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Hertha leidet an einem Graue-Maus-Image

Hertha verfügt über eine Stabilität, von der andere Klubs träumen, das allein scheint nicht auszureichen.

Hertha nachdenklich: Davie Selke, Maximilian Mittelstädt, Mathew Leckie, Thomas Kraft und Runde Jarstein (v.l.) nach dem 1:3 in Hannover

Hertha nachdenklich: Davie Selke, Maximilian Mittelstädt, Mathew Leckie, Thomas Kraft und Runde Jarstein (v.l.) nach dem 1:3 in Hannover

Foto: Peter Steffen / dpa

Berlin. Die Saison von Hertha BSC zusammengefasst in einem Satz, der könnte so lauten: Gegen den FC Bayern als einziger Bundesligist zweimal unentschieden gespielt, gegen Mainz zweimal verloren. Oder eine andere Wertung: In der Hinrunde gegen Hannover 3:1 gewonnen, in der Rückrunde gegen Hannover 1:3 verloren. Der ­geneigte Fußballfan kann hier mit den Schultern zucken: Hört sich nach nichts ­Besonderem an.

Manche Fans glauben nicht mehr an Pal Dardai

Zehn Siege, 13 Remis, zehn Niederlagen ergeben in der Liga Rang zehn - ein ­Abschneiden, das sehr verschieden wahrgenommen wird. In den sozialen Medien, etwa bei Immerhertha, dem Morgenpost-Blog, hagelt es Kritik. Mit Blick auf die vielen mäßigen Heimauftritte und Rückschläge – wie der Niederlage in Hannover – wird Pal Dardai die Eignung abgesprochen: Der Trainer könne Hertha nicht mehr ­helfen. Andere Nutzer wenden dagegen ein, die zweifelhafte Qualität, Spiele, in denen es etwas zu gewinnen gibt, zu verlieren – dieser Umstand verfolge Hertha seit 20 Jahren.

Viele Fans stimmen mit den Füßen ab. Zehn Bundesligisten sind von einem Zuschauerrückgang betroffen, keiner so heftig wie Hertha. Auch beim ZDF scheint der Hauptstadt-Klub in der Graue-Maus-Schublade gelandet zu sein. Im „Aktuellen Sportstudio“ werden Hertha-Spiele derzeit als letztes irgendwann um 0:30 Uhr herum gezeigt. Beim Stichwort „graue Maus“ redet sich Trainer Dardai hingegen in Rage: „Dieses Image wurde hier in Berlin aufgebaut, im Umfeld, von Fans, von Journalisten. Aber ich spüre das nicht. Wir waren sehr stabil. Es läuft.“

Sagen wir so: Hertha hat vieles zusammengebracht, um das andere Klubs die Berliner beneiden. Im Gegensatz zur Konkurrenz aus Bremen, Wolfsburg, Hamburg oder Köln hat Hertha in der gesamten Saison keine zwei Liga-Spiele in Folge verloren. Schon klar: Stabilität ist langweilig – aber wichtig. Weil die Blau-Weißen nicht einmal in Nähe der ­Abstiegszone waren. Und weil sport­liche Stabilität auch ­wirtschaftliche Stabilität bedeutet.

Dann hat Hertha mit Dardai einen Trainer aus dem eigenen Verein, dessen Identifikation mit dem Klub und der Stadt außer Frage steht. Das Führungstrio mit Präsident Werner Gegenbauer, Manager Michael Preetz und Dardai hat Hertha zu dem verholfen, was dieser Verein nach zwei Abstiegen (2010 und 2012) dringend gebraucht hat: Kontinuität. Hertha spielt ab Sommer 2018 im sechsten Jahr in Folge erstklassig. Dieser Umstand reißt niemanden zu Jubelstürmen hin, ist aber keine Selbstverständlichkeit, wenn man auf die prominenten Absteiger der jüngeren Vergangenheit blickt wie Hannover 96, VfB Stuttgart (2016) oder in diesem Spieljahr der 1. FC Köln.

Weiter erfüllt Hertha eine Sehnsucht vieler Fans, indem Spieler aus dem eigenen Nachwuchs herangeführt werden. Arne Maier, Jordan Torunarigha und Maximilian Mittelstädt sind es in dieser Saison. Mit Pal ­Dardai junior (19) ist das nächste ­Talent auf dem Sprung. Aber Trainer-Papa Dardai ist immer noch in Rage: „Gute Spieler, mit denen ich gesprochen habe, sind am Ende zu uns gekommen. Wir sind keine graue Maus, wir sind ein stabiler guter Fußballverein.“ So hat Hertha in dieser Saison mit dem Niederländer Karim Rekik (23) und dem Österreicher Valentino Lazaro (22) Nationalspieler integriert, dazu Davie ­Selke. Der hat zwar durch die U21-EM 2017 und eine Verletzung die komplette Vorbereitung verpasst, ist aber mit mittlerweile zehn Treffern der sechstbeste deutsche Stürmer in der Torjägerliste.

Ein einstelliger Platz als Saisonziel 2018/19

Dass Talente bei Hertha den nächsten Karriereschritt gehen können, hat sich herumgesprochen. So ist es zu erklären, dass die Berliner sich bereits die Dienste des Niederländers Javairo Dilrosun (19) sichern konnten, der auch von Benfica Lissabon umworben war.

Ohne Frage sind bei Hertha weitere Schritte gefragt: Ein einstelliger Tabellenplatz sollte das Saisonziel 2018/19 sein. Trainer Dardai will beweisen, dass er durchaus in der Lage ist, das Offensivspiel zu verbessern. Aber wenn ein Herthaner es sich verdient hat, dass ihm eine Saison mit dem Graue-Maus-Platz zehn abgenommen wird, dann ist es Pal Dardai.

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