Interview

Herthas Dilrosun: „Ich wollte immer spielen wie Ronaldo“

Hertha-Entdeckung Javairo Dilrosun vor dem Gladbach-Spiel über die Kunst des Dribblings, Siegermentalität und harte Spiele auf Beton.

Javairo Dilrosun (20) gibt heute sein Debüt für Hertha im Olympiastadion. Er kann es kaum erwarten

Javairo Dilrosun (20) gibt heute sein Debüt für Hertha im Olympiastadion. Er kann es kaum erwarten

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Ein 20-Jähriger ohne Profi-Erfahrung? Als Hertha im Sommer den Niederländer Javairo Dilrosun verpflichtete, herrschte durchaus Skepsis. Doch die ist verflogen: Nach zwei spektakulären Torbeteiligungen gilt der Flügelspieler nun als eines der spannendsten Talente der Bundesliga. Vor dem heutigen Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr, Sky) erklärt Dilrosun, warum er anders spielt als viele seiner Kollegen. Auf seinem Handy zeigt er ein kurzes Video. Darin zu sehen: Dilrosun auf einem blauen Betonplatz in Amsterdam, als Achtjähriger mit dem Ball am Fuß, wie er verbissen an neuen Tricks arbeitet.

Herr Dilrosun, Ihr Teamkollege Salomon Kalou sagt, er habe noch nie einen so schüchternen Fußballer getroffen wie Sie. Das will etwas heißen bei seiner langen Karriere.

Javairo Dilrosun: Ja, das stimmt, privat bin ich ein ziemlich ruhiger, zurückhaltender Typ (lächelt). Aber wenn ich den Platz betrete, ist es so, als ob ich eine andere Person werde.

Tatsächlich wirken Sie mit Ihren Tricks und Dribblings dann eher wie ein Draufgänger, dabei sind Sie erst 20 und haben bislang nur im Nachwuchs gespielt. Woher nehmen Sie dieses Selbstvertrauen?

Ich habe als Kind und Jugendlicher sehr viel auf der Straße gekickt – mit allen möglichen Leuten, oft auch gegen Ältere. Das war eine gute Schule, dabei habe ich gelernt, keine Angst zu haben. Die Art, wie ich spiele, ist ganz natürlich für mich.

Ein echter Straßenfußballer. Eigentlich dachten wir, die wären ausgestorben ...

In den Niederlanden gibt es sehr viele davon. Man kickt einfach auf einem der öffentlichen Spielfelder, fünf gegen fünf, wer zuerst zehn Tore hat, bleibt. Ganz simpel, aber alles auf Beton. Das härtet ab. Und man merkt schnell, was Siegermentalität bedeutet.

„Schnell auf einem hohen Level“

Wo sind Sie aufgewachsen?

In Amsterdam, nahe dem Zentrum. Das ist eine eher raue Gegend, aber rückblickend war das gut für mich. Einige meiner Cousins haben mit Straßenfußball sogar ein bisschen Geld verdient. Die kannten die verrücktesten Tricks und haben mir schon früh viel beigebracht. Durch sie war ich relativ schnell auf einem hohen Level.

Hatten Sie Vorbilder?

Ich wollte immer wie der brasilianische Ronaldo spielen – wie „Il fenomeno“. Ansonsten habe ich mir viel von meinem Onkel abgeschaut. Gespielt habe ich im Grunde jeden Tag, selbst, wenn ich vorher schon Training in der Ajax-Akademie hatte.

Was war die bessere Schule: die renommierte Ajax-Schmiede oder die Straße?

Beides, die Mischung macht’s. Bei Ajax entwickelt man die Fähigkeiten weiter, die man sich auf dem Bolzplatz angeeignet hat. Dazu kommen das Taktische und der Konkurrenzkampf. Weil es dort sehr viele talentierte Spieler gibt, treibt man sich gegenseitig an, das passiert fast automatisch. So war es bei mir zum Beispiel mit Timothy Fosu-Mensa, der aktuell in Fulham spielt.

