London 2012

Lena Schöneborn sind fünf Disziplinen nicht genug

Berliner Olympia-Hoffnungen: Lena Schöneborn trainiert viel für den Modernen Fünfkampf und ganz nebenher macht sie noch ihr Studium.

Foto: M. Lengemann

In der Reitanlage Pichelsberg herrscht schon reger Betrieb, als Lena Schöneborn eintrifft. Kira, der Hund ihrer Reitlehrerin, begrüßt die Olympiasiegerin fröhlich. Auch die 26-Jährige hat gute Laune, obwohl es erst 8 Uhr ist. Und obwohl Romina bockt. Die Stute, mit der sie heute trainiert, ist offenbar nicht so eine Frühaufsteherin, eher ein Morgenmuffel. Sie mag nicht aus ihrer Box kommen und stößt sich bei dem ganzen Gezerre prompt den Kopf. Kein Grund zur Aufregung – die junge Frau hat die Ruhe weg. Eine halbe Stunde später ist Romina gestriegelt, gezäumt, gesattelt und gar nicht mehr bockig. Die zierliche Sportlerin braucht einen Steighocker, um auf den Rücken des großen Tieres zu klettern. Sie kiekst dabei, denn sie weiß: Das sieht jetzt ein bisschen komisch aus. Aber wir sind ja hier nicht bei den Apachen. Sondern bei einer Modernen Fünfkämpferin, die in London zum zweiten Mal Gold holen möchte.

Dafür investiert sie sehr viel. Sechs Trainingstage hat ihre Woche. Das Programm: vier- bis fünfmal Fechten, fünfmal Schwimmen, dreimal Reiten, drei- bis viermal Schießen, sechsmal Laufen. Das sind die fünf Disziplinen ihrer Sportart. Häufig joggt sie sonntags zusätzlich, und vor London hat sie noch eine Reiteinheit draufgepackt. Ein solches Pensum fordert eiserne Disziplin und Organisationsfähigkeit. Beides hat sie, aber damit noch immer nicht genug. Nebenher studiert Lena Schöneborn an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Den Bachelor hat sie schon, im Sommer folgt der Master im International Marketing Management. Eine Stelle bei der Bundeswehr und damit vorübergehend ein sicheres Einkommen wäre die Alternative gewesen. Nicht ihr Ding: „Bei dem ganzen Training wollte ich lieber noch etwas für den Kopf haben.“

Geschossen wird mit Laserstrahlen

Jetzt reitet sie. Zuerst Dressur, danach wird gesprungen. Ihre Reitlehrerin Maja Schurig sagt: „Lena hat eine gute Technik. Und sie hat Gefühl für Pferde.“ Ohne Pferdeverstand geht es nicht im Fünfkampf, Reiten ist die komplizierteste Disziplin einer ohnehin komplizierten Sportart. Beim Wettkampf werden die Pferde den Startern zugelost, nur wenige Minuten gibt es zum Kennenlernen. Und los geht’s. Da kann man Glück oder Pech haben. Wenn Fünfkämpfer abends zusammensitzen und Schoten aus ihrem Sportlerleben erzählen, fehlen die Pferdegeschichten nie. Wie jene von Schöneborn bei der Europameisterschaft 2009 in Leipzig, als ein Biest namens Paula sie vor Hindernis sieben scharf bremsend in den Parcoursstaub schickte. Blanker Horror war das. In London, sagt sie, „haben sie gute Pferde“. Die Generalprobe letztes Jahr in London hat die Olympiasiegerin gewonnen.

