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Herthas Jarstein ist rekordverdächtig gut

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Sebastian Stier
Im Olympiastadion wird Rune Jarstein am Sonnabend sein 100. Bundesligaspiel bestreiten. Bislang kassierte er nur 134 Gegentore, 32 Mal stand die Null.

Im Olympiastadion wird Rune Jarstein am Sonnabend sein 100. Bundesligaspiel bestreiten. Bislang kassierte er nur 134 Gegentore, 32 Mal stand die Null.

Foto: Matthias Kern / Bongarts/Getty Images

Der Norweger ist derzeit der beste Torhüter der Bundesliga – dank ein paar kleiner Veränderungen.

Berlin.  Ein bisschen müde sieht Rune Jarstein (33) eigentlich immer aus. Als Familienvater muss er früh aufstehen, ohne Kaffee kommt er nicht richtig in Schwung. Ein bis zwei Tassen dürfen es da schon sein. Ende der vergangenen Saison half aber nicht mal mehr das geliebte Getränk. Jarstein fühlte sich matt, psychisch wie physisch. Seine Leistung sank unter das gewohnt hohe Niveau.

Von diesem Tief ist in dieser Saison nichts mehr zu spüren. Herthas Torwart befindet sich in überragender Form und erlebt derzeit vielleicht seine beste Phase, seit er vor vier Jahren nach Berlin kam. Das Fachmagazin „Kicker“ führt ihn nach drei Spielen mit einem Notenschnitt von 1,67. Besser wurde seit Einführung des aktuellen Bewertungssystems noch kein Torwart über diesen Zeitraum eingeschätzt.

Nie hatte ein Keeper nach drei Spielen bessere Noten

Von drei Elfmeterschützen, die gegen Jarstein antraten, konnte nur einer verwandeln. „Er ist großartig und hat uns schon viele Punkte gerettet. Rune ist ein echter Profi“, sagt Mittelfeldspieler Ondrej Duda, der wie Jar­stein einen großen Teil dazu beigetragen hat, dass Hertha mit sieben Punkten aus drei Spielen ein hervorragender Start gelungen ist. Sonnabend will der Berliner Bundesligist seine Bilanz im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach (15.30 Uhr, Sky) weiter verbessern. Das Kräftemessen der punkt- und torgleichen Teams wird auch ein Duell der Torhüter. Gladbachs Yann Sommer liegt mit einem Notenschnitt von 1,83 nur knapp hinter Jarstein.

Beim bislang letzten Aufeinandertreffen der Keeper sah das noch anders aus. Im vergangenen Frühjahr steckte Jarstein im Leistungsloch – auch, weil ihm sein eigener Ehrgeiz im Weg stand. „Statt mal runter zu fahren, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder ins Wellness-Hotel zu gehen, hat er sich nur noch mehr gestresst“, sagt Herthas Torwart-Trainer Zsolt Petry. Ständig plagten ihn Zweifel, also trainierte Jarstein noch mehr. Nach den regulären Einheiten ging er in den Kraftraum oder machte mit den Athletiktrainern Sprünge. „Er wollte jeden Tag an seine Grenzen gehen, aber das geht nicht“, sagt Petry: „Du musst ausgeglichen sein, Ruhe ausstrahlen und vor allem mit Freude bei der Sache sein.“

Dardai lobt die fußballerischen Qualitäten des Torhüters

Bis Petrys Worte Wirkung zeigten, brauchte es Zeit. Über die gesamte Vorbereitung gesehen, machte Jarsteins Konkurrent Thomas Kraft den besseren Eindruck, beim ersten Spiel gegen Nürnberg stand aber weiter die Nummer eins im Tor. Ein Vertrauensvorschuss, den sich Jarstein über Jahre erarbeitet hatte, und der sich bewähren sollte. Den knappen 1:0-Sieg sicherte er durch einen gehaltenen Elfmeter kurz vor Schluss. Wer weiß, wie Herthas Saisonstart ohne dieses frühe Erfolgserlebnis verlaufen wäre.

Jarstein strotzt inzwischen wieder vor Selbstvertrauen. Petry konnte ihn dazu bewegen, etwas von seinem Pensum abzulassen. Nun arbeitet der Norweger eher an seiner Beweglichkeit oder macht Stabilisationsübungen. „Der Umfang seines Trainings hat sich nicht geändert, aber der Schwerpunkt. Inhaltlich hat das jetzt eine ganz andere Qualität“, sagt Petry.

Auch Trainer Pal Dardai lobt: „Wir sind sehr zufrieden mit Rune, auch was seine fußballerischen Qualitäten angeht.“ Jene waren 2015 ein maßgeblicher Grund, weshalb Jarstein Thomas Kraft verdrängte. Mit seinen sicheren Füßen ist er der ideale Rückhalt für Herthas junge Viererkette.

Routinier Lustenberger rückt gegen Gladbach in die Abwehr

Gegen Gladbach wird Jarstein in Sachen Erfahrung aller Voraussicht nach Unterstützung erhalten. Nach den verletzungsbedingten Ausfällen von Karim Rekik (Adduktoren) und Jordan Torunarigha (Achillessehne) wird wohl Fabian Lustenberger (30) in die Startelf rücken. „Derrick Luckassen macht es seit zwei Wochen im Training auch sehr gut, und für Florian Baak spricht die Form“, wägt Dardai ab, „aber für Fabian spricht die Erfahrung.“ Zugang Luckassen (23) fehlt Spielpraxis, Baak (19) hat erst zwölf Minuten Bundesliga-Erfahrung gesammelt – in Kurzeinsätzen, die über ein Jahr zurückliegen.

Dass Dardai seine Abwehr in dieser Saison schon mehrfach personell verändern musste, macht sich bisher nicht bemerkbar. Dafür ist Rune Jarstein gerade einfach zu gut. Am Sonnabend wird er sein 100. Bundesligaspiel bestreiten. Geht es nach ihm, sollen viele weitere Folgen. Bis 40 würde er am liebsten spielen, hat Jarstein vor nicht allzu langer Zeit gesagt. Gelingt es ihm, seine Form zu konservieren, sollte das kein unerreichbares Ziel sein.