Olympia 2012

Wasserspringer Patrick Hausding liebt die Höhe

Berliner Olympia-Hoffnungen: Der Wasserspringer ist schwindelfrei und riskiert schmerzhafte Bauchklatscher - für eine Medaille.

Foto: David Heerde

Zum Glück ist da diese große Glasscheibe, die Patrick Hausding vor dem Abgrund trennt. Der 23 Jahre alte Berliner liebt offenkundig schwindelerregende Höhen. „50 Meter müssten das locker sein“, sagt er und blickt aus den Panoramafenstern des Sky-Café in der zwölften Etage des andel's Hotel. „Wenn unten Wasser wäre, würde ich springen. Ich glaube nur, dass ich das nicht überlebe. Ich bräuchte irgendeinen Schutz.“ Angst? „Nein, alles ganz easy“, sagt er und blickt auf seine Heimatstadt. Wäre da diese Glasscheibe nicht, er würde sich wahrscheinlich direkt an den Rand des Raumes setzen, die Füße in die Tiefe baumeln lassen und sich womöglich noch nach vorne beugen. Allen anderen Gästen ist auch so schon angst und bange.

Hausding aber ist schwindelfrei, furchtlos und fast schmerzfrei. Und er ist nicht nur in diesem Café oben angekommen, sondern auch als Wasserspringer. Dort oben in der Weltspitze gefällt es ihm, dort will er bleiben. Bei den Olympischen Spielen in London (27.7.–12.8.) möchte er wie vor vier Jahren eine Medaille holen. Angst vor dem Fallen hat er trotz eines fatalen Absturzes nicht.

Von hier oben aus dem Café kann Hausding einen großen Teil seines Alltags überblicken. „Aufgewachsen bin ich in Lichtenberg – da drüben. Und dort hinten wohne ich mittlerweile mit meiner Freundin, in Weißensee“, sagt er und zeigt aus dem Fenster. „Eine nette Gegend, und ich habe es nicht so weit zum Training. Da unten, in der Schwimmhalle Landsberger Allee, trainiere ich täglich.“ Er wäre in fünf Minuten dort, wenn er jetzt üben müsste.

Im Alter von sieben Jahren wurde Hausding bei einer Sichtung in seiner Grundschule entdeckt. Aus dem Jungen kann etwas werden, dachten sich die Trainer und behielten recht. 15 Medaillen hat der Berliner bisher bei Europameisterschaften gesammelt – im Einzelwettbewerb sowie mit seinen Synchronpartnern Sascha Klein (10-Meter-Turm) und Stephan Feck (3-Meter-Brett). Alleine fünf seiner sieben EM-Titel gewann er als Duo mit Klein (Riesa). Gemeinsam sprangen sie auch zu Olympia-Silber 2008 in Peking sowie zu Platz zwei bei den Weltmeisterschaften 2011 in Shanghai. Aber da ist noch etwas, ein Erfolg, der Hausding von allen anderen unterscheidet. Bei den Europameisterschaften 2010 in Budapest gelang es ihm als erstem Wasserspringer, in allen fünf Disziplinen eine Medaille zu holen: alleine vom Ein- und Drei-Meter-Brett, vom Turm und in beiden Synchronwettbewerben. „Das war ein Highlight. Ich bin gesprungen wie eine Maschine“, sagt er.

Dabei ist der Berliner für einen Wasserspringer mit 1,80 Metern relativ groß. Hausding hat längere Wege, um beispielsweise in die Hocke zu kommen. „Das ist in Ordnung, ich komme gut damit klar“, sagt er. „Fürs private Leben ist es vielleicht sogar besser. So als Mann.“

Wie hoch kann es nach der Erfolgsbilanz der vergangenen Jahre nun in London gehen? Der Erwartungsdruck ist hoch, zumal der 23-Jährige hierzulande so etwas wie die Frontfigur seiner Sportart ist. „Es ist blöd zu sagen, ich will hinfahren und gut springen“, sagt Hausding und blickt auf einen Ring an seiner rechten Hand. Es ist nicht einfach irgendein Schmuckstück, sondern eine silberne Erinnerung an die Spiele von Peking. Zusammen mit Klein und Teamkollege Pavlo Rozenberg hatte er sich diesen Ring nach den Spielen 2008 schmieden lassen. „Sascha und ich wollen wieder eine Medaille gewinnen. Das ist das klare Ziel, darauf arbeiten wir hin“, sagt Hausding, der zudem alleine vom Turm und vom Drei-Meter-Brett antritt. Die größten Chancen aber hat er gemeinsam mit Klein. „Am Druck soll es hoffentlich nicht scheitern“, sagt er.