Pferdepflege dauert, erst zwei Stunden später kommt Schöneborn im Leistungszentrum Schießen im Olympiapark an. Die paar hundert Meter hat sie mit dem Kleinwagen eines Sponsors zurückgelegt. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie in dem kleinen Franzosen alles verstaut, was sie für ihre Übungen braucht. Reitstiefel, Laufklamotten, Badeanzug, Degen, Handtücher. Und ihre Pistole, die LP 300 XT von Walther. „LENA“ steht in bunten Buchstaben auf der einen, „GER“ auf der anderen Seite. Geschossen wird nicht mehr mit Patronen, sondern mit Laserstrahlen. Moderne Zeiten. Nur Zeugwarte wie in anderen Sportarten gibt es leider nicht. Hier ist jeder sein eigener Zeugwart. Sie trainiert mit Janine Kohlmann, Delf Borrmann und Alexander Nobis, Kollegen aus der Nationalmannschaft. Bundestrainerin Kim Raisner gibt die Kommandos.

Schokolade im Training

Zunächst wird trocken geübt. Waffe anlegen, abdrücken, auf dem Tisch aufsetzen, spannen, wieder anlegen. Es geht noch trockener. Hinsetzen, Augen zu, Bewegungsablauf im Kopf durchspielen. Die Bundestrainerin sagt: „Stellt euch vor, ihr kommt aus dem Laufen an den Schießstand.“ Danach wird endlich richtig geschossen. Es knallt sogar ein bisschen. Raisner hat für einen internen Wettkampf Schokoriegel mitgebracht. Nobis darf naschen, weil er alle drei direkten Duelle gewonnen hat. Schöneborn verliert dreimal. „Eindeutiges Ranking“, brummt sie.

Eigentlich schießt sie mit rechts, aber geübt wird auch mit links. So werden beide Hirnhälften trainiert, und es entsteht keine einseitige Armbelastung, immerhin wiegt die Waffe ein Kilogramm. Dazu kommt der psychische Effekt: Man merkt, wie gut es mit der besseren Seite läuft. „Lena schießt eher langsam, aber sie ist dabei sehr fokussiert“, sagt die Trainerin. Und in allem sehr ehrgeizig: „Eine Perfektionistin“, sagt Raisner. „Ich will überall gut sein“, erklärt ihre Musterathletin lapidar, „dann bin ich zufrieden und automatisch vorn dabei.“

„Sie war noch nie so gut in Form“

Meistens kommt sie gut in den Wettkampf, denn die erste Disziplin ist Fechten (das heute nicht trainiert wird). 2008 in Peking gewann sie 28 ihrer 35 Duelle: olympischer Rekord. Jede ficht gegen jede, ein Treffer entscheidet über Sieg und Niederlage. Wird innerhalb einer Minute kein Treffer gesetzt, haben beide verloren. Schöneborn ist unter den Fünfkämpferinnen eine der Besten mit dem Degen. Eigentlich sollte sie das im Schwimmen sein, denn vom Wassersport kam sie einst zum Fünfkampf.

Vom Schießstand zum Forumbad der Wasserfreunde Spandau sind es nur wenige Schritte. Kurze Wege sind das Ziel. Der Olympiapark ist das Zentrum allen Übens für die Pentathleten, wie sie international genannt werden. Schwimm- und Lauftrainer Peter Deutsch wartet schon. Es ist sehr laut, hier sind auch Kitagruppen am Start. Irgendwo mittendrin in dem Gewusel trainieren auf zwei Bahnen die Olympiakandidaten. Die Distanz beträgt heute in Intervallen und mit Pausen vier Kilometer. Die härtesten Minuten der rund eineinhalb Stunden im Wasser sind die 4x400 Meter Kraul in Steigerungstempo. Im Wettkampf muss Schöneborn nur die halbe Distanz zurücklegen. „Lena hat ein gutes Gefühl fürs Schwimmen, eine gute Wasserlage“, lobt der Trainer. Zwar fehle ihr etwas Kraft im Schulterbereich, das Schwimmerkreuz sozusagen. „Aber seit 2005, seit ich sie kenne, war sie noch nie in so guter Form.“ Schöneborn freut sich, als sie das hört. Bei der WM in Rom im Mai hat sich die Prognose von Deutsch nicht bestätigt – da vergab sie durch eine schwache Leistung im Becken ein noch besseres Abschneiden als Rang fünf.

1000 Meter laufen, fünf Treffer

Jetzt ist Mittagszeit, und es wird eine Kleinigkeit gegessen, in der Sportlerkantine, dem „Greens“. Einfaches, solides Essen. Sie sind oft hier. Anders als die Hertha-Profis, die vor dem Schießen Schöneborns Weg gekreuzt haben, als die ihre ersten zwei Stunden Training schon hinter sich hatte. Gegen zehn Uhr, aber mit einem Gesichtsausdruck, der eher an die Stute Romina erinnerte. Ihr Arbeitstag wird ungleich kürzer und weit weniger anstrengend sein als jener der Fünfkämpferin. Trotzdem haben sie Gehälter, von denen Lena Schöneborn nicht mal träumen kann. Neidisch? „Ach ne, ich finde, so gut haben die es gar nicht. Denen wird ja alles abgenommen – das macht doch total unselbstständig.“ Außerdem, findet sie, geht es ihr gut. Der Olympiasieg hat sehr geholfen. Vattenfall, Adidas, die DKB, Cellagon – Sponsoren haben längst festgestellt, dass Lena Schöneborn nicht nur eine gute Sportlerin ist, sondern sehr sympathisch rüberkommt. Und die Mitgliederzahlen im Deutschen Verband für Modernen Fünfkampf sind auch gestiegen nach ihrem Olympia-Gold.

Die letzten Disziplinen für heute sind ein leichtes Lauftraining mit Deutsch und Nobis sowie zum Abschluss Laufschule, eine Art Techniktraining. Leicht, das bedeutet rund zehn Kilometer in einer Dreiviertelstunde. Die letzte Disziplin war das Laufen schon immer im Fünfkampf, aber seit 2009 wurde es angelehnt an die Wintersportart Biathlon mit dem Schießen kombiniert und heißt jetzt folgerichtig „Combined“: Laufen zum Schießstand, fünf Treffer ins Schwarze aus zehn Meter Entfernung, 1000 Meter laufen, wieder fünf Treffer, wieder 1000 Meter, noch mal schießen und die letzten 1000. Wer zuerst ins Ziel kommt, hat Gold.

Nagellack zur Vorbereitung

„Lena ist eine der stärksten Läuferinnen der Welt“, sagt Deutsch. Zäh sei sie, könne einen sehr langen Spurt anziehen. Das Gelände im Greenwich-Parc kommt ihr außerdem entgegen, ist hügelig. „Vor allem bergauf“, behauptet ihr Trainer, „hält sie keiner“. Mal abwarten, dämpft Lena Schöneborn die Erwartungen. Die Saison ist ja bisher ganz gut gelaufen. Den ersten Weltcup in den USA hat sie gewonnen, bei der WM im Juni in Rom holte sie Staffelgold und wurde Fünfte im Einzel. Doch das sind alles nur Durchgangsstationen für ein viel größeres Ziel: die zweite olympische Medaille.

Noch ist sie ruhig, aber Kim Raisner, die vor Schöneborn die beste deutsche Fünfkämpferin war, weiß, was kurz vor dem Wettkampf passiert. „Lena ist der Typ, der dann nervös wird“, sagt sie, „und ihre Stimme wird noch ein bisschen piepsiger.“ Ihre Athletin lacht darüber. „Am Wettkampftag“, beschreibt sie ihre Stimmung, „bin ich sehr in mich gekehrt.“ Nun entscheidet sich innerhalb weniger Stunden, was drei Jahre Vorbereitung gebracht haben. Am Abend vorher wird sie sich auf ihre ganz eigene Art beruhigen. Da malt sie sich ihre Fingernägel an; jeder Finger bekommt eine eigene Flagge. Am liebsten mag sie Deutschland und – Jamaika: „Die ist so schön bunt.“ So bunt wie ihre Sportart. Wie ihr Tag. Wie ihr Leben.