Nach Wimbledon

Tennis-Experte erwartet dank Sabine Lisicki einen Boom

Hans-Jürgen Pohmann spielte selbst in Wimbledon, berichtete viele Jahre als Reporter vom weißen Sport. Er ist sich sicher, dass Tennis dank der Berlinerin Sabine Lisicki wieder populärer wird.

Foto: Rauchensteiner / pA/Augenklick/Ra

Man hätte ihm zu seiner Zeit eigentlich einen Schlüssel für das Haupttor des All England Lawn Tennis and Croquet Clubs in Wimbledon geben können. In den 1970er-Jahren bildete Hans-Jürgen Pohmann mit Jürgen Faßbender eines der besten Doppel der Welt. Beide standen 1975 im Halbfinale und waren knapp ein Jahrzehnt Stammgäste.

Nach seinem Karriereende reiste Pohmann 23 weitere Jahre nach Wimbledon – und zwar in Folge, als Reporter. Er brachte für die ARD das Tennismärchen mit den Hauptdarstellern Steffi Graf und Boris Becker in die deutschen Wohnzimmer, kommentierte Beckers erstes siegreiches Finale live im ARD-Hörfunk.

Nach der großen Ära wandte sich der 16-malige Davis-Cup-Spieler administrativen Aufgaben zu, war bis Dezember 2012 Sportchef des rbb.

Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost wird aber schnell klar: Pohmann, heute 66 Jahre alt, ist ein Insider und ein engagierter Fürsprecher des weißen Sports geblieben, und natürlich noch immer ein aus gesuchter Kenner des Spiels.

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Berliner Morgenpost: Sind Sie nach dem Triumphzug durch das Turnier von der Leistung von Sabine Lisicki im Finale enttäuscht, Herr Pohmann?

Hans-Jürgen Pohmann: Nein, sie war einfach zu angespannt. Am Ende hat sie ja wieder drei, vier Spiele sehr gut gespielt, aber nie wirklich ihren Rhythmus gefunden. Und Marion Bartoli war klar besser.

Was kann Sabine Lisicki daraus lernen?

Sie hat in diesem Spiel unglaublich viel gelernt, die Atmosphäre bei einem Grand Slam geschnuppert, das wird beim zweiten Mal ganz anders aussehen. Frau Bartoli stand vor sieben Jahren schon einmal im Endspiel und kannte diese Atmosphäre.

Ist denn der Unterschied so groß?

Ja, du wirst beispielsweise vor dem Einmarsch angewiesen, wo du hingehen musst, du bekommst Blumen, und die Balljungen stehen Spalier. Du kommst dann in diese angespannte Atmosphäre hinein, in diesen rauschenden Kessel. Das ist etwas ganz anderes.

Sie und Sabine Lisicki sind Mitglieder des LTTC Rot-Weiß. Wann ist sie Ihnen das erste Mal aufgefallen?

Vor fünf, sechs Jahren. Aber wissen Sie, Talente gibt es viele. Die kommen und gehen. Bei 13, 14, 15, 16, 17-Jährigen weißt du, anders als bei Becker oder Graf, nie, ob die diesen gewaltigen Sprung schaffen. Es geht ja nicht nur um Gutes-Tennis-Spielen. Du bist ein Einzelkämpfer auf dem Platz. Die Frage ist: Macht der Kopf mit? Wie ist das Umfeld? Das ist das Entscheidende.

Frau Lisicki scheint viele dieser Hürden genommen zu haben.

Ja, und die Basis ist ihr Spiel, dass viele Stärken hat und keine erkennbaren Schwächen. Ihre Vorhand ist überragend, sie kann aus allen Ecken des Platzes in jede Ecke des gegnerischen Feldes spielen. Und sie hat einen Aufschlag mit einem perfekten Bewegungsablauf, ganz locker, ganz natürlich, und sie kann ihn beschleunigen wie ein Mann. 200 Stundenkilometer, da sind die Frauen auf der anderen Seite fast erschlagen. Zudem hat sie bei den Grundschlägen den optimalen Treffpunkt. Das kann man nicht lernen. Sie hat auch in diesem Jahr einen neuen Trainer bekommen, der früher mit Kim Clijsters gearbeitet hat. Und der bringt scheinbar Ruhe rein, was ganz wichtig ist, wenn es mal nicht so läuft.

Und die Entwicklung im Kopf?

Das entzieht sich meiner Beurteilung. Aber sie war bereits vor zwei Jahren im Halbfinale, hat dort verloren und einen Rückschlag erlitten. Das gehört dazu, und daran ist gearbeitet worden. Sie ist bei 0:3 im jeweils entscheidenden dritten Satz gegen Serena Williams und Agnieszka Radwanska nicht eingebrochen, sondern ruhig geblieben und hat ihre Chance gesucht. Das ist ganz großer Sport.

Erinnert Sie die Begeisterung um Sabine Lisicki an die große Ära, die Sie so hautnah verfolgten?

Nein, das kann man nicht vergleichen. Becker und Graf haben ein Alleinstellungsmerkmal. So etwas hatte es noch nie gegeben. Das sind zwei Spieler, die beide aus dem Nichts kamen, aus dem Niemandsland. Damals gab es ja überhaupt keine Strukturen im deutschen Tennis. Das war etwas übertrieben gesagt ein Freizeitsport. Bei allem Respekt vor der wirklich tollen Leistung von Sabine Lisicki, aber das kann man nicht vergleichen.

Was könnte denn jetzt durch die Erfolgsstory um Sabine Lisicki entstehen?

Wir bekommen einen Boom, da bin ich mir ziemlich sicher. Der Deutsche Tennis Bund hat in den letzten Jahren Hunderttausende an Mitgliedern verloren, diese Sportart ist zur Randsportart verkümmert. Ich sehe es doch im LTTC Rot-Weiß, hier fehlen rund dreihundert Mitglieder. Es gibt kaum noch einen Klub mit einer Aufnahmesperre in Deutschland. Es gab auch keine Protagonisten. Die deutschen Damen spielen seit zwei Jahren wieder gut, bei den Männern in diesem Jahr Tommy Haas, der Rest hat keinen interessiert. Was passieren kann, sieht man doch mit dem ersten Blick: Überall ist Sabine Lisicki auf dem Titelblatt, jeder spricht über Tennis, auch die, die damit nichts zu tun haben. Und das ist natürlich großartig.

Haben Sie immer an bessere Zeiten geglaubt?

Das kann man nicht vorhersagen. Ich hätte mir gewünscht, dass sich die deutschen Spieler besser in der Öffentlichkeit verkaufen.Ich habe immer damit gerechnet, dass wir gute Spielerinnen und Spieler haben werden. Aber in Wimbledon ins Finale zu kommen, ist eine Ausnahmesituation – die kann man nicht planen.

>>> Interaktive Grafik: Wimbledon - der Weg von Sabine Lisicki ins Finale <<<