Die Diskussion wird mit Leidenschaft geführt. Die Intensität wird zunehmen. Es geht um die 50+1-Regel im deutschen Profifußball. Die steht auf dem Prüfstand. Die Regel soll externe Einflussnahme begrenzen und sicherstellen, dass ein Klub immer 50 Prozent der Anteile plus eine Stimme hält. So war es bisher. Die Frage ist, ob das so bleibt.
Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hat am Montag seine 36 Profiklubs in die Pflicht genommen. „Aus Sicht des DFL-Präsidiums erscheint es zweckmäßig, die Formulierung und Umsetzung der 50+1-Regel zu überprüfen.“ Es gehe darum zu klären, „wie Prinzipien der gelebten Fußball-Kultur in Deutschland zukunftssicher verankert werden können und ob gleichzeitig neue Entwicklungsmöglichkeiten zu eröffnen sind.“
Wie sehr öffnen sich die Klubs Investoren?
Vordergründig betrachtet geht es darum: Wie sieht der Fußballverein der Zukunft aus? Wem gehört er? Wie sehr wollen sich die Klubs Investoren öffnen? Das Thema fordert die Beteiligten auf, miteinander zu reden. Gemeint sind die Vereine, in Berlin etwa Manager Michael Preetz für Hertha BSC und Präsident Dirk Zingler beim 1. FC Union. Beteiligt sind deren Mitglieder. Hertha hat 36.000, Union gut 19.000. Die Fans sind eh’ mit im Boot. Und jene, die Milliarden in den deutschen Profifußball pumpen, sich bisher aber selten dieser Diskussionen stellen: Medien-Unternehmen wie SKY, Eurosport, DAZN, ARD und ZDF sowie Klub-Sponsoren.
Miteinander zu reden ist immer gut. Hertha-Mitglieder und -Fans werden gespannt sein, zu hören, wie sich die Klubführung positioniert: Für 50+1? Oder für eine weitere Öffnung gegenüber Geldgebern? Falls ja, zu welchen Voraussetzungen? Die Fans werden zurecht und vernehmbar artikulieren, dass Fußballkultur in Deutschland mehr ist als TV-Showgeschäft. Sie wollen, dass die Bundesliga nicht gentrifiziert wird wie die Premier League. In England ist der durchschnittliche Dauer–karten-Besitzer ein Mann, Anfang 40 mit gehobenem Einkommen. Die Klientel an Jugendlichen und jungen Leuten, die in deutschen Stadien anzutreffen ist, verfolgt die Premier League zumeist im Pub – die Eintrittspreise sind zu teuer.
Das Unbehagen mit englischen Verhältnissen
Die Debatte hierzulande wird nicht vorankommen, wenn sich jede Seite hinter schlichten Argumenten verschanzt im Stil von: Wer die Hand an 50+1 legt, ist ein Totengräber des Fußballs (so aus Ultra-Kreisen zu hören). Oder „Wer das Geld gibt, bestimmt die Musik. So ist das nun mal“ (so Hannovers Präsident Martin Kind). Für einen funktionierenden Fußball braucht es alle Beteiligten. Keine Seite hat die Fußball-Weisheit allein gepachtet.
Es braucht Mut zur Ehrlichkeit. Wer bei seinem Verein auf 50+1 besteht, sollte einverstanden sein, dass es Konkurrenten gibt, die dann mehr Geld haben. Und damit wohl erfolgreicher sein werden. National, weil es externe Geldgeber gibt wie in Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim oder Leipzig. International, weil dort Gegner unterwegs sind, die Investoren gehören, seien es Oligarchen, asiatische Staaten oder US-Milliardäre.
Ungerechtigkeit ist im Fußball tief verankert
Tritt man bei der Diskussion etwas zurück, zeigt sich: Die Frage über Gerechtigkeit im Fußball lässt sich nicht an 50+1 festmachen. Dafür sind die Mechanismen der Ungleichheit im System viel zu sehr verankert. In der Bundesliga leben wir seit Jahrzehnten damit, dass der FC Bayern immer das meiste TV-Geld erhält und der Bundesliga-Absteiger immer das wenigste.
Seit 25 Jahren sorgen die Milliarden aus Champions League dafür, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind: Die Schwergewichte aus den großen vier Ligen teilen den Löwenanteil des Geldes unter sich. So erhält ab der kommenden Saison jeder der vier Bundesliga-Starter in der Champions League 35 Millionen Euro garantiert. Zu den Großen gehört nur, wer dauerhaft in der Königsklasse startet.
Für mittlere Traditionsvereine wie Hertha, Eintracht Frankfurt, Werder Bremen, 1. FC Köln, ist es langfristig wahrscheinlich egal, ob sie sich dafür entscheiden, 50+1 zu behalten. Oder ob die Klubs von einem Investor Summen von 100, 150 Millionen Euro erhalten würden – für das Konzert mit den Schwergewichten der Branche würde es immer noch nicht reichen.




