Hertha BSC

Dardai: „Stevens taktisch nicht schlechter als Nagelsmann“

Hertha-Coach Pal Dardai über den Hype um junge Trainer wie Hoffenheims Julian Nagelsmann, die Abhängigkeit von Spielern und eine Prophezeiung.

Blick über den Tellerrand: Pal Dardai (hier im Olympiastadion) ist seit dem 5. Februar 2015 Hertha-Trainer

Blick über den Tellerrand: Pal Dardai (hier im Olympiastadion) ist seit dem 5. Februar 2015 Hertha-Trainer

Foto: Reto Klar

Berlin.  Eine halbe Stunde war für das Gespräch mit Pal Dardai (41) vorgesehen. Daraus wurden 60 Minuten, in denen sich der Hertha-Trainer bisweilen echauffierte. Am Sonnabend trifft Dardai mit seiner Elf zu Hause auf Hoffenheim und Coach Julian Nagelsmann (15.30 Uhr/Sky). Der 30-Jährige gilt als Vorreiter der neuen Trainergeneration. Nun steht er erstmals im Gegenwind. Dardai ärgert die Kategorisierung zwischen alt und jung. Am Montag wird er drei Jahre bei Hertha im Amt sein. Zeit für ein Gespräch über den Wert der Erfahrung und warum ihm eine schwierige Phase prophezeit wurde.

Herr Dardai, Sie treffen mit Ihrer Mannschaft am Sonnabend auf Julian Nagelsmann, den jüngsten Trainer der Bundesliga. Sie selbst sind elf Jahre älter. Empfinden Sie sich schon als alten Trainer?

Pal Dardai Ich bin froh, dass ich in Julians Alter selbst noch spielen konnte. Wunderbar. Auch wenn es heute einige jüngere Trainer gibt wie Julian, Domenico Tedesco oder Hannes Wolf, der leider entlassen wurde, empfinde ich mich aber noch als junger Trainer.

Jung, und trotzdem erfahren? Sie sind am Montag genau drei Jahre Hertha-Trainer.

Ich denke, ich konnte schon einige Erfahrungen sammeln im Laufe meiner Karriere. Zuerst im Nachwuchsbereich, dann bei der ungarischen Nationalmannschaft und dann hier mit meiner jetzigen Mannschaft. Nachwuchsteams zu trainieren ist etwas ganz anderes als Männermannschaften zu leiten. Erfahrung ist enorm wichtig.

Es gibt die Meinung, zwischen alten Trainern und jungen Trainern zu unterschieden, mache keine Sinn. Stimmen Sie zu?

Ich denke, dass es Situationen gibt, in denen sich Erfahrung auszahlt, vor allem wenn es mal nicht so läuft. Wenn man solche Momente schon mal durchlebt hat, reagiert man anders. Schauen Sie sich Jupp Heynckes an. Er verfügt durch all die Jahre als Trainer und die Arbeit mit vielen Stars und all die Erfolge über eine Ausstrahlung, dass ihm die Spieler automatisch ganz anders zuhören.

Über die jüngeren Trainer heißt es, dass sie alle taktisch hervorragend ausgebildet sind. Bei einigen mündet das in einen regelrechten Hype. Stört Sie das?

Diese Generation hat den Vorteil, dass sie bereits im Nachwuchs viel ausprobieren konnte, ohne dass die Fehler dort so bestraft werden wie in der Bundesliga. Ich glaube nicht, dass jemand taktisch besser geschult ist, nur weil er jetzt gerade ausgebildet wurde. Das würde ja im Umkehrschluss heißen, dass alle anderen Trainer in der Bundesliga taktisch schlecht waren. Das ist Quatsch. Lucien Favre war taktisch sehr gut, Hans Meyer auch, der war an der Tafel hervorragend, oder Huub Stevens. Jeder Trainer hat sein Lieblingssystem, daneben noch ein, zwei andere Systeme. Fünf oder sechs Systeme bringt nichts.

Theorie und Praxis gehen Ihrer Meinung nach weit auseinander in der Bundesliga?

Ich habe noch nie ein System gesehen, das komplett neu war. Das gibt es nicht. Wie gesagt, mit einer U15 oder U16 kann man vieles ausprobieren und seine Erfahrungen sammeln. Das heißt aber nicht, dass es in der Bundesliga genau so funktioniert. Ich glaube nicht, dass ein Huub Stevens taktisch schlechter war als Julian, nur weil zwischen ihnen ein großer Altersunterschied liegt. Alle Trainer haben ihre Stärken, junge genau wie alte. Ich habe in der Bundesliga noch keinen taktisch schlechten Trainer erlebt.

Wie viel hängt in diesem Bereich von den Spielern ab?

Sie sind genauso gefragt wie der Trainer. Wenn sich jemand nicht an die Vorgaben hält, nutzt das beste System nichts. Das Spielermaterial entscheidet sehr viel. Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte.

Nur zu.

Lucien Favre hat während eines Spiels mal rein gerufen: „Pal, wir ändern das System.“ Ich habe dann nein gerufen. Er wieder: „Doch, wir ändern das.“ Ich wieder, nein. Am nächsten Tag hat er mich in sein Zimmer geholt. Ich dachte: Oh, jetzt werde ich abgesägt. Er aber war ganz ruhig und meinte: „Pal, das haben Sie gut gemacht. Sie sind Spieler und müssen auch immer mitdenken.“

Wie ist das Spiel ausgegangen?

Wir haben gewonnen. (lacht) Das war wohl mein Glück.

Es heißt, seit Ihrer aktiven Zeit hat sich vor allem der Umgang zwischen Spielern und Trainern stark verändert. Stimmt das?

Früher gab es Trainer, die haben mit uns drei, vier Tage nicht geredet, wenn wir verloren hatten. Das ist Quatsch. Ich meine, was soll das? Die Spieler heute fragen mehr nach. Ich versuche immer, viel zu erklären und ruhig zu bleiben. In den letzten drei Jahren bin ich zweimal aus der Haut gefahren, einmal musste die Tafel dran glauben. Aber so was kann man nicht jede Woche machen, das nutzt sich ab. Pädagogisch hat die jüngere Trainergeneration vielleicht Vorteile.

Heute ist oft von der Generation Smartphone die Rede.

Natürlich haben die Jungs heute andere Interessen als wir früher. In dieser Hinsicht hat mir meine Zeit als Nachwuchstrainer geholfen. Bei mir dürfen die Spieler auch am Spieltag ihr Telefon benutzen. Solange es nicht die Spielvorbereitung stört, habe ich kein Problem damit.

Hoffenheim steckt zum ersten Mal unter Nagelsmann in der Krise. Zeigt sich die besondere Qualität eines Trainers erst in schwierigen Momenten?

Ich würde nicht sagen, dass Hoffenheim in der Krise steckt. Schauen Sie doch nur, wo Köln, Hoffenheim und wir in der Tabelle stehen. International zu spielen können nur Bayern und Dortmund mit ihren Kadern verkraften, alle anderen nicht. Dafür ist die Bundesliga zu ausgeglichen.

Inwiefern hilft es Ihnen als Trainer, dass Sie eine lange Spielerkarriere hatten?

Sehr viel. Dadurch, dass ich die Situationen ja selbst erlebt habe und weiß, wie die Spieler sich fühlen. Sei es im Abstiegskampf, oder während der schwierigen Situation im Herbst, als wir einige Spiele nicht gewinnen konnten. In solchen Momenten bringt es nichts, draufzuhauen, so wie einige meiner Trainer es früher gemacht haben.

Laufen Sie dadurch nicht automatisch Gefahr, zu nett zu sein?

Es gibt immer eine Grenze. Alles ist ein Geben und Nehmen. Viel entscheidet sich in den ersten Wochen, so als würde ein neuer Lehrer in die Klasse kommen. Da müssen die Schüler auch merken, wie weit sie gehen können.

In dieser Saison sind bereits sieben Trainer entlassen worden. Ist das Geschäft noch härter geworden?

Am Ende entscheiden immer die Spieler. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo sie dein Gesicht nicht mehr sehen können. Das ist ganz normal, alles nutzt sich ab. Ich habe das Glück, dass ich hier mit jungen Spielern arbeiten kann, die motiviert sind und zuhören. Momentan können sie mein Gesicht noch sehen (lacht).

Der Druck, der auf Trainer lastet, ist immens. Jeff Strasser musste kürzlich während eines Spiels mit Herz-Rhythmus-Störungen ins Krankenhaus gebracht werden. Spüren Sie auch den Druck?

Ich habe bisher null Komma null Druck gespürt. Auch nicht als uns in einer Phase in der Hinrunde von außen eine Krise reingeredet wurde. Wirklich nicht. Ich habe seit drei Jahren gezeigt, dass ich meine Arbeit vernünftig mache.

Gibt es heute noch Platz für Visionen?

Sie zu haben ist immer noch wichtig. In der Gegenwart musst du immer auch schon die Zukunft bauen. Ich weiß, wo ich hin will und wie ich spielen will. Dafür verpflichten wir die passenden Spieler. Wenn wir zum Beispiel als Mannschaft insgesamt zu langsam sind, muss die Schnelligkeit verbessert werden. Wenn die individuelle Qualität fehlt, müssen Individualisten hinzugefügt werden. Aber das geht nicht so schnell, das muss langsam wachsen.

Zu Ihren Lieblingsprojekten zählt die Integration des eigenen Nachwuchs. Sehen Sie Hertha da auf einem guten Weg?

Ich finde, so wie wir es bisher gemacht haben, sehr gut. Wenn wir Spieler in der Akademie finden, die das Zeug für die Profimannschaft haben, bauen wir sie ein. Wenn wir merken, dass auf Positionen Bedarf besteht, die wir selbst nicht abdecken können, kaufen wir junge Spieler ein, so wie es zuletzt bei Davie Selke der Fall war oder bei Valentino Lazaro. Bei uns können sich Spieler entwickeln, das hat sich schon herumgesprochen.

Kritiker werfen Ihnen vor, so würden Herthas Spiel nicht weiterentwickeln. Empfinden Sie das als ungerecht?

Ich sehe das nicht so. Wir haben vielleicht nicht so viele Punkte wie letztes Jahr, aber das hat bekannte Gründe. Als wir vor Jahren das letzte Mal Europa League gespielt hatten, ging es für Hertha BSC hin und her. Jetzt haben wir alles, nur kein Chaos. Jeder würde gern Champions League spielen, aber wir sind hier realistisch und wissen unsere Möglichkeiten gut einzuschätzen. Man kann keine Burg aufbauen, ohne ein gutes Fundament. Wir stecken mitten in einem Generationswechsel und haben Spieler entwickelt.

Zu den Schwierigkeiten bei Hertha gehört, dass diese Spieler nur schwer zu halten sind wie im Fall von John Anthony Brooks.

Richtig. Wir haben eine talentierte Gruppe. Stark, Weiser, Plattenhardt zum Beispiel. Auch deshalb sage ich immer, unser Ziel muss es in jeder Saison sein, zuerst 40 Punkte zu erreichen. Dann können wir weitersehen. Man darf uns nicht vergleichen mit Barcelona.

Im vergangenen Jahr erreichten Sie mit Hertha die Europa League und trotzdem hieß es, die Mannschaft spiele unansehnlich. Trifft Sie so ein Vorwurf?

Jeden Menschen kann man nicht glücklich machen. In diesem Jahr spielen wir teilweise besser, aber die Punkte fehlen. Mal haben wir sehr gute Spiele, dann wieder weniger gute. Das ist nun mal so, wenn man eine junge Mannschaft hat. Noch mal: Für mich ist es wichtig, dass wir in einer Saison mit Doppel- und Dreifachbelastung 40 Punkte holen.

Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Trainer aus?

Wichtig ist, der Mannschaft Aufgaben zu geben, die sie auch erfüllen kann. Wenn Sie ständig etwas verlangen, was unrealistisch ist, denken die Spieler irgendwann, sie wären schlecht. Das wäre fatal. Fußball hat immer viel mit Psychologie zu tun.

In den kommenden Wochen heißen die Gegner Hoffenheim Leverkusen, Mainz, München, Schalke. Was ist da von Hertha zu erwarten?

Das ist ein sehr schwieriges Programm. Als mein Vater gestorben ist, hat ein Bekannter, der sich mit Astrologie beschäftigt, mir gesagt, bis zu meinem Geburtstag (16. März) wird einiges eher schlecht laufen, aber danach kommt lange eine richtig gute Zeit.

Glauben Sie an Astrologie?

Ich muss es wohl akzeptieren. (lacht) Diese Woche ist bei mir zu Hause die Heizung kaputt gegangen, erst nächste Woche kommt jemand, um sie zu reparieren. Das ist leider so. Ich akzeptiere das. Nachher gehe ich nach Hause, beheize ein Zimmer mit Holz, kippe warmes Wasser in die Badewanne und fertig. So ist Pal Dardai.