiegen lassen. Er ist gradlinig geblieben, lässt sich nicht den Mund verbieten, sagt klar seine Meinung. Er hat seine Lektion gelernt, hat durchschaut, dass er früher oft für eine knallige Schlagzeile missbraucht wurde: Wenn ihm das entsprechende Stichwort gegeben wurde – und Harting im Interview dann einen rausgehauen hat. Die Zeiten ändern sich. Was heute abseits der Normalität liege, sei „der Mainstream von morgen“. Und stromlinienförmig, glatt, nein, das will er partout nicht sein. Ist er auch wirklich nicht. „Meine wenigen Sponsorenpartner wissen, was sie kriegen, wenn sie den Harting kaufen. Ich muss mich nicht anpassen – darauf bin ich stolz.“

Als „wahrscheinlich letzte Warnung“ hat es der Stabsunteroffizier im Herbst 2009 empfunden, als sich die Bundeswehr wenig amüsiert darüber zeigte, was er so alles von sich gegeben hatte. „Ich wäre zu einem Kommunikationsseminar verdonnert worden, da ich so etwas aber sowieso in meinem Studium machen musste, wurde es mir erlassen.“

Neue Welt an der Uni

Das Studium, das der Sportsoldat, dessen Arbeitgeber die Bundeswehr ist, damals begonnen hat und bei dem er geblieben ist: Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK. Es ist eine Herkulesaufgabe, Sport und Ausbildung nebeneinander gebacken zu kriegen. Oft hat er das Gefühl, dem Studium nicht so gerecht zu werden, wie es sein Anspruch ist.

Begeisterung schwingt mit, wenn er über Studium und Uni spricht, die Bildung, die neue Welt, die sich ihm da aufgetan hat. Wie er Schiss vor den ersten Referaten gehabt hat, weil sich die anderen Studenten im Gegensatz zu ihm so toll ausdrücken konnten. Wie er aber gewachsen ist mit den geistigen Herausforderungen. Hinter niemandem muss er sich inzwischen mehr verstecken.

Und doch ist Harting ein Grübler geblieben. Einer, der schnell zweifelt, wenn es im Training nicht so läuft. Der es sich selbst schwermacht, weil seine eigenen Erwartungen so groß sind. Er müsse sich selbst mögen, erklärt er – und fügt gleich an: „Das ist bei mir sehr schwer.“ Er hat schwierige Phasen durchlebt, geplagt von Selbstzweifeln. Für ihn ist in diesen Zeiten ein Glas immer halb leer, nie halb voll, die Negativspirale dreht sich unaufhaltsam, er wandelt nahe an der Depression. Als nach einer Knieoperation im Herbst 2011 der Heilungsprozess nicht voranging, die Schmerzen nicht weggingen, wollte er im Februar 2012 am liebsten „alles hinschmeißen“. Es war die Zeit seiner größten Krise. Schon seit Monaten hatte er darunter gelitten, „dass alle was von mir wollten“. Trainer, Uni, Bundeswehr, Medien, Sponsoren. Vergeblich versuchte er, allen Ansprüchen zu genügen. Dazu kam es nach acht Jahren Beziehung auch noch zur Trennung von seiner Freundin. Am Ende seiner seelischen Kräfte fühlte er sich, war orientierungslos, nach langem Überlegen nahm er professionelle Hilfe bei einem Psychologen in Anspruch.

Jetzt ist er psychisch wieder im Gleichgewicht, das fragile Knie wird halten, hofft er. Einen Mentaltrainer vor den Spielen benötige er auch nicht: „Mir reicht es, als Mentaltraining die Kalendertage bis Olympia runterzuzählen.“ Am 7. August um 20.45 Uhr MESZ steht das olympische Finale auf dem Programm. Es soll sein goldener Abend werden. Vielleicht hilft ja auch das vierblättrige Kleeblatt.