Der Ball kommt hoch rein. Sie schafft es gerade so, springt und schlägt ihn mit der Vorhand zurück. Ein gelbes Huschen, knapp über dem Netz. Ihre Gegnerin ist diesmal nicht schnell genug. Ein weiterer Punkt, dann ist es vorbei. Paulina Christe hat auch ihren letzten Satz gewonnen. Die Neunjährige macht das gut, hat schon früh angefangen, Tennis zu spielen. Sport in den Sommerferien? „Na klar!“, sagt sie.
Es herrscht Ausnahmezustand auf den Tennisplätzen des TC Blau-Weiss 1899 in Grunewald. Kaum etwas ist zu spüren von der Laissez-faire-Stimmung, die hier normalerweise herrscht. Keine Drinks auf der Terrasse, keine weiß gekleideten Herren mit Tennisschlägern. Dafür hört man Kinderlachen und natürlich Plop, Plop, Plop – das rhythmische Klatschen des Balls, dem hier alle hinterherjagen. Die Tennisferien sind angebrochen. Eine Woche lang trainieren die Kinder hier zusammen. Sieben Altersklassen gibt es, die jüngsten Teilnehmer sind fünf, die ältesten zwölf Jahre alt. 56 Jungen und Mädchen sind diesmal dabei gewesen.
Für Montag sind schon 70 Kinder angemeldet
„Eine ruhige Woche“, sagt Cheftrainer Miczec Gladek. Für Montag sind bereits mehr als 70 Kinder angemeldet. Berlin hat mit dem Einzug Sabine Lisickis ins Wimbledon-Finale das Tennisfieber gepackt. „Das motiviert“, sagt Gladek mit seinem leichten polnischen Akzent. Der schlanke Mittfünfziger trägt eine weiße Baseball-Kappe über dem kurz geschorenen grauen Haar.
„Lisicki zeigt den Kindern, dass Tennis wichtig ist“, sagt Franziska Behre (32) nach einem kurzen Zögern. Die Anwältin ist gerade aus ihrem Cabrio gestiegen. Auf dem Beifahrersitz liegt eine Zeitung. Auf dem Cover: Sabine Lisicki. Die Sportlerin hat viele Anhänger unter den Nachwuchsspielern. Ihr Name ist jedem ein Begriff. Schon Vierjährige sind von ihr begeistert. Wie Anastasia und ihre Zwillingsschwester Miriam. Fragt man sie nach ihrem sportlichen Vorbild, kommt die erwartete Antwort im Chor.
Hier geht es vor allem noch um den Spaß
Vom echten sportlichen Ernst sind die Tennisferien des TC Blau-Weiss allerdings weit entfernt. Natürlich geht es um ein gewisses Kräftemessen. Vor allem aber um Spaß. Das wird schnell deutlich, als die Siegerehrung beginnt. Entlang des Netzes sind Luftballons aufgehängt. Am Rand warten die Kinder auf das große Finale. Es gilt, Preise abzuräumen. Spielzeug, T-Shirts, Wasserpistolen. Kein Wunder, dass die jungen Sportler schon vor der Nennung ihrer Namen nervös sind.
Auch Paulina gewinnt etwas. Sie rennt nach vorn, hüpft, ihre Locken schwingen mit. Eine Elbin soll es sein, eine Plastikfigur aus dem Herrn der Ringe. Es dauert keine zwei Minuten, da fehlt der Kriegerfigur der Kopf. „Macht nichts“, lacht Paulina. Schließlich hat sie auch schon letzte Woche etwas gewonnen und wird es wahrscheinlich nächste Woche wieder tun. Aus Lautsprechern kommt laute Musik. Superstition von Stevie Wonder. Und natürlich We are the Champions. Ein, zwei, drei Mal. Auch so kann ein Tennisplatz sein. Ein perfekter Sommertag.
Vereine versprechen sich einen Schub für den Tennissport
Ungefähr so muss es zugegangen sein, als Sabine Lisicki ihre ersten sportlichen Erfolge feierte. Das war schließlich auch in Grunewald. Zwar nicht bei Blau-, sondern bei Rot-Weiß. Aber hier zählt die Stadt. Fragt man die Kinder, ob ihnen das etwas bedeutet, lachen sie. Die Eltern denken meist kurz nach. „Ist doch schön zu wissen, dass das von hier aus losging“, sagt Franziska Behre. Vielleicht förderten die Berliner Tennisplätze demnächst noch ein Welttalent zu Tage. „Die Sabine“ habe es ja schließlich auch geschafft.
Die Berliner versprechen sich vom Erfolg der 23-jährigen Berlinerin einen Schub für den Tennissport. „Sabine Lisicki hat ja auch bei uns im Landesleistungszentrum am Hüttenweg trainiert. Ihre Leistung ist auf jeden Fall eine Motivation für unseren Nachwuchs. Wir haben sehr gute dabei. Alle werden versuchen, dem Aufschlag von Sabine Lisicki möglichst nahezukommen“, sagte Klaus-Peter Walter (64), Präsident des Tennis-Verbandes Berlin-Brandenburg. Und dass die Medien sich jetzt verstärkt wieder dieser Sportart widmen, bringe Tennis ebenfalls nach vorn, freut sich Walter, der seit 2011 Präsident des Verbandes ist und seit 55 Jahren Tennis spielt.
23 neue Spieler jeden Tag
An Lisicki schätzt Walter besonders ihre Spielfreude: „Sie kann sich so freuen. Das macht das Tennis bei ihr so besonders. Bei ihr sieht Tennis nicht wie bei manchem anderen nach anstrengender Arbeit aus.“ Er verspricht sich nicht nur für den Nachwuchsbereich eine Steigerung der Attraktivität dieser Sportart, sondern für alle Altersklassen. 55 Prozent der aktiven Spieler in den Vereinen seien älter als 40 Jahre. „Tennis kann man bis ins hohe Alter spielen. Wir haben auch noch 85-Jährige, die mehrmals die Woche spielen“, sagte Walter, dessen Verein der Grunewald Tennisclub ist.
Die Berliner sind ohnehin keine Sportmuffel. Und Tennis steht auch jetzt schon weit oben. Der Tennis-Verband Berlin-Brandenburg gehört zu den großen Sportverbänden in der Hauptstadt. Durchschnittlich 23 Menschen treten pro Tag einem Verein bei. Allein im vergangenen Jahr haben 8400 Berliner den Sport neu entdeckt. Unter dem Dach des Tennis-Verbandes Berlin-Brandenburg sind rund 200 Vereine mit insgesamt fast 40.000 Berliner und Brandenburger Mitgliedern zusammengeschlossen.
Nach dem Boom durch Graf und Becker flaute die Begeisterung ab
Nach dem Boom durch Boris Becker und Steffi Graf flaute die Begeisterung für den Tennissport zunächst jedoch auch in Berlin ab. „Solche Jahrhunderttalente bekommt man nur selten“, sagt Bernd Süßbier, Jugendtrainer beim Tennis-Verband. Dort, auf der Tennisanlage am Hüttenweg in Zehlendorf, werden knapp 50 Nachwuchstalente ab dem Alter von neun Jahren trainiert. Sie gelten als die besten Jugendlichen aus allen Vereinen. Süßbier trainiert elf von ihnen. Sie nehmen an nationalen und internationalen Turnieren teil. Und die Berliner können durchaus Erfolge vorweisen. So ist der Verband beispielsweise amtierender Deutscher Meister bei den Jungen in der Altersklasse zwölf Jahre und jünger.
Nicht nur, dass das Interesse an dem Tennissport nach der Ära Becker & Graf zunächst deutlich geringer wurde, es stand den Landesverbänden durch die Vermarktung dieser Spitzensportler durch den Deutschen Tennis Bund auch nicht mehr so viel Geld zur Verfügung, erinnert sich Süßbier. Der Tennisboom hatte nach Einschätzung des Jugendtrainers aber bereits vor den Erfolgen der beiden Stars eingesetzt – und sich damit auch aus der einst elitären Ecke zum Breitensport entwickelt.
Aufnahmegebühren gibt es nur noch in wenigen Klubs
In den meisten Berliner Tennisvereinen gibt es laut Süßbier längst keine Aufnahmegebühr mehr. Und von Ausnahmen abgesehen, muss die Tenniskleidung auch nicht mehr unbedingt komplett weiß sein. Bunt ist erlaubt. Der Vereins-Jahresbeitrag für Kinder und Jugendliche ist längst nicht nur für Wohlhabende erschwinglich. Nach Auskunft des Verbandes zahlen junge Leute bis zum Alter von 18 Jahren 80 bis rund 250 Euro Vereinsbeitrag.
Auch wenn beim Landessportbund keine getrennten Statistiken nach Ost und West geführt werden, weiß Tennisprofi Süßbier, dass der Sport im Osten deutlich weniger populär war und immer noch ist als im Westen. In Brandenburg gebe es Vereine, doch die Anlagen seien kleiner und die Mitglieder nicht so zahlreich. Nur vereinzelt sei Tennis so wie im Westen intensiv ausgeübt worden. Der Berliner Ortsteil Friedrichshagen beispielsweise habe eine lange Tennis-Tradition, auch Sachsen-Anhalt mit Magdeburg sowie Dresden und Leipzig seien bereits zu DDR-Zeiten Tennis-Zentren gewesen.
>>> Interaktive Grafik: Wimbledon - der Weg von Sabine Lisicki ins Finale <<<