Sie selbst sind schon mit 16 Jahren in den Nachwuchs von Manchester City gewechselt. Wie schwer ist Ihnen diese Entscheidung gefallen?

Das war einerseits hart – man ist ja noch fast ein Kind –, aber wenn ein Klub wie Manchester City anfragt, sagt man nicht nein. Es gab damals ein nagelneues Gebäude für den Nachwuchs, überhaupt wird man perfekt betreut. Ich wurde jeden Tag um acht Uhr abgeholt und zum Training gebracht, danach ging’s zur Schule und wieder zum Training. Im Winter habe ich das Haus im Dunkeln verlassen und bin im Dunkeln zurückgekommen.

„Guardiola ist ein fantastischer Coach“

Was hat gefehlt, um den Sprung zu den Profis zu schaffen?

Ich habe hin und wieder mit dem Premier-League-Team trainiert, Pep Guardiola ist ein fantastischer Coach. Aber in Manchester ist nun mal jeder einzelne Spieler Weltklasse, da ist es schwierig, eine Chance zu bekommen.

Bei Hertha bekommen Sie diese Chance.

Darum bin ich hier, deshalb bin ich nicht nach Dortmund oder Lissabon gewechselt. Ich hatte sehr gute Gespräche mit Michael Preetz und Pal Dardai. Beide haben mir versichert, dass ich Spielzeit bekommen würde, und das ist für mich nun mal das Wichtigste im Moment.

Wie gut kennen Sie die Bundesliga?

Ich habe den deutschen Fußball oft im TV verfolgt, genauso wie den englischen oder den spanischen. Einen großen Qualitätsunterschied sehe ich da nicht. Klar, der FC Bayern ragt heraus, aber ansonsten kann in Deutschland jeder jeden schlagen. Das ist ein starker Wettbewerb.

Fühlen Sie sich schon voll integriert bei Hertha?

Dass mit Karim Rekik schon ein Landsmann hier war, hat es mir natürlich leicht gemacht. Aber im Grunde haben mich alle sehr gut aufgenommen, sei es Vedad Ibisevic, Salomon Kalou oder Valentino Lazaro. Bei Auswärtsfahrten teile ich ein Zimmer mit Marko Grujic.

„Von Kalou kann ich profitieren“

Sie stehen erst ganz am Anfang Ihrer Karriere. Was schauen Sie sich bei einem Routinier wie Kalou ab?

Wie man sich auf dem Platz bewegen muss, wann man am besten aufs Tor schießt – einfach alles. Salomon hat die Premier League und die Champions League gewonnen, er ist einfach unheimlich erfahren. Davon kann ich profitieren.

Welche Ziele haben Sie sich für diese Saison gesetzt?

So viele Vorlagen und Tore wie möglich beizusteuern. Und für uns als Mannschaft? Ich denke, ein Platz im Mittelfeld der Tabelle ist realistisch.

Herr Dilrosun, was machen Sie, wenn Sie nicht auf dem Fußballplatz stehen?

Nichts Besonderes, ich schaue gern Serien oder spiele Fifa auf der Playstation. Darin bin ich wirklich gut. Bis jetzt hat mich noch niemand geschlagen.

„Berlin hat mehr zu bieten als Manchester“

Wie gut kennen Sie Berlin inzwischen?

Ich habe eine Wohnung in der City West, lebe dort zusammen mit einem meiner Cousins. Ein bisschen was von der Stadt habe ich mir angeschaut. Die Berliner Mauer, den Kudamm, das KaDeWe – die Stadt hat auf jeden Fall mehr zu bieten als Manchester.

Am Sonnabend treffen Sie mit Hertha auf Mönchengladbach. Sie werden zum ersten Mal im Olympiastadion auflaufen.

Ja, und ich freue mich riesig darauf. Beim ersten Heimspiel gegen Nürnberg saß ich auf der Tribüne – die Atmosphäre ist fantastisch. Mit der U23 von ManCity habe ich bestenfalls vor 1500 Zuschauern gespielt. Jetzt werden es 50.000. Ich kann es kaum abwarten.

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