Tennis

Für Sabine Lisicki macht das Gefühl Wimbledon süchtig

Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki spricht nach ihrer Rückkehr nach Berlin über die zwei schönsten Wochen ihrer Tennis-Karriere und die Aussicht, es beim nächsten Mal vielleicht noch besser zu machen.

Foto: dpa

Die Enttäuschung war riesengroß bei Sabine Lisicki, schon während des Wimbledon-Finales gegen Marion Bartoli flossen immer wieder die Tränen, erst recht nach dem Match. Die Hoffnung auf den ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier war da, aber die Französin gewann unerwartet klar mit 6:1, 6:4.

Doch ein paar Stunden später hatte sich die 23-jährige Berlinerin längst wieder gefangen und blickte nach vorn.

Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost fand sie schnell ihr Lächeln zurück, als sie über die zwei schönsten Wochen ihrer Tennis-Karriere und die Aussicht sprach, nach London zurückzukehren und es dann vielleicht noch besser zu machen.

Berliner Morgenpost: Frau Lisicki, was wird Ihnen bleiben von diesem Wimbledonturnier 2013?

Sabine Lisicki: Die Erinnerung an das schönste Abenteuer, das ich als Tennisspielerin je hatte. Der Stolz auf große Siege. Die Enttäuschung, dass ich die Chance im Finale nicht nutzen konnte. Die starke Zuversicht, das noch einmal schaffen zu können, dann beim nächsten Mal auch den letzten, entscheidenden Schritt zu gehen.

Wenn Sie jetzt, mit etwas Abstand, auf den letzten Tag, auf das Finale zurückblicken: Warum lief es da schief? Was war anders als in den Runden zuvor?

Ich war einfach nicht die Spielerin, die vorher in diesem Turnier auf dem Platz stand - gegen eine Serena Williams, gegen eine Agnieszka Radwanska. Die Kraft fehlte, auch die mentale Härte. Da nützt einem auch der Wille nichts mehr: Ist der Körper zu schwach, geht die Konzentration verloren. Fehler schleichen sich ein, Fehler, die auch die Moral untergraben.

Sie sind nicht die erste Tennisspielerin, der so etwas passiert ist. Als Debütant sind viele Spieler in der Vergangenheit auf einer dieser Grand-Slam-Bühnen zunächst gescheitert. Können Sie beschreiben, was da in einem vorgeht?

Das ist schon eine ganz andere Atmosphäre als sonst. Diese feierliche Stimmung, die über allem liegt, die Zeremonien vor dem Match, die Blumen, die man bekommt. Das hat man zwar schon hundert Mal im Fernsehen gesehen, aber wenn man selbst plötzlich mitten drin ist in einer solchen Szene, ist das eine völlig neue Erfahrung.

War das der entscheidende Faktor: Die fehlende Erfahrung in diesen ganz großen Spielen? Dass Sie zuvor noch nie in einer solch außergewöhnlichen Situation gewesen sind?

Es war einer der Puzzlesteine, die das Bild nicht zusammensetzten. Marion Bartoli kannte die Situation schon, die war 2007 ja schon mal in Wimbledon im Endspiel. Sie hat das unbeschwerter und lockerer gespielt. Und dann war es eben diese leichte Müdigkeit bei mir. Ich habe das selbst nicht so richtig an mich rangelassen, aber es war schon so, dass nach diesem dramatischen Halbfinale die Substanz fehlte. Die Beine waren auch schon im Training schwer, die Dynamik war weg.

Welche Konsequenz ziehen Sie für sich daraus?

Ich habe zum ersten Mal bei einem Grand Slam erlebt, was es bedeutet, in Reichweite des Titels zu sein. Was man braucht, um einen Titel gewinnen zu können. Das ist eine große Herausforderung, und ich werde noch an meiner Fitness weiterarbeiten müssen, um noch besser gerüstet zu sein in Zukunft. In so einer zweiten Grand-Slam-Woche ist es ein gewaltiger Test für den Körper und den Kopf – die harten Matches, die vielen Pressetermine, dieser ganze Trubel. Aber es war auf der anderen Seite auch ein faszinierendes Erlebnis für mich, ein Erlebnis, das einen irgendwie süchtig macht. Man möchte es bald wieder erleben.

Steffi Graf hat Ihnen zu einem überragenden Turnier gratuliert und gesagt, es sei ein Riesenspaß gewesen, Ihnen zuzuschauen. Was bedeutet Ihnen so ein Zuspruch?

