Olympia 2012

Zwei Freundinnen genießen ihren Traumjob im Sand

Berliner Olympia-Hoffnungen: Die Beachvolleyballerinnen Sara Goller und Laura Ludwig baggern um Gold.

Foto: HOCH ZWEI

Wer würde nicht gern mit ihnen tauschen? Wer sehnt sich nicht nach einem solchen Arbeitsjahr? So geht’s schon mal los: Im Januar und Februar fliegen die beiden jungen Damen gewöhnlich für fünf Wochen ins Trainingslager nach Neuseeland. Im März und April folgen je zwei Wochen auf den Kanarischen Inseln und in Kalifornien. Meistens scheint die Sonne, ihr Hauptarbeitsplatz ist der Strand. Sie ackern und schwitzen im Bikini. Im Laufe des Jahres kommen Turniere in China, Brasilien, Thailand hinzu, ein rundes Dutzend weitere in Europa. Bis Dezember haben sie wieder alle Kontinente durch. Beachvolleyballprofi – ein Traumjob.

Oder?

„Joa, schon“, sagt Sara Goller. Leicht gedehnt kommt das herüber. Soll ja nicht undankbar klingen. Ein Restzweifel schwingt trotzdem mit. Oder besser: ein leises Aber. „Ich glaube, dass viele Leute, die uns jetzt beneiden, das anders sehen würden, wenn sie selbst auf Tour wären.“ Ihre Partnerin Laura Ludwig erklärt: „Das hört sich alles nach viel Spaß und Entspannung an. Aber natürlich steckt da auch sehr viel Arbeit dahinter, viel Organisation.“ Wir reden hier über Profisport. Morgens geht die erste Trainingseinheit zwischen acht und neun Uhr los, abends sind sie nicht vor 19 Uhr zu Hause. Das heißt meistens: im Hotelzimmer. Dazu kommen der Druck und die Erwartungshaltung, bei sich selbst, bei anderen. „Für manche ist es was, für andere nicht.“

Für Sara Goller und Laura Ludwig scheint es was zu sein. Zweimal holten sie den EM-Titel, waren viermal Deutsche Meisterinnen. Seit 2007 wurde im Wechsel stets eine von ihnen zu Deutschlands Beachvolleyballerin des Jahres gewählt. Bei den großen, internationalen Turnieren der Weltserie erreichten sie schon sieben Endspiele – und verloren siebenmal, zuletzt Mitte Juni in Rom. Trotzdem war dies ein besonderer Erfolg für die Blondinen, die für Hertha BSC starten, so wenige Wochen vor den Olympischen Spielen in London. Denn auf dem Weg ins Endspiel schalteten sie Jennifer Kessy/April Ross (USA) und Larissa/Juliana (Brasilien) aus, zwei Weltmeister-Duos, die man nicht bei jedem Anlass besiegt.

Erfolge sind gut für die Seele

Solche Erfolge sind gut für die Seele. Goller/Ludwig liegen auf Rang sechs der Weltrangliste (Achtung Red.: Stand Anfang Juli, vor Turnier in Gstaad). Obwohl sie noch jung sind - die Bayerin Sara Goller 28, die gebürtige Berlinerin Laura Ludwig 26 -, gehören sie seit Jahren zur Weltspitze. Zum Establishment. Zu den Gutverdienern, haben sich einige Reserven zusammengeschmettert und -geblockt. Haben Sponsorenverträge an Land gezogen. Aber dafür sind sie auch ständig auf Achse, schon in ihrer neunten gemeinsamen Saison, rund 300 Tage im Jahr, schätzt Sara Goller. Immer zusammen. Meistens teilen sie sich ein Doppelzimmer.

Wie funktioniert das? Geht Frau sich da nicht irgendwann gehörig auf die Nerven? Kann man so nicht sagen – antworten beide. „Wir waren schon Freundinnen, bevor wir auf Tour gingen“, sagt Sara Goller, „haben zusammen Hallenvolleyball in Leverkusen gespielt, viel gemeinsam unternommen.“ Die Honeymoonzeit sei das gewesen, immer eine Freude, sich zu sehen. Beim Zeitsprung über neun Jahre bleibt sie im Bild: Mittlerweile sei ihr Zusammenleben „ein bisschen wie ne alte Ehe“. Wobei die jungen Frauen das offenbar gar nicht so negativ betrachten, wie es sich für manche anhört.

Zwar kann es schon mal Zickereien geben. „Wir sind Mädels“, sagt Laura Ludwig lachend. Ihre kleinen Krisen laufen in etwa so ab: Die eine ist müde und will ihre Ruhe, die andere ist hellwach und mitteilsam. „Warum sagst du nichts dazu?“ „Was ist denn das jetzt für eine blöde Frage?“ „Wieso ist das eine blöde Frage? Ich wollte doch nur...“ „Ja, aber das machst du immer, obwohl du genau siehst...“ Menschen, die schon mal länger als drei Jahre verheiratet waren, erkennen sinnlose Gespräche wie diese vielleicht wieder.

