Dettmar Cramer, die 2015 im hohen Alter von 90 Jahren verstorbene Trainerikone, hat einen Spruch geprägt, der zwar nicht ganz jugendfrei ist, aber schon ziemlich wahr: „Es hängt alles irgendwo zusammen. Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge“, sagte Cramer, der 1974 mal für eine einzige Trainingseinheit Hertha-Coach war.
Schaut man heute auf Cramers damaligen Ein-Tages-Arbeitgeber, so hält seine These dem Realitätscheck immer noch stand. Auch bei Hertha, wo man sich gerade auf den letzten, aber bedeutungslosen Spieltag der Saison gegen RB Leipzig am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion) vorbereitet, hängt gerade alles miteinander zusammen.
Am Montagmorgen zum Beispiel landete gegen halb neun ein gewisser Lukas Klünter in Berlin-Tegel. Das Flugzeug mit dem 21-Jährigen kam aus Köln, wo der Rechtsverteidiger noch beim ortsansässigen 1. FC beschäftigt ist. Ab der kommenden Saison allerdings wird Klünter für Berlin spielen. Nach bestandener medizinischer Tauglichkeitsprüfung unterschrieb er am Montag einen Vertrag bis 2022 bei Hertha.
Weiser auf dem Weg nach Leverkusen
„Wir sind überzeugt davon, dass er dem Team mit seinen Qualitäten - vor allem mit seinem Tempo - helfen wird“, wurde Herthas Manager Michael Preetz zitiert. Klünter ließ ausrichten: „Ich sehe den Wechsel nach Berlin als große Chance an.“ Die Ablösesumme beläuft sich auf rund zwei Millionen Euro für den U21-Nationalspieler, der 2017 gemeinsam mit den drei Herthanern Mitchell Weiser, Davie Selke und Niklas Stark U21-Europameister in Polen wurde.
Jener Transfer ist, um bei Cramers Bild zu bleiben, das Augentränen. Die Rolle des aus dem Hintern gerissenen Haares nimmt hingegen Weiser ein. Weil er bis Ende Mai eine Ausstiegsklausel über rund 13 Millionen Euro ziehen wird, hat Hertha einen Ersatzmann verpflichtet. Weiser wird sich wohl Leverkusen anschließen. Zuletzt berücksichtigte ihn Trainer Pal Dardai schon gar nicht mehr für den Hertha-Kader. Einer kommt, einer geht, und alles hängt irgendwo zusammen.
Nachdem die Berliner am Donnerstag schon den 19 Jahre jungen Offensivspieler Javairo Dilrosun ablösefrei von Manchester Citys Reserveteam verpflichtet hatten, steht damit bereits früh der zweite Zugang für die kommende Spielzeit fest. Das hat in Berlin mittlerweile Tradition – und nach Weiser, Selke, Stark kommt erneut ein deutscher U-Nationalspieler.
Klünter besticht durch seine Schnelligkeit
Mit dem Klünter-Wechsel aber wird nicht nur eine Planstelle neu besetzt, die sich durch Weisers bevorstehenden Abgang ergeben hat. Es verschiebt sich etwas auf dem Personaltableau für die rechte Berliner Seite. Klünter ist nämlich kein Eins-zu-Eins-Ersatz für Weiser. Den gibt es erstens selten, und zweitens wäre er für Hertha nicht zu finanzieren gewesen.
Nein, der Noch-Kölner ist kein verkappter Spielmacher auf der Außenverteidigerposition wie Weiser. Er hat in seinen 28 bisherigen Bundesligaspielen auch erst zwei Treffer erzielt und nur einen weiteren vorbereitet (Weiser steht bei fünf Toren und elf Assists in 70 Ligaspielen für Hertha). Klünter besticht mit einer Schnelligkeit und einem Offensivdrang, der Dardai in Zukunft taktische Flexibilität verschaffen soll.
Denn für die rechte Seite, Mittelfeld und Abwehr planen sie bei Hertha mit Klünter, Peter Pekarik (31) sowie Valentino Lazaro und Matthew Leckie. Letztgenannter erfuhr am Montag, dass er im vorläufigen WM-Aufgebot der australischen Nationalelf steht.
Dreier- und Fünferkette im Blick
Aber zurück zu Hertha. Eigentlich ist Lazaro (22) der Weiser-Ähnlichste im Berliner Kader. Schnell, technisch versiert und torgefährlich. Auch könnte der Mittelfeldspieler die Rechtsverteidigerposition übernehmen wie aushilfsweise schon in dieser Saison. Seine Lieblingsaufgabe allerdings ist das nicht.
In der Aufzählung fehlt Alexander Esswein. Für den 28-Jährigen, der in dieser Saison in 16 Bundesliga-Einsätzen immerhin zwei Treffer erzielte und einen vorbereitete, könnte es schwer werden. Auch Dilrosun kann rechts spielen.
Taktisch flexibler werden will Dardai, indem er das System mit einer Dreier- respektive Fünfer-Abwehrkette ins Repertoire aufnimmt. Die Außenverteidiger spielen hier sehr offensiv. Das passt zu Klünters Fähigkeiten.
Schieber verlässt Berlin nach vier Jahren
Alles hängt mit allem zusammen. Das gilt auch für die Karriere von Julian Schieber. Wahrscheinlich wäre der Stürmer (seit 2014 42 Liga-Spiele für Hertha, zehn Tore) öfter zum Einsatz gekommen, hätte er nicht zwei schwere Knieverletzungen erlitten. So war an Selke und Kapitän Vedad Ibisevic kein Vorbeikommen für den Publikumsliebling.
Am Freitag teilte der 29-Jährige Herthas Manager Preetz mit, dass er den Klub verlassen werde. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Vielleicht hätte es auch kein neues Angebot für Schieber gegeben.
Die Personalentscheidungen bei Hertha sind damit aber nicht abgeschlossen. Mindestens ein torgefährlicher, zentraler Mittelfeldspieler wird noch gebraucht. Und das wiederum hängt damit zusammen, dass Ondrej Duda immer noch nicht überzeugt hat.