Unfall bei Routinesprung

Und auch der Faktor Angst wird keine Rolle spielen. Eigentlich müsste es doch selbstverständlich sein, so mag man denken, dass ein erfolgreicher Wasserspringer ohne zu großen Respekt die Treppe zum Turm nach oben steigt. Schließlich steht er täglich beim Training dort oben, blickt hinunter und springt. Das gilt auch für Hausding. Doch es wäre nur allzu verständlich, hätte er ein bisschen Angst vorm Fallen bekommen.

Es war im Februar dieses Jahres. Hausding stand bei einem Wettkampf in Rostock auf dem Turm; der dreieinhalbfache Auerbachsalto stand auf dem Programm. Was für Laien waghalsig klingt, ist für ihn ein Routinesprung. Doch Hausding berührte mit den Füßen die Plattform, verlor die Orientierung und knallte mit Tempo 60 wie ein Brett waagerecht auf die Wasseroberfläche. Wochenlang war sein Körper danach blau.

„Das beeinflusst mich nicht mehr“, sagt er heute. „Als ich den Sprung das erste Mal wieder probierte, hatte ich etwas Angst. Ich habe ihn seitdem aber etliche Male gemacht – auch in hoher Qualität.“ Manchmal jedoch, das muss er zugeben, kriechen die Erinnerungen in ihm hoch, wenn er auf dem Turm steht. „Vielleicht einmal von zehn Sprüngen. Ich kann damit umgehen“, sagt Hausding. Denn er weiß: Es war kein technischer Fehler, sondern Übermut. Und mit Übermut kennt er sich aus, erzählt er trocken.

Von hohen Dingen sei er schon als Kind mit Freude hinunter gesprungen. „In der Jugend war ich ziemlich risikofreudig. Das ging auch öfter schief“, sagt er. Da war zum Beispiel der gebrochene Arm vom Trampolinspringen oder der Bänderriss im Fuß, den er sich bei einem Sprung im Treppenhaus zugezogen hatte. Hausding könnte noch mehr Zwischenfälle aufzählen. Seinen Bauchklatscher in Rostock findet er im Vergleich weniger schlimm. Denn trotz allem hatte der Berliner noch Glück und zog sich keine Brüche oder inneren Verletzungen zu. Spaßig war es dennoch nicht. Hausding aber berichtet in allen Details und vollkommen ruhig von den Folgen des Aufpralls. Wer ihn dabei nur beobachtet und nicht hinhört, könnte denken, er spricht über eine Lappalie. „Die Bauchdecke war ein bisschen aufgeplatzt. Ich hatte ein paar offene Wunden, meine Augen waren blau. Die Oberschenkel waren blau. Alles war dunkelblau. Ich musste eine Stunde lang ein bisschen husten“, sagt er. Es ist der Gedanke daran, was alles hätte passieren können, der ihm die Gelassenheit gibt. Hinzu kommt die Gewissheit, dass die Ursache kein technischer Fehler war, der sich im Sprung einschleichen könnte.

Auch im übertragenden Sinne schiebt Hausding die Angst vorm Fallen von sich. An sportliches Versagen will er keinen Gedanken verschwenden. Eines aber hat er dennoch im Hinterkopf: „Olympische Spiele sind natürlich immer der Maßstab, an dem wir gemessen werden. Und wer weiß, vielleicht sind es die letzten gemeinsamen Spiele für Sascha und mich“, sagt Hausding. Für selbstverständlich nimmt er einen Start vier Jahre später in Rio nicht. „Es wäre natürlich hart, wenn wir in London nicht das auf die Reihe bekommen, was wir uns vornehmen“, sagt er. „Aber es liegt schließlich an uns.“