Aber sie wissen auch: Davon geht die Welt nicht unter. Von einer „gesunden Beziehung“ spricht Sara Goller: „Wir haben uns gern und kennen uns sehr gut.“ Bei keiner dieser kleinen Gereiztheiten würden die Grundfeste erschüttert. Man geht sich mal einen halben Tag aus dem Weg, danach ist es auskuriert. Nicht immer war es so leicht. Zu Anfang ihrer gemeinsamen Karriere gab es eine Phase, wo gewisse Macken zum Vorschein kamen und beide lernen mussten, diese zu akzeptieren. Wenn auch die grundsätzliche Sympathie nie verloren ging – „da waren schon Zeiten, wo wir mit der Andersartigkeit der anderen zu kämpfen hatten“, erzählt Sara Goller. „Aber man wird älter. Es ist eine sehr prägende Zeit, die wir miteinander verbracht haben. Vom unbedarften Teenager bis hierhin, wo man sich um sehr vieles kümmern muss. Und alles viel bewusster macht.“

Sich auch über manches klar wird. Wo man lernt, die Andersartigkeit mehr zu schätzen. Wo man erkennt, dass gerade darin eine Stärke liegen kann. Ist man sich zu ähnlich, kann das limitierend sein. Für eine Ehe wie für ein Beachvolleyball-Duo. „Gemeinsam sind uns die Zielstrebigkeit, der Ehrgeiz, dass wir zusammen auf ein Ziel hinarbeiten“, zählt Sara Goller auf, „unser Verständnis von Sport, Partnerschaft, Kollegialität, Beziehungen innerhalb des Teams, mit unserem Trainer – da ziehen wir an einem Strang. Trotzdem sind wir als Persönlichkeiten sehr unterschiedlich. Genau das ist, was uns stark macht.“

So kann es gut passieren, dass sie sogar in ihrer knapp bemessenen Freizeit gemeinsam etwas unternehmen. Man zwingt sich nicht dazu, geht sich aber auch nicht bewusst aus dem Weg, es kommt, wie es passt. Natürlich haben bei der Rückkehr nach Hamburg, wo sie leben, auch mal andere Menschen Vorrang. Die Familien. Männer. Laura Ludwig hat sich erst vor ein paar Monaten von ihrem Freund getrennt, nach fünfeinhalb – mehr oder weniger – gemeinsamen Jahren. Damit das klar ist: „Es lag nicht am Beachvolleyball.“ Bei Sara Goller hält die Beziehung seit sechs Jahren. Bevor jetzt die Frage kommt: „Nein, er spielt nicht Beachvolleyball!“

Wird London der Abschluss?

Auch das ist ein Aspekt des Traumjobs: Jeder kann sich vorstellen, dass es nicht einfach ist, so eine Liebe am Leben zu erhalten. „Wir planen das ganz gut“, sagt die 28-Jährige, „wir sind zwar vier bis fünf Wochen weg, aber dann haben wir ja auch wieder vier oder fünf Tage zu Hause.“ Klingt nicht so toll. „Wir haben diese Inseln über das Jahr, über die man sich rettet“, beharrt sie. Es sei sicher nicht einfach, so jemanden zu finden, der das toleriert, aber: „Mein Freund macht das ganz gut.“

Dann gibt es noch einen weiteren wichtigen Mann in ihrem gemeinsamen Leben, mit ganz anderen Aufgaben. Seit 2009 ist Craig Seuseu ihr Trainer, ein Neuseeländer, der das Duo gleich im ersten Jahr bis auf Platz eins der Weltrangliste führte. Schnell hat er erkannt, „wie gut Sara und Laura sich ergänzen“. Beide schlügen sehr gut auf, Goller sei die bessere Athletin, eine sehr fokussierte Wettkämpferin, analysierte er. Sie gehe auch im Training bis an die Schmerzgrenze. Ludwig lese das Spiel sehr gut, war anfangs besonders stark in der Abwehr. Mittlerweile hat sie sich weiterentwickelt – im vergangenen Jahr kürte sie der Weltverband FIVB zur besten Angreiferin auf der Tour, zum „Best Offensive Player“. Beide sind überzeugt von Seuseu. „Er ist unser bester Trainer bisher, mit viel Herzblut dabei“, lobt Laura Ludwig. Und in seltenen Fällen ist der Neuseeländer sogar im zwischenmenschlichen Bereich wichtig, wenn es doch mal Diskussionsbedarf gibt: „Er ist auch eine objektive Instanz. Und er ist gut im Gespräche führen und leiten.“

Was noch fehlt in ihrer Karriere, ist ein durchbrechender Erfolg bei einer Weltmeisterschaft oder Olympischen Spielen. Eine Medaille am besten. „In Peking waren wir ein bisschen zu nervös“, schildert Laura Ludwig, dort war in der Runde der besten 16 Schluss. Auch bei einer WM sind sie bisher nie über ein Achtelfinale hinausgekommen. In London soll das klappen. Ein schöner Abschluss, wünschen sie sich den jetzt?

Mal abwarten. Zumindest ist nach den Spielen der Zeitpunkt da, über alles nachzudenken, Pro und Kontra abzuwägen, Bilanz zu ziehen. Dass sie bis London weitermachen, war immer klar. Jetzt gehen sie, sachte, sachte, auf die 30 zu. Beide haben Abitur, aber für ihre berufliche Zukunft noch nicht groß was getan. Wenn sie ein Studium beginnen wollen, müssen sie jedenfalls nicht kellnern gehen, um das zu finanzieren, können die Sache entspannt angehen. Wenn nicht, wenn sie doch weiter schmettern und pritschen, muss eines klar sein: „Dann geht es um vier Jahre“, sagt Sara Goller, „dann heißt es: nur das, und zwar zu hundert Prozent.“

Aber das ist die Frage, die sie erst nach London beantworten wollen. Jetzt konzentrieren sie sich auf die Olympischen Spiele und den Weg dorthin, freuen sich auf den Grand Slam in Berlin vom 11. bis zum 15. Juli. Ein Zuschauerweltrekord soll dort aufgestellt werden, mit mehr als 18.000 Fans in der Waldbühne. Ach ja, „Beachvolleyball ist ein toller Sport“, schwärmt Laura Ludwig, „es macht noch so viel Spaß.“ Das hört sich nicht nach dem Ende einer Beziehung an. Und 2016 sind die Spiele in Rio de Janeiro. Wer wüsste es besser als sie: Der Strand dort ist auch nicht übel.