Das bedeutet mir wirklich sehr viel. Steffi ist einfach eine große Inspiration für mich. Wie gesagt: Wenn man selbst erlebt hat, wie schwer es ist, einen Grand-Slam-Sieg zu holen, dann wächst nur die Hochachtung vor einer wie Steffi, die das immer wieder geschafft hat. Über mehr als zehn Jahre.

Boris Becker hat vor dem Finale gesagt: Sabine Lisicki muss jetzt übers ganze Tennisjahr auf höherem Niveau spielen, das ist sie sich ihrem Talent schuldig.

Das will ich auch. Aber ich hatte eben in den letzten Jahren dieses blöde Verletzungspech. Immer wieder bin ich dadurch zurückgeworfen worden. Jetzt fühle ich mich fit und gesund, und ich werde auch künftig zu den Turnieren einen eigenen Physiotherapeuten mitnehmen. Das ist eine Investition, die sich lohnen wird. Ich weiß inzwischen, welche Schritte man gehen muss, um erfolgreich zu sein.

Seit einigen Wochen erst arbeiten Sie mit Wim Fissette, dem belgischen Coach zusammen, der auch schon mit seiner Landsfrau Kim Clijsters große Erfolge gefeiert hat. Man kann sagen, dass sich schnell Fortschritte gezeigt haben. Bleibt er an Bord?

Ja, das wird er. Er hat sich sofort in unser Team eingepasst und für Belebung gesorgt. Wim ist ein unkomplizierter Typ und jemand, der weiß, wie man Spieler besser macht. Er versteht sich auch sehr gut mit meinem Vater und meiner Mutter, denen ich diese ganze Karriere ja überhaupt verdanke. Das passt alles gut zusammen.

Nach diesem riesigen Erfolg beim bedeutendsten Tennisturnier der Welt: Welche Ziele haben Sie sich formuliert für den Rest der Saison?

Ich habe jetzt so richtig Lust, dieses gute Wimbledon zu bestätigen. Schon auf der Welle weiter zu surfen. Denn klar ist auch: Wenn ich in der Weltrangliste weiter nach oben rutsche, ist so ein Programm bei einem Grand-Slam-Turnier auch etwas angenehmer – dann spielst du nicht gleich in der ersten Woche schon gegen zwei Grand-Slam-Siegerinnen wie Francesca Schiavone und Samantha Stosur.

Vermutlich ist aber akut nach diesen zehrenden Wochen erst mal eine große Leere da, eine Erschöpfung, eine Mattigkeit. Wie werden Sie jetzt damit umgehen?

Tatsächlich ist der Akku leer. Erst wenn der letzte Punkt gespielt ist in so einem Turnier, merkt man, wie groß die Anstrengung war, wie sehr man die letzten Energien aus seinem Körper rausgeholt hat. Deshalb brauche ich jetzt Zeit zum Durchatmen, zum Besinnen, auch zur Reflektion noch einmal. Ich werde mir eine ausreichend lange Pause nehmen bis zur Rückkehr auf die Tour. Es gilt jetzt, nichts zu überstürzen.

Haben Sie eigentlich mitgekriegt, wie sehr Deutschland mitgefiebert und mitgezittert hat mit Ihnen in den vergangenen Tagen? Es war ja schon beinahe ein neuer Tennis-Hype zu spüren, überall haben Sie die Schlagzeilen bestimmt.

Man kann da nicht alles an sich ranlassen. Man hat bei so einem Turnier den Tunnelblick, ist so auf seine Aufgaben fixiert hier. Aber klar hat es mich gefreut, welche tolle Stimmung meine Siege ausgelöst haben, wie sich alle mitgefreut und mitgelitten haben. Begreifen werde ich es aber erst, wenn ich jetzt nach Hause nachkomme und auch ein bisschen die Zeitungen nachlese. Dazu bin ich bisher ja kaum gekommen.

Sie haben immer gesagt: Wimbledon macht einen anderen Menschen aus mir. Dann fassen Sie bitte noch einmal zusammen: Was hat nun dieses Turnier bewirkt?

Wimbledon 2013 hat eine noch stärkere Spielerin aus mir gemacht. Es war eine wunderschöne Zeit – und eine Erfahrung, die mir Mut und Selbstbewusstsein gibt für meine Zukunft. Es war ein Meilenstein für mich.

>>>HIER finden Sie alle Informationen über Sabine Lisicki<<<

>>> Interaktive Grafik: Wimbledon - der Weg von Sabine Lisicki ins Finale <<<