Olympia 2012

Natascha Keller träumt vom Hockey-Finale

Berliner Olympia-Hoffnungen: Hockey-Spielerin Natascha Keller erlebt ihre fünften Spiele und darf vielleicht die deutsche Fahne tragen.

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Wer weiß, wie alles gekommen wäre, hätte sie sich doch für Tennis entschieden, damals. Darüber denkt sie jetzt, gegen Ende ihrer Karriere, manchmal nach. Mit 13 Jahren war sie in ihrer Altersklasse die beste Spielerin in Berlin, zählte in Deutschland zu den Top 3. Schwankte hin und her zwischen Einzel- und Mannschaftssport. Heute, gut 20 Jahre später, sagt Natascha Keller ohne Reue: „Tennis hätte vielleicht mehr Geld gebracht. Aber mehr Freude und Glück als im Hockey hätte ich nicht haben können.“

So spricht eine, deren Tage weniger Trainingsqualen oder verpasste Chancen geprägt haben, sondern vor allem anderen der Spaß. „Ich hab einfach Freude daran, immer noch“, sagt Keller. 20 Jahre Leistungssport stecken ihr in den Knochen, seit 20 Jahren wird sie den Schorf an ihren Knien und Ellenbogen nicht los von den vielen Stürzen. Mit über 400 Länderspielen ist sie Rekordnationalspielerin – weltweit. Niemand weiß genau, wie viele Tore die Stürmerin insgesamt geschossen hat, auch sie selbst nicht. Unzählige. Mehr als 200 waren es allein für das Nationalteam.

Konkurrenz hat großen Respekt

Dennoch wird sie einmal weniger wegen solcher Zahlen in Erinnerung bleiben. Anfang des Jahres bei der Champions Trophy in Argentinien unterhielten sich deutsche Nationalspielerinnen mit ihrer südamerikanischen Konkurrenz. Die Deutschen lobten Luciana Aymar, den Weltstar dieser Sportart, siebenmal zur Welthockeyspielerin des Jahres gewählt. „Jaja“, antworteten die Argentinierinnen ehrfürchtig, „aber ihr habt Natascha Keller – sie ist noch größer.“ Obwohl die Berlinerin nur einmal diesen Titel erhielt, 1999.

Mag sein, dass es die Art und Weise ist, wie sie viele ihrer Treffer erzielt hat. Tore sind in jeder Spielsportart das Highlight, und Tore sind ihre Spezialität. Besondere Tore. Manchmal krachend, mit der technisch sehr anspruchsvollen „argentinischen Rückhand“, geschlagen mit der Rückhandkante des Schlägerschafts. Dann wieder zaubernd, verspielt, ballverliebt. Ihr älterer Bruder Andreas, der sie früher beim Berliner HC eine Weile trainiert hat, erklärt es so: „Natascha streichelt den Ball, macht Dinge, die niemand nachvollziehen kann. Als Trainer musst du sie nicht mit komplizierter Taktik überfordern. Lass sie einfach machen, aus dem Bauch heraus spielt sie ihr bestes Hockey.“ Auch der Bundestrainer hat die Älteste in seinem Kader vor London nie zur Disposition gestellt. „Sie ist überall als freundliche und zurückhaltende Person bekannt. Am lautesten lässt sie ihre Leistung sprechen“, charakterisiert Michael Behrmann seinen stillen Star. „Und wenn sie gesund ist, kann sie immer noch Spiele allein entscheiden, auch international.“

Nicht deshalb allerdings wird sie in London bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne tragen. Eher schon, weil sie 2004 in Athen bereits Olympiasiegerin wurde und es ihre insgesamt fünften Spiele sind – auch dies ein Rekord im deutschen Hockey. Und dann ist da natürlich noch ihre Familiengeschichte. Die ist so abgefahren, so einmalig auf der Welt, dass sie Platz braucht.

Erwin Keller, Nataschas Großvater, gewann 1928 in Amsterdam die olympische Bronze- und 1936 in Berlin die Silbermedaille. So fängt die Geschichte an. Ihr Vater Carsten wurde 1972 in München der erste Olympiasieger der Familie. Aus zwei Ehen hat er vier Kinder - Torsten, Andreas, Natascha und Florian - die insgesamt fünfmal das Finale erreichten. Andreas Keller holte Silber 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul, Gold 1992 in Barcelona. Dann folgte Natascha 2004 mit dem Triumph von Athen, vier Jahre später ihr Bruder Florian, der bei seinen ersten und einzigen Olympischen Spielen ebenfalls gleich Gold holte. Man kann zusammenfassen, dass an jedem der vier deutschen Hockey-Olympiasiege ein oder eine Keller beteiligt war.

Hockey ist Familienangelegenheit

Legendär sind die Familienfeste der Hockey-Dynastie, deren Ende nicht absehbar ist, auch wenn Natascha Keller nach London ihre aktive Laufbahn beenden will. Denn dort treffen sich schon die Aspiranten der vierten Generation mit den Altinternationalen. Felix und Luca Wild etwa, Söhne aus einer früheren Beziehung zwischen Andreas Keller und Anke Wild, Silbermedaillengewinnerin in Barcelona. Natürlich im Hockey. Felix ist Kapitän der U21-Nationalmannschaft, Luca trägt das Trikot der deutschen U16. Jetzt ist Andreas verheiratet mit Louisa Keller, ehemals Walter; sie wurde gemeinsam mit Natascha Olympiasiegerin in Athen. Sie haben zwei kleine Töchter; die ältere, Lilly, trainiert schon fleißig. Zu den jüngsten Familienfesten kam Lina Carnap, Tochter von Torsten Keller-Carnap, gern in Begleitung ihres Freundes Jonas Gomoll. Beide spielen in der Bundesliga für den Berliner HC. Gomoll gilt wie sein Teamkollege Felix Wild als kommender Nationalspieler.

Das soll jetzt erst mal reichen.

Natascha Keller liebt diese Patchwork-Treffen. „Das ist immer lustig. Und es ist doch toll, in so einer Familie groß zu werden“, sagt sie, „ich frag mich ja manchmal selbst: Wie kommt das? Da sind so viel Talent und so viel Freude. Irgendwie landen alle beim Hockey.“ Gezwungen wurden sie und ihre Geschwister nicht, nur gefördert. Carsten Keller hat alle seine Kinder in der BHC-Jugend trainiert. Alle vier wurden anschließend Juniorennationalspieler – mindestens. „Er hat mir den Weg geebnet, aber gleichzeitig alle Freiheiten gelassen“, erzählt Natascha Keller, die neben dem Sport eine Ausbildung zur Betriebswirtin absolvierte und in diesem Beruf jetzt auch arbeitet, „bis heute mischt er sich selten in etwas ein. Höchstens macht er mal einen konstruktiven Vorschlag.“

Früher hat sie sich mit ihrem Bruder Florian auf dem Balkon der elterlichen Wohnung harte Hockey-Duelle geliefert, später auch viele andere sportliche Zweikämpfe. Beide liebten schon damals den Wettkampf. Doch obwohl sie vier Jahre älter ist, gewann am Ende immer Florian. Knapp, aber zuverlässig. Dann kamen die Deutschen Meisterschaften mit dem BHC-Nachwuchs, dann die ersten Bundesligaspiele im Alter von 15 Jahren.

Warum hat sie so lange durchgehalten, länger als alle, mit denen sie begonnen hat? „Die Zeit ist gerannt. Ich sehe mich noch vor mir als Nesthäkchen, das ganz frisch zu den Damen kam“, sagt sie. Von schweren Verletzungen wurde sie in ihrer Karriere weitgehend verschont. Mit Anfang 20, staunt sie selbst, war sie anfälliger als jetzt. Einen Ermüdungsbruch hatte sie mal, einen nicht richtig auskurierten Bänderriss, der sich prompt zu einer langwierigen Knöchelentzündung auswuchs. Und in all den Jahren nur einen Fingerbruch. „Ich hatte nie Zerrungen. Je älter ich wurde, desto weniger Wehwehchen hatte ich.“

Freude für den Bruder

Aber Wehmut vielleicht, jetzt, wo das Karriereende näher rückt? Noch nicht, weil sie so weit voraus gar nicht schaut. Zunächst einmal freut sie sich auf London. Bei seinen fünften Spielen „weiß man ja, was kommt: das Größte, was man im Sport erleben kann. Eine Welt für sich, wo alle sich im Dorf treffen, neue Bekanntschaften machen“. Im Vergleich zu Peking wird ihr das gemeinsame Familienerlebnis mit Florian fehlen. Dort wurden Deutschlands Damen nur Vierte, Natascha Keller hätte tief enttäuscht sein können. Sie war es nicht, weil ihr Bruder Florian, so oft vom Verletzungspech verfolgt, Gold holte. Endlich. „Das war einer meiner schönsten Momente im Sport“, sagt sie.

So wie der Empfang auf dem Flughafen Tegel nach den Spielen in Athen. „Ich hab nur gestaunt: Wo kommen denn bloß all die Menschen her?“ Rund 300 waren es – sie ist halt kein Fußballprofi. Trotzdem war Natascha Keller sehr berührt, genauso wie vom folgenden Autokorso über den Kudamm zum Klubhaus, das ganz in Gold geschmückt war. „Da hat man gesehen, dass wir eine noch viel größere Hockey-Familie sind.“

Ob es das noch einmal gibt? In dem Punkt weiß man eben nicht, was kommt. Platz sechs 1996 in Atlanta, Siebte in Sydney, der Olympiasieg in Athen, vierter Rang in Peking – und nun? Das Halbfinale wird dem deutschen Team allemal wieder zugetraut. Keller fühlt sich gut in Form, auch weil sie mittlerweile lieber Athletik als das Hockeyspiel an sich trainiert. „Athletik ist wichtig“, weiß sie, gerade im – pardon – reiferen Alter. Ohne Schnelligkeit und Härte klappt auch die Zauberei nicht. Außerdem, hat Natascha Keller festgestellt, sind ihre Kreativität und Spielfreude größer nach einer kleinen Spielpause. „Jetzt habe ich noch einmal ein großes Ziel vor Augen“, sagt sie, „danach ist Schluss. Man genießt diese Tage.“

Obwohl: So ganz Schluss ist natürlich nicht, ein Leben ohne Sport ist ja nicht wirklich denkbar. Natascha Keller freut sich sogar jetzt schon ein bisschen auf die Verbandsspiele, wo sie gemeinsam mit ihrer Schwägerin Louisa antreten will. In der Ü30. Im Tennis.