Kolumne

Opa erzählt vom Sieg

Im Spitzensport ist eine Zuwendung zu Trainer-Oldies zu beobachten – vor allem in Berlin. Die Senioren sind auch noch so frech und haben Erfolg.

Der 72 Jahre alte Jupp Heynckes ist das prominenteste Gegenargument für alle, die behaupten, dass es irgendwann auch mal gut ist

Der 72 Jahre alte Jupp Heynckes ist das prominenteste Gegenargument für alle, die behaupten, dass es irgendwann auch mal gut ist

Foto: Tobias Hase / dpa

So verrückt wie Rudi Gutendorf ist nicht mal Stelian Moculescu. Gutendorf, der alte Weltenbummler, steht im Guinness-Buch der Rekorde: Er gilt als der Fußballtrainer mit den meisten internationalen Engagements. Heute ist er 91 und immer noch an der Seitenlinie. Bei der dritten Mannschaft von TuS Koblenz, dem bundesweit ersten Flüchtlingsteam in einem regulären Spielbetrieb. Gutendorf war 1986 auch mal bei Hertha, aber nur vier Monate, weil die Sache in Liga zwei nicht hinhaute. Doch zu Hertha kommen wir später.

Moculescu also. Der gebürtige Rumäne wurde am Montag als neuer Coach beim Berliner Volleyball-Bundesligisten BR Volleys vorgestellt. Er ist noch keine 91, aber auch ein Trainer-Opi. Das ist nicht despektierlich gemeint. Der 67-Jährige hat sieben Enkel. Vor allem aber hat er mächtig viel Erfolg gehabt in seiner langen Trainerkarriere. Allein 27 Titel mit dem Volleys-Rivalen VfB Friedrichshafen und 2008 die erste Olympia-Teilnahme für eine deutsche Volleyball-Nationalmannschaft seit 1972. „Opa erzählt vom Krieg“ muss bei ihm heißen: „Opa erzählt vom Sieg.“

Mit den Stammenältesten die Experimente korrigieren

Spätestens mit Moculescu tritt die aktuelle Zuwendung im Berliner Spitzensport zu Trainer-Oldies deutlich hervor. Drei der sechs Topklubs in der Hauptstadt haben Ü60-Steuermänner. Neben den Volleys auch noch die Füchse-Handballer, wo Velimir Petkovic (61) trainiert. Dazu kommt der Stammesälteste bei Albas Basketballern: Der Spanier Aito Reneses ist bereits 71 – und ebenso eine Trainerlegende in seinem Sport wie Moculescu. Alle drei lösten interessanterweise deutlich jüngere Vorgänger ab: Moculescu den halb so alten Luke Reynolds (32), Petkovic den 45 Jahre alten Erlingur Richardsson und Reneses den 42-jährigen Ahmet Caki. Mit allen dreien wurden Experimente auf den Trainerbänken korrigiert. Mit ihrer Wahl griffen die Klubverantwortlichen nach einem Ausflug ins Ungewisse wieder auf Altbewährtes zurück.

Eigentlich waren doch die Jungen auf dem Vormarsch

Es scheint ja eigentlich einen konträren Trend in unserer Gesellschaft zu geben. Die Jungen wirken auf dem Vormarsch, übernehmen wichtige Posten in der Politik – Sebastian Kurz ist mit 31 Bundeskanzler in Österreich, Emmanuel Macron war 39, als er französischer Präsident wurde – aber auch im Sport. Die Fußball-Bundesliga prägte in den vergangenen zwei Jahren eine nie dagewesene Jugendakzeptanz in Führungspositionen: Julian Nagelsmann war 28, als er Hoffenheims Trainer wurde. Olaf Rebbe stieg mit 38 zum Manager des millionenschweren VfL Wolfsburg auf. Im Handball übernahm Christian Prokop mit 38 die deutsche Nationalmannschaft, wobei ihm nach der unschönen EM neulich das gleiche Schicksal drohen könnte wie den drei jungen Trainern in Berlin. Er könnte durch einen Erfahreneren ersetzt werden. Gleiches gilt für Rebbe.

Die Renaissance der Trainer-Senioren gerade wirkt wie eine Gegenbewegung. Und die Alten sind auch noch so frech und haben Erfolg: Die ersten beiden Fußballligen Deutschlands werden aktuell von den Teams mit den ältesten Trainern angeführt: Friedhelm Funkel (64) ist mit Düsseldorf Spitzenreiter in Liga zwei und Jupp Heynckes (72) mit dem FC Bayern in der Bundesliga. Die Füchse haben mit Petkovic die beste Hinrunde ihrer Vereinsgeschichte gespielt. Alba steht mit Reneses auf Platz zwei.

Heynckes wäre der älteste Champions-League-Sieger

Jupp Heynckes aber ist das prominenteste Gegenargument für alle, die behaupten, dass es irgendwann auch mal gut ist. Seit seiner Rückkehr sind die Bayern wieder die Bayern. Die Liga wird der aus der Rente zurückgeholte Altmeister gewinnen. Vielleicht auch den Pokal. Siegt sein Team zudem in der Champions League, wäre Heynckes der älteste Trainer, der jemals einen Europapokal gewinnen konnte.

Wären wir bei Hertha. Auch da kennt man sich mit Trainer-Opis aus. Helmut Kronsbein war 1979/80 bereits 65. Als Otto Rehhagel die Berliner 2012 nicht vor dem Abstieg retten konnte, war er 73. Eine Trainerlegende, auf die man nichts kommen lassen darf. Aber am Ende erzählte er leider vom Krieg.